Ballett-Stunde
Ballett blieb in meiner Kindheit eine Leerstelle. Als damals andere zur Ballett-Stunde gingen, war ich lieber in der Badi oder im Stall am Misten, um mir Reit-Unterricht zu verdienen. Vielleicht war ich deshalb so beeindruckt, am Prix de Lausanne so viele junge Leute zu sehen, die sich freiwillig dermassen drillen lassen. Zwischen 15 und 18 kam mir Vieles in den Sinn, aber Ballett und die Disziplin, die dahinter steht, davon war ich meilenweit entfernt.
Natürlich beeindrucken diese Körper, 100 Prozent Muskelmasse, das hat schon was. Nur einige asiatische Teilnehmer am Wettbewerb, unterwegs mit strengen Trainerinnen oder Gouvernanten, machten nicht den Eindruck, ganz freiwillig hier zu sein. Aber die meisten Tänzer, so hab ich das erfahren in Gesprächen mit Habitués, wollen diesen Kampf, diese Entbehrungen, diese totale Selbstdisziplinierung. Sonst würden sie wohl auch nicht glücklich werden in diesem extremen Beruf. Ich fand es jedenfalls sehr spannend in Lausanne.
Mir hat Kulturplatz einmal mehr den Blick in eine Welt ermöglicht, in die ich sonst nie die Einblick gehabt hätte. Das hat nicht nur mich, sondern das ganze Team beeindruckt. Es gab einen Moment während des Drehs, da hätten wir dringend weitermüssen, zum nächsten Interview, zur nächsten Einstellung. Aber alle standen da wie gebannt - und schauten auf die Bühne, auf der ein junger Tänzer die Schwerkraft überlistete und uns mit seiner Anmut zum Träumen brachte.
Villa Gerber
Chantal Michel, die Verwandlungskünstlerin, hat uns in ihr Haus eingeladen. Da, wo einst der Direktor der Firma Gerber Käse residierte, sind jetzt alle Fenster abgedunkelt. Von aussen gibt die Villa Gerber also nichts preis. Im Inneren offenbart sich eine verträumte Welt mit muffig charmantem Flohmarkt-Charakter: Ausgestopfte Tiere, Omas Lampenschirme, alte Brautkleider erzählen Geschichten. Chantal Michel ist eine begnadete Sammlerin nostalgischer Trophäen, nach denen sich urbane Menschen die Finger lecken.

Merke: Die Brockis weit weg von Zürich haben noch wahre Schätze zu bieten! Aber zurück zur Villa Gerber. Ein Haus voll mit Bildern und Videos. Die Zitate, die Chantal Michel für ihre weiblichen Rollenspiele verwendet, sind zwar nicht grade taufrisch (Kindfrau schleckt am Schöggeli mit grossem Augenaufschlag, Porno-Allüren und nackter Popo auf der Vase).

