16.3.2010 12:34

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Heraus mit der Sprache

"Bibi Balù" ist die Geschichte einer tapferen jungen Schweizerin, die ganz allein und aus eigener Kraft auf der einsamen, abgelegenen Südseeinsel Balù ein Lazarett für Eingeborene betreibt. Ohne Hilfe von außen aber droht nun das Lazarett unterzugehen, es fehlt an allem. So rührend die Geschichte ist, sie ist frei erfunden. Weder gibt es eine Bibi, noch eine Insel Balù. Ausgedacht hat sich dies der gescheiterte und mittellose Fritz Sturzenegger, der gerade von einer Weltreise, auf der er sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, nach Zürich zurückgekehrt ist. Es gelingt ihm, einen schmierigen PR-Berater und einen versoffenen Notar von der Idee zu begeistern, gemeinsam in der Schweizer Bevölkerung Spenden zu sammeln für Bibi Balù. Unterstützt werden sie dabei von einer älteren und etwas exaltierten Dame vom Züriberg. Sie hat sich seit Jahren der Wohltätigkeit verschrieben und bringt das nötige Know-how mit. Die Sache kommt ins Rollen und läuft immer besser - bis auf einmal eine junge Frau die Szene betritt und von sich behauptet, sie sei sie, die Bibi.

Gleich auf der Leseprobe macht uns die Dramaturgin darauf aufmerksam, dass wir uns unter Umständen Schwierigkeiten aufhalsen, wenn wir, wie's im Stück steht, die Eingeborenen permanent als Neger bezeichnen. Das Stück ist Anfang der 60er Jahre geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Wort Neger in der Schweiz ganz geläufig war, d' Neger dies, d' Neger das. Damals war das nicht rassistisch, es hatte nicht mal einen Gout . Wir müssen es also dabei belassen.

Wann war denn das eigentlich, als das Wort Neger zum Unwort wurde, woher kam das, wer hat darüber entschieden? Ich frage. Angeblich soll Neger das Deutsche Wort für nigger sein. Aber stimmt denn das? Ist Neger nicht negro? Man soll es nicht mehr sagen, gut. Aber ich tue mich schwer damit. Weil ich die Worte schön finde. Neger, negro. Schöne Worte mit einem schönen Klang. Und ist nicht das „d" in d' Neger viel rassistischer, das kollektive Gleichmachen durch den Artikel? Ist am Ende das Wort Rasse heute schon rassistisch? Ich merke schon, es ist gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. Zudem hat sich die angeblich politisch korrekte Bezeichnung ja auch immer wieder geändert. Farbige, Afroamerikaner, Schwarze, weh dem, der da nicht Bescheid weiß, nicht auf dem aktuellen Stand ist. Weh mir.

Auf den Kontext kommt es an, sagt mein Mann. Und er meint, es waren die Putzfrauen, die eines Tages nicht mehr Putzfrauen genannt werden wollten. So hat man sich auf das Wort Reinigungskraft geeinigt, das hatte lange Gültigkeit. Seit einiger Zeit hört man - am Theater zumindest - nun den Begriff Raumpflegerin. Und neu jetzt, vor kurzem erst, das ist kein Witz, hatte Bühnenkosmetikerin Premiere. Mir reicht das jetzt. Ich putze gern, ich finde Frauen toll, ich sage Putzfrau.

Wär's nicht besser, jeder sagt so, wie er denkt und fühlt? Wenn einer zum Beispiel im Internet über mich schreibt „Dr Marti isch e Schwuchtle" ist mir das recht. Nur zu, heraus mit der Sprache, mir ist es lieber, ich weiß, woran ich bin. Ich kann mir dann immer noch überlegen, ob ich zustimmen, anderer Meinung sein, widersprechen oder drüberstehen will. In diesem Fall stimme ich zu. Ich habe doch selber schon vor einigen Jahren, allerdings in fortgeschritten alkoholisiertem Zustand auf der Tanzfläche einer Berliner Schwulendisco gestanden und „Bewegt Euch, ihr Schwuchteln!" gebrüllt. Hat keinen gestört, hat gar kein Aufsehen erregt. Wenn wir uns untereinander so nennen dürfen, darf es dann nicht auch der potentielle Schwulenhasser, der meint, mir nachts auf dunkler Strasse mit seinem Baseballschläger den Unterkiefer zertrümmern zu müssen? Vielleicht ja, wenn er merkt, dass er das eine darf, meint er nicht mehr, das andere zu müssen.


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