Mehr Reisen
Samstag, 23.01.2010 München - Basel:
Unterwegs im Zug zwischen Ulm und dem Bodensee... Seit gestern sind wir mit „Bonnie & Clyde" nicht mehr auf der Probebühne, sondern auf der Originalbühne der Münchner Kammerspiele und wir spüren, dass die Premiere näher rückt, und so fehlte mir die Zeit, diesen Blog noch vor dem Wochenende fertig zu schreiben.
Donnerstag, 21.01.2010 Nach der Probe „Sterbeszene Buck Barrow":
... von München kommend unterwegs im Intercity zwischen Flughafen Zürich und Solothurn. Schönes Reisewetter, Sonne, leicht verschneite Landschaft... . Ich bin gerne im Zug unterwegs. Oft lerne ich Text im Zug, weil's mir leichter fällt, wenn ich unterwegs bin. Andere lernen Text in einer Kneipe, mit viel Betrieb und lebhaften Menschen um sich rum. Ich bevorzuge die Bewegung. Meistens bin ich dabei allerdings zu Fuss unterwegs, gerne auch in der Natur. Textlernen wird so zu einem körperlichen Vorgang. Das hilft mir, dem Sprachrhythmus auf die Schliche zu kommen. So habe ich auch heute früh für „Bucks" Sterbe-Szene in „Bonnie & Clyde" meinen Text gelernt. Buck Barrow, den ich spiele, ist Clyde's Bruder und der Erste aus der Bande, der im Kugelhagel der Polizei stirbt. Kugelhagel und Schiesserei auf der Bühne sind meistens fragwürdig und eher lächerlich. Im Film ist das einfacher, nicht nur weil man technisch „schummeln" kann, sondern, weil Film eben, wie John Berger sagt, den Zuschauer woandershin, in eine andere Realität entführt. Film suggeriert in der Regel Realität. Das ist im Theater so nicht möglich und deswegen suchen wir für Schiesserei und Flucht vor der Polizei eher nach einer Verfremdung. Möglicherweise wird aber dann wichtig sein, die Folge der Schiesserei, nämlich das Sterben, emotional zu spielen. Buck wird in Clyde's Armen sterben. Um das ernsthaft probieren zu können, muss ich den Text frei zur Verfügung haben und kann mich nicht dauernd an den Souffleur wenden - also machte ich mich heute früh auf zu einem Spaziergang durch München. Um diese Zeit ist München wunderbar wie jede erwachende Stadt. Alles noch ziemlich ruhig. Menschen, die schon unterwegs sind, schauen in der Regel frisch aus, haben den Tag noch vor sich. Eine gewisse Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit liegt noch in der Luft. Das hilft mir, mich zu orientieren und auf den Text zu konzentrieren.

Freitag, 22.01.2010 nach der Premiere von „Zwerge Sprengen":
... wieder im Zug von Solothurn zurück nach München ... . Die Premiere von „Zwerge Sprengen" gestern Abend war hervorragend! Es hat grossen Spass gemacht! Bisher hatte ich erst einen frühen Rohschnitt und den auch nur auf einem Bildschirm gesehen. Die Wirkung auf der grossen Leinwand ist unvergleichlich besser. Und das Publikum in Solothurn war toll! Ich hatte den Eindruck, die Zuschauer gingen voll mit den Doppel- und Dreifachbödigkeiten unserer Geschichte und mit dem Witz von Christofs Dialogen. Es wurde geschmunzelt und gelacht, manchmal auch an Stellen, die ich während des Drehs überhaupt nicht komisch fand, und zum Schluss gab's langen und kräftigen Applaus - was will man mehr! „Zwerge Sprengen" ist ein richtig schöner Schweizer Film geworden. Christof Schertenleib führt den Zuschauer unauffällig, schon fast hinterlistig durch eine Welt, die wir Schweizer gut kennen: Die heile Welt der Familie Schöni, in der Freundlichkeit auch schon mal aggressiv eingesetzt wird und sich Toleranz mitunter als Scheintoleranz entpuppt. „Ein Schweizer Film mit Charme und Schalk ..." - „Wieder mal ein Schweizer Film mit Leichtigkeit und Humor ..." - herrlich, das habe ich gestern Abend nach der Premiere oft gehört, und besser könnte ich selbst den Film nicht charakterisieren - "Französische Leichtigkeit ...".


Die Stimmung anschliessend bei der Eröffnungsparty war heiter und angeregt, alle waren gut gelaunt. Max Gertsch und ich, die wir die beiden Brüder im Zentrum der Geschichte spielen, wiederholten für die Fotografen ein paar Mal unser Rauchritual aus dem Film ... . Alles mit ein bisschen rotem Teppich aber nicht zuviel und in Gesellschaft der Kollegen, die ich zuletzt im September 2008 beim Dreh gesehen hatte ... . Die Reise nach Solothurn hat sich gelohnt. Jetzt sitze ich wieder im Zug nach Zürich Flughafen ... .
Beim Abschied am nächsten Morgen war Solothurn nichts mehr von der gestrigen Festivalstimmung anzumerken - oder noch nicht: ein paar Festivaltage mehr voller Filme und Cinéasten und Cinéphilen werden ohne Zweifel ihren Eindruck hinterlassen.
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