Aber es ist trotzdem amüsant, sich Stationen einer Selbst- und Fremddarstellung anzuschauen. Zudem ist die Künstlerin ja auch noch Wirtin und Gastgeberin - echtes Multitasking also. Und das jeden Samstag, dann ist die Villa ein offenes Haus. Das Essen im Gewölbekeller verspricht romantisch zu werden, der Abend auf der Veranda lauschig, wenn dann die Temperaturen wieder steigen.
Nur das schwere Parfüm, das teilweise in den Räumen hängt, hat mir leichtes Kopfweh bereitet. Ob es noch von der Gerber-Käsli Direktoren-Gattin stammt? - Ich würd'der Villa Gerber in Thun einen kleinen Luftzug wünschen. Und dann - lässt sich's dort gut lustig sein!
Freiheit ist Alles
8
Seit 15 Jahren sitzen keine Häftlinge mehr im Bezirksgefängnis Uster. Und trotzdem ist das Gefühl kein gutes, wenn man das Gebäude betritt. Ich suche nach Spuren der Häftlinge und finde Einiges. Die klassischen Striche, um die Tage zu zählen, treffe ich in mehreren Zellen an. Botschaften, teilweise kryptisch. In einer ehemaligen Frauenzelle steht: "Alex, sag die Wahrheit". Wer das wohl geschrieben hat? Ist mit Alex ein Mann gemeint, der draussen ist und vernommen wird? Oder eine andere Frau, eine Zellenkollegin, die aufgefordert wird, ehrlich auszusagen?
Die Phantasie schlägt Purzelbäume. Am schlimmsten ist die Enge in den Einzelzellen. Wenn die Tür zu ist, halte ich es keine 5 Minuten aus. Unvorstellbar, hier Tage, Wochen, Monate zu verbringen. Dann ein Schild "Anlieferung Häftlinge". Wieder Bilder im Kopf, die sich verselbständigen. Angenehme Ablenkung verspricht die Kultur im Knast: Aber die musikalische Performance unter dem Titel "Klangzellen" macht es dem Besucher nicht einfach. Die Improvisationen sind anspruchsvoll, um es nett zu sagen. Die Idee allerdings, frei Improvisierende in Zellen zu sperren, gefällt mir gut. Noch besser gefällt es mir, als die Tür hinter uns ins Schloss fällt. Der Himmel, die frische Luft. Freiheit ist Alles. Und nicht selbstverständlich.
Scherben bringen Glück ...
Sagt man so schön. Und Versicherungsfälle! Mein Jahr muss besonders glücklich werden, wenn man die exquisiten Scherben bedenkt, die ich uns beschert habe bei unserem Dreh im Sportmuseum in Basel.
Das Wort Museum ist ja etwas irreführend, eigentlich ist dieser wunderbare Ort zum Stöbern mehr ein Lager. Und so muss man sich auch den Pokal-Raum vorstellen, von Insidern Panic-Room genannt, weil er so eng und tief ist und in mir kurz vor dem Scherbenfall leicht klaustrophobische Gefühle auslöste. Der Kameramann sagte noch, steh ein wenig weiter rechts, ich schau leicht schwindlig runter und sehe nur stabiles Zinn neben meinen Stiefeln stehen. Aber hops - hinter mir stand Porzellan. Teures Porzellan - und altes dazu. Alphonse Gemuseus auf Lucette hat es springreitend erstanden, bei der Olympiade in Paris 1924.
Nun ist die Vase kaputt. Mein schlechtes Gewissen können Sie sich denken. Jetzt bin ich der Elefant im Pokal-Laden und werde nie mehr schimpfen, wenn meine Kinder was zerdeppern
Tokyo Sunrise
Am Abend nach dem Besuch beim Zen-Priester, das totale Kontrast Programm. Shibuja Station spuckt uns aus. Der Mensch ist dort, an der berühmtesten Kreuzung Japans, nicht mehr als eine Ameise.
Überall Lichtreklamen, überall wuseln Leute. Ueberall ist Leben. Danach endlich etwas essen, wir gehen der Nase nach und stolpern in ein traditionelles Lokal, wo wir am Boden sitzen und mit dem köstlichsten Essen der ganzen Reise verwöhnt werden.
Am andern Morgen, mein letzer Sonnenaufgang in Japan.
Danach fliege ich aus dem Morgen des Ostens in die Nacht des Westens und würde ich nicht schlummern, könnte ich die Sonne ein zweites Mal aufgehen sehen. Es war eine unvergessliche Erfahrung, unsere Reise nach Japan. Sayonara!
Der Mönch Genyu Sokyu
Das neue Jahr ist jung, meine Erinnerungen an unsere Reise frisch. Am meisten beeindruckt hat mich der Besuch beim Zen-Priester und Schriftsteller Genyu Sokyu. Er harrt aus, wo sein Tempel steht. Und das ist 45 Kilometer entfernt vom Reaktorunglück, in der Präfektur Fukushima. Er lebt, was Zen heisst. Das hat mich gerührt und anhaltend beeindruckt.

Rund um das Kloster liegt ein weitläufiger Friedhof zwischen Bäumen. Viele Grabsteine liegen nach dem Erdbeben am Boden. Doch die Stimmung an diesem Ort ist trotzdem friedlich, fast feierlich. Bevor ich die Japan Reise angetreten habe, machte ich mir über diesen Teil am meisten Sorgen. Ich konnte schlecht einschätzen, was es bedeutet, in ein Gebiet zu fahren, das verstrahlt ist. Es machte mir Angst.
Inzwischen weiss ich, dort wo wir waren, ist ein Aufenthalt von ein paar Stunden unbedenklich. Ein Fachmann von Greenpeace hat das bestätigt. Den Zahlen aus Japan wollte ich nicht trauen. Ich kann nicht beurteilen, welche Informationen wirklich unabhängig sind. Aber vor Ort dann, als wir Grüntee tranken mit Genyu Sokyu, als er uns erzählte von seinem Leben, erschienen mir meine Ängste aus einem anderen Leben zu stammen. Was zählte, war dort zu sein, dieses Gespräch führen zu können. Den wunderschönen Khaki-Baum im Garten zu sehen. Und dann, auch wieder zu gehen. Erleichtert ein wenig, um eine wertvolle Erfahrung reicher.
Tadao Ando

Nach einem morgendlichen Tee mit grandioser Aussicht aus dem 31. Stock im Stadtviertel Shinjuku reisen wir nach Osaka zum Star-Architekten Tadao Ando. Noch ein Kulturschaffender, der ganz vorne mittut. Er ist im nationalen Wiederaufbaurat und fordert sein Land mit ungeschönten Worten, aufzuwachen nach den Jahren des trägen Wohlstands und endlich die Debatte zu eröffnen über Japans Weg in die Zukunft.

