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Ich stehe in meinem Zimmer, sitze in meinem Zimmer in München, das mir die Kammerspiele zur Verfügung stellen und für Sekunden habe ich den authentischen Eindruck, nicht nur im Zimmer sondern gleichzeitig auf den schwarzen Holzplanken der Bühne der Kammerspiele zu stehen oder zu sitzen. Nach der ersten AMA vor ein paar Stunden, d.h. nach der ersten Probe Alles-Mit-Allem, mit Kostüm, Maske, Licht, Ton usw. war ich im Englischen Garten spazieren und bin jetzt zurück in meinem Zimmer und ... gleichzeitig auf der Bühne der Kammerspiele - da habe ich wohl irgendwas von dem Alles-Mit-Allem mit nach Hause genommen. Es fühlt sich an wie Schwindel. Nicht unangenehm, mir ist nicht schlecht, der helle Holzboden meines Zimmers ist schwarz wie der Bühnenboden und dreht sich langsam - oder der Raum dreht sich oder ich drehe mich ... . Das kommt davon, denke ich, wenn man mit Drehbühne und gleichzeitig ohne festgelegtes Stück oder festgelegten Text arbeitet. Wir stehen mit der Produktion Bonnie&Clyde kurz vor der Premiere und haben zwei Monate Proben, Beschäftigung mit einem Filmstoff hinter uns und sind mittlerweile jeden Tag auf der Originalbühne, die sich im Verlauf des Stückes öfter dreht, mal schnell, mal langsam, links rum, rechts rum. Die „Hardware" dreht sich und die „Software" besteht aus einem Film, aus bewegten Bildern also, aus dreidimensionalen Eindrücken. Da ist es kein Wunder, dass sich auch die Privatsphäre mal dreht und bewegt. Normalerweise arbeitet man am Theater mit Text als Grundlage.
Text vermittelt Linearität, das Gefühl von Geschichte. Damit sind wir vertraut. Text erklärt uns, in welcher Geschichte wir uns befinden. Diese Grundlage haben wir bei Bonnie&Clyde nicht. Der Film bildet unseren Bezugsrahmen, er ist offen und grenzenlos. Vielleicht stehe ich deswegen schwindlig im Zimmer; weil mir der gewohnte Boden fehlt; weil die gewohnte Sicherheit schwindet. Schwindel. Vielleicht ist mir auch nur schwindlig vom vielen Schwindel-Produzieren.
Dafür werde ich bezahlt. Die Zuschauer bezahlen ja dafür beschwindelt zu werden, schwindlig gemacht zu werden. Sie bezahlen dafür, dass wir ihren Alltag schwinden machen. Und ehrlich gesagt, finde ich auch, dass es nicht nur etwas Bestechendes hat, zu schwindeln, sondern auch reizvoll ist, beschwindelt zu werden. Solange es charmant geschieht. Ich glaube sogar, dass wir Menschen beschwindelt werden wollen, solange es nicht weh tut. Nach Slavoj Zizek in „The Pervert's Guide To Cinema" ist es so, dass „die ultimative Aussage der Psychoanalyse (die) ist, dass Gefühle selbst betrügerisch sind. Es gibt keine speziell falschen Gefühle, denn, wie Freud es genau darlegt, das einzige Gefühl, das nicht betrügerisch ist, ist die Ängstlichkeit. Alle anderen Gefühle sind falsch." Da wäre es nur einleuchtend auf Schwindel, anstatt auf Ängstlichkeit zu setzen. Schwindel. Vielleicht beschreibt Schwindel auch nur den Übergang oder Wechsel von einem Bewusstseinszustand in einen andern. Dazu fällt mir Albert Hofmann ein, der die Psyche des Menschen anschaulich als Radioempfänger beschrieben hat, mit dem wir in der Regel auf einer für alle ähnlichen Frequenz eine in etwa gleiche Sendung empfangen. Es sei aber möglich, durch Frequenzwechsel andere, neue und aussergewöhnliche Sendungen zu empfangen. Er meinte damit, dass es durchaus möglich sei, andere als die tradierte und für uns gewohnte Realität wahrzunehmen. Schwindel. Schwindeln. Schwinden ... .
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