Donauwalzer und Viervierteltakt

In einer Woche haben Gottfried Breitfuss und ich Premiere mit „Das Ende vom Anfang". Wenn die beiden Figuren des Stücks gymnastische Übungen machen, wirft Darry seinem Freund vor, er bewege sich „wie ein Donauwalzer im Marschtakt". Ein wunderbares Bild für die Proben zu einer Komödie. Irrtümlicherweise gehen Laien davon aus, dass die Proben zu einer Komödie zwangsläufig lustvoll sein müssen. Das stimmt leider nur bedingt.
Das Spiel in einer Komödie verlangt einen äusserst hohen Grad an Konzentration und meistens auch ein gossen körperlichen Einsatz. Die Wachheit für den Szenenpartner muss sehr hoch sein: man muss sofort in der Lage sein, seine Impulse aufzunehmen und umzusetzen auf winzige Szenenangebote des Mitspielers einzugehen. Im frühen Probenstadium, wenn der Text noch nicht richtig sitzt, wenn man noch mit sich und der eigenen Figur, der Organisation der Requisiten beschäftigt ist, ist der Frustrationsgrad oft sehr hoch, das Scheitern im Spiel sehr häufig.
Eine gute Komödie verlangt ein leichtes Spiel. Die Probenrealität ist anders: wo man mit der Nagelfeile arbeiten müsste , hat man den Fuchsschwanz in der Hand. Wo man mit dem Florett fechten möchte, steht man mit einer Keule in der Hand da. Statt mit der Leichtigkeit eines Donauwalzers zu tanzen, marschiert man im Viervierteltakt.
Im Laufe der Proben tauchen dann allerdings Lichtblicke auf; für einen Augenblick gelingt das Zusammenspiel, man muss selber lächeln weil man im Auge des Szenenpartners ein Leuchten aufblitzen sieht: Der Flugapparat, mit dem man abheben will, beginnt sich unter Ächzen und Stöhnen zu bewegen. Um so frustrierender sind dann wiederum die ersten Abläufe, in denen nichts gelingen, in denen man den Humor erzwingen, die Komik stemmen will. Das Bild eines Albatros, der hilflos Meter um Meter rennt um abzuheben. Baudelaire fällt mir ein: „souvent, pour s'amuser..." Wie lange habe ich das Gedicht nicht mehr gelesen!
Die Probenzeit ging rasend schnell vorüber. Ich bin etwas erschöpft. Gestern dann ein erster Durchlauf mit Licht und Kostüm. In der Szene, wo Darry und Barry die kaputte Uhr untersuchen, trifft mich Gottfrieds Blick und ich kann mich nicht mehr halten: ich muss schallend loslachen. Das Flugzeug ist ein erstes Mal kurz abgehoben. Nun haben wir noch eine Woche um es ganz startklar zu machen. Ich bin gespannt, ob der Motor im Dreiviertel- oder Viervierteltakt brummen wird.
Gottfried Breitfuss ist ein grossartiger Schauspieler und Kollege; ein Berserker, ein besessener Arbeiter. Einer, der sich nicht schont, einer, der immer wieder in den Ring steigt, der nie locker lässt, der jeden Satz untersucht und immer wieder gnadenlos hinterfragt.
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