SEHNSUCHT

Der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek sagt in „The Pervert's Guide To Cinema", seinem unterhaltsamen und lohnenswerten dreiteiligen Filmbeitrag zur Kunstgattung Kino:„Sehnsucht ist eine Verletzung der Realität." Bedeutet uns Sehnsucht demnach, dass die Realität nicht heil ist, dass ihr etwas fehlt? Etwas wie eine Wunde, die juckt und die wir gerne immer wieder aufkratzen, bevor sie ganz verheilt? „Die Kunst des Kinos besteht darin, Sehnsucht zu generieren, mit der Sehnsucht zu spielen. Sie aber gleichzeitig in sicherer Entfernung zu halten, sie zu zähmen, sie deutlich werden zu lassen."
Der Film Bonnie&Clyde spielt mit der Sehnsucht, durch ein wildes und verrücktes Leben und einen spektakulären Tod, in Erinnerung zu bleiben - unsterblich werden und dann sterben! Wir steuern bei unserer Inszenierung auf das Ende zu. Wie werden wir diese Reise zu Ende bringen? Wie werden Bonnie&Clyde an den Münchner Kammerspielen sterben? Ich weiss es nicht. Ich gehe davon aus, dass wir weiter wie bisher auf den Proben improvisieren und diskutieren werden, erkunden und erforschen, welche Texte, Spielformen, Musik, Räume, Fantasien sich als richtig erweisen und zusammen passen, um diese Geschichte zu Ende zu erzählen.
Zu unserer Arbeitsweise und Inszenierung fällt mir noch mal Slavoj Zizek in „The Pervert's Guide To Cinema" ein (als er Gemeinsamkeiten zwischen den Werken einiger grosser Filmregisseure erläutert, ohne unsere Arbeit in irgendeiner Weise mit diesen Meistern vergleichen zu wollen):„Meiner Ansicht nach haben wir es hier mit einer Art filmischem (in unserem Fall: theatralischem) Materialismus zu tun, dass wir unter der Bedeutungsebene, spiritueller Bedeutung, aber auch einfacher narrativer Bedeutung, eine grundlegendere Ebene von eigentlichen Formen finden, die miteinander kommunizieren, interagieren, hallen und widerhallen, sich verwandeln und ineinander übergehen. Und dieser Hintergrund, dieser Hintergrund einer Proto-Realität ist etwas Reales, das dichter und fundamentaler ist als die narrative Realität, die Geschichte, der wir zusehen. Das ist es, was die wahre Dichte des filmischen (theatralischen) Erlebens liefert."
Dieser Hintergrund wird bei uns geprägt durch den persönlichen Einsatz aller Beteiligten auf, hinter und vor der Bühne. Natürlich spielt das in jeder Theaterarbeit eine Rolle und ist bei jeder einzelnen Aufführung präsent und spürbar. Je empfänglicher und neugieriger wir allerdings mit den verschiedenen Formen während der Proben umgehen - mit den unterschiedlichen Auffassungen der Schauspieler zum Stück, den unterschiedlichen Arten zu spielen, der individuellen Scham, dem individuellen Wagnis etc. - mithin der oben erwähnten Proto-Realität, desto stärker wird sie den Theaterabend prägen. Ich kann sagen, dass bei unseren Proben dieser Neugier eine grosse Wichtigkeit zukommt und das gefällt mir gut. Es ist, als ob wir eine Reise gebucht hätten, ohne zu wissen, wo genau sie uns hinführt - also keine Pauschalreise. Wir erkunden die Reiseroute, die Wege, die Hindernisse, die Geologien, die Klimabedingungen usw. und die Destination während wir unterwegs sind. Das ist alles nicht ohne Risiko, aber es ist aufregend und passt zum Stoff, den wir auf die Bühne bringen: Bonnie&Clyde. No risk, no fun!
„Unser Problem lautet nicht: Werden unsere Sehnsüchte befriedigt? Das Problem lautet: Woher wissen wir, was wir ersehnen? Menschliche Sehnsucht ist nichts Spontanes, nichts Natürliches. Unsere Sehnsucht ist künstlich. Man muss uns beibringen, uns nach etwas zu sehnen. Das Kino ist letztlich eine völlig perverse Kunstform. Es gibt einem nicht, was man sich wünscht, sondern lehrt die Sehnsucht." Ich glaube, dass das, was Slavoj Zizek über Kino sagt, in gewisser Weise für jede Kunstgattung gilt, sei es Musik, bildende oder darstellende Kunst. Wenn eine Theateraufführung beim Zuschauer echte Sehnsucht weckt, dann ist viel gelungen.
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