Reisen
Seit Dezember reise ich wieder öfter zwischen Basel, Zürich und München hin und her. In Basel lebe ich mit meiner Familie, in Zürich spiele ich „Der Revisor" und in München probiere ich seit Dezember an den Kammerspielen „Bonnie&Clyde". Regie führt Barbara Weber und Dramaturg ist Matthias Günther, mit dem ich einige Arbeiten am Theater Basel gemacht habe. An Barbara und Matthias gefallen mir ihr unvoreingenommener und unkomplizierter Umgang mit Stoffen und Schauspielern.

Es ist klar, dass wir den Film BONNIE&CLYDE von Arthur Penn nicht einfach nachspielen werden, das wäre unsinnig, sondern wir werden eine Geschichte erzählen, die eher einem Erforschen bestimmter Mythen, die durch den Film aufscheinen, gleichkommen wird. Dazu gehört auch, dass wir Material aus anderen Filmen, die stark von BONNI&CLYDE beeinflusst worden sind, mit einbeziehen.
Auf der Suche nach Texten und Sekundärliteratur zu diesen Filmen und zu Film grundsätzlich bin ich wieder auf einen Autor gestossen, den ich sehr schätze: John Berger.
Im zweiten Essay „Ev'ry Time We Say Goodbye" aus seinem Erzählband BEGEGNUNGEN UND ABSCHIEDE/ÜBER MENSCHEN UND BILDER (John Berger, Fischer Taschenbuch Verlag, 2000) schreibt John Berger über die Unterschiede zwischen einem Gemälde, Theater und Kino:
„(...) Das gemalte Bild macht das, was abwesend ist - hat es sich doch in weiter Ferne oder vor langer Zeit zugetragen - gegenwärtig. Das gemalte Bild bringt, was es abbildet, ins Hier und Jetzt. Es sammelt die Welt und bringt sie nach Hause. (...) Weil seine Bilder sich bewegen, bringt uns das Kino fort von der Stelle, wo wir uns befinden, hin zum Schauplatz der Handlung (Action! Murmelt oder brüllt der Regisseur, um die Szene in Bewegung zu setzen.) Malerei bringt nach Hause. Das Kino versetzt nach anderswo. Vergleichen wir nun das Kino mit dem Theater. Beide sind dramatische Kunstgattungen. Theater bringt Schauspieler vor ein Publikum, und diese Schauspieler füllen eine Spielzeit lang allabendlich dasselbe Drama mit Leben. Dem Theater wohnt von seinem tiefsten Wesen her ein Grundgefühl ritueller Wiederkehr inne. Im Gegensatz dazu versetzt das Kino sein Publikum als Individuen, als einzelne aus dem Theater hinaus ins Unbekannte. (...) Die Leinwand ist, sobald die Lichter ausgehen, keine Fläche mehr, sondern ein Raum. Keine Wand, (...) sondern eher wie ein Himmel. Ein Himmel, erfüllt von Begebenheiten und Menschen. Wo sonst sollten Filmstars herkommen, wenn nicht aus dem Himmel? Am Ende eines Theaterstücks legen die Schauspieler die Rollen ab, die sie gespielt haben, und treten ins Rampenlicht, um sich zu verbeugen. Der Applaus, der ihnen gezollt wird, ist ein Zeichen der Anerkennung dafür, dass sie an diesem Abend das Drama ins Theater gebracht haben. Am Ende eines Films müssen die Protagonisten, die noch am Leben sind, ihrer Wege gehen. Wir sind ihnen gefolgt, ihnen hinterher gepirscht, und dort draussen müssen sie sich uns schliesslich entziehen. Das Kino handelt unablässig vom Fortgehen. „Wenn es eine Ästhetik des Kinos gibt", hat René Clair gesagt, „dann lässt sie sich in einem Wort zusammenfassen: Bewegung." Bewegte Bilder - mit einem Wort: movies. Vielleicht halten deshalb so viele Pärchen im Kino einander die Hand, was sie im Theater nicht tun. Eine Reaktion auf die Dunkelheit, sagt man. Vielleicht auch eine Reaktion auf das Reisen. Kinosessel sind wie Sitze im Flugzeug. (...) "
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Es lohnt sehr und ist ein Vergnügen, John Berger zu lesen. Seine Aufsätze in DAS LEBEN DER BILDER ODER DIE KUNST ZU SEHEN (Berlin 1981), z.B. sind wunderbare und packende „Reiseführer" zu Werken grosser bildender Künstler. „Eine Schule des genauen Sehens, die in der zeitgenössischen Prosa nicht ihresgleichen hat" (aus dem Klappentext einer seiner Essaybände).
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