Das Gespräch mit ihm gleicht einer Audienz. Der kleine Mann bringt unsere japanischen Übersetzerinnen vollkommen aus dem Häuschen! Er hat alle grossen Architektur-Preise gewonnen hat. Seine Bauten kann man als sehr japanisch lesen, reduziert, fast immer rund. Der Westler denkt an Zen. Die Bauten sind spektakulär. Tadao Ando, einer der von unten kam. Einst Boxer und wohl der einzige Architekt mit Weltruf, der nie ein Studium abgeschlossen hat.
Die Interview-Termine mit ihm sind rar. Und da Ando kein Englisch spricht, findet die Begegnung nach traditionell japanischen Regeln statt. Wie fast alle meine Gespräche auf dieser Reise. Was gewöhnungsbedürftig ist: Meine Frage dauert 15 Sekunden. Die Übersetzerin braucht dafür mindestens 2 Minuten. Sie muss sämtliche Höflichkeits-Formen berücksichtigen. Die Antwort dauert bestimmt 5 Minuten. Japan war für mich eine einzige Geduldsprobe! Merke: Es gibt keine schnellen Entscheidungen, keine im schnellen Wechsel geführten Gespräche. Keine Begegnungen ohne Visitenkarten! Und die Garderobe ist auch entscheidend. Nicht nur weil man die Schuhe rasch an und ausziehen muss. Ein Land zwischen Hightech und Tradition total. Ich bin öfter mal vor den Kopf gestossen über diese Mischung.
Im Hochgeschwindigkeitszug geht's zurück nach Tokyo. Draussen fliegt der Mount Fuji vorbei. Bald erzähle ich Ihnen mehr von unserer Reise nach Japan. Mit welchen Gefühlen ich etwa in die Präfektur Fukushima gefahren bin, bis 45 Kilometer ans Zentrum der Katastrophe. Und dort einen Zen-Priester und Schriftsteller getroffen habe. Inzwischen werde ich, zurück im hier und jetzt, den 4. Geburtstag unserer Tochter feiern.
Kenzaburo Oe

Wir waren bei einer Samstags-Demonstration von "Sayonara Nuke" dabei. Prominentester Redner war Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe. Er engagiert sich in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Seit vergangenem März sammeln Aktivisten Unterschriften für einen Atomausstieg. Noch gibt sich die Politik unbeeindruckt und berät über neue Wiederaufbereitungsauflagen. Doch der Druck wächst. Von prominenter Seite.

Unsere Reise nach Japan
In der Sendung vom 4. Januar 2012 haben wir unseren Kulturplatz für einmal 9000 Kilometer weiter nach Osten gelegt, in eine andere Zeitzone und in eine wahrlich fremde Welt.

Bei uns im Westen ist dieser Wandel noch kaum wahrnehmbar. Aber in Japan ist es beispielsweise schon eine grosse Sache, dass Menschen auf die Strasse gehen und gegen die Atom-Politik demonstrieren. "Sayonara Nuke" heisst die neue Bewegung, was frei übersetzt so viel bedeutet wie "Tschüss Atomkraft". Und weil sie neu sind in der Kunst des Protestierens, übernehmen die Demonstranten Logo und Schriftzug (!) der Fahne, die wir bestens kennen, die in Tokyo aber kaum jemand lesen kann.

Das Jahr ist fertig. Ich bin es auch.
Ja,es lässt sich vortrefflich jammern in diesen nassgrauen Tagen. Wem immer ich „e guets Neus" wünsche, verzieht das Gesicht und meint, schlechter als 2011 könne es ja nicht werden. Was ist denn los! Waren die vergangenen Monate wirklich für überdurchschnittlich viele Menschen ein einziger „Chnorz"?
Umso mehr freue ich mich, für den Kulturplatz vier Schweizer zu treffen, die - zumindest in beruflicher Hinsicht - ein äusserst erfolgreiches Jahr verbuchen. So auch Bice Curiger. Als erste Frau kuratierte sie die Biennale Venedig und sorgte damit gleich für einen Besucherrekord. Beim Interview im Kunsthaus Zürich erzählt sie mir strahlend von der gigantischen Herausforderung.

Sie könne sich allerdings kaum an die Eröffnung erinnern. Sie habe sich unter diesen Sonnenschirm gesetzt und einer Maschine gleich unzähligen Journalisten unzählige Fragen beantwortet. Als wir die Kamera ausschalten ergänzt sie mit leiser Stimme, letztens sei ihr eines dieser ausführlichen Zeitungsinterviews zwischen die Finger gekommen. Aber sie könne sich tatsächlich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie in Venedig mit dem ihr bekannten Journalisten gesprochen hatte ...
Wieviel uns vom alten Jahr auch in Erinnerung bleibt - vor dem Neustart lohnt es sich wohl herunter zu fahren und das eine oder andere update zu installieren. In diesem Sinne: Gute Erholung und e guets Neus!
von: Nina Mavis Brunner

















