Linda
Mein Mann und ich sind in einer Gästewohnung untergebracht, einer Doppelhaushälfte mit großem Garten, direkt am Waldrand gelegen. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir das erste Mal zur Tür reinkamen. Mit Gästewohnungen kennen wir uns aus, vom finstersten Loch bis zur 5 Sterne Suite im Grand Hotel haben wir in den Jahren unseres Tourneelebens alles gehabt. Diesmal hatten wir besonders Glück. Das Haus ist vom Keller bis unters Dach komplett eingerichtet. Sehr wohnlich, sehr Schweizerisch. Im ersten Stock, in den eine knarrende, ums Eck geschwungene Holztreppe hinaufführt, befinden sich neben einem Bad drei Schlafzimmer. Eins davon ist eindeutig das Elternschlafzimmer mit einer Garnitur aus Ehebett, Kleiderschrank, Kommode und zwei Nachttischchen. Alles ist gut erhalten und sorgfältig gepflegt, das sieht man sofort. Rechts und links daneben sind zwei kleinere Schlafzimmer, wahrscheinlich die für die Kinder, einst. Ich habe mich für das rechts entschieden, es ist etwas kleiner als das andere, hat nur ein Fenster und weist Spuren eines Bubenzimmers auf. Ein großformatiges Poster mit einer exotischen Insel drauf . Balù, sage ich mir. Eine Bettzeugtruhe. Eine Deckenlampe aus orangefarbenem Plastik, die einmal sehr poppig gewesen sein muss. Im Parterre befindet sich neben der Küche eine Stube mit Couchgarnitur, Stehlampe, Vaters Schreibtisch, einem großen Esstisch, einem Buffet mit dem „guten Geschirr", dem Silber und den Kristallgläsern darin, in der Küche in den Schränken dann das gelbe Rössler Geschirr - das alles erinnert mich ein wenig an die Wohnungseinrichtung meiner Urgrossmutter aus den 60er Jahren. Es fehlt an nichts. Sogar ein Fonduegeschirr samt Rechaud und Caquelon steht hier für uns bereit.

Nachdem wir uns in unserem neuen Zuhause eingelebt hatten, hab ich angefangen mich zu fragen, wer wohl die Leute sind, die hier einmal gelebt haben. Die Wohnung wurde uns übers Theater vermietet, wir haben die Besitzer nie persönlich getroffen. Wo sind die Leute jetzt, warum haben sie ihre Sachen nicht mitgenommen dahin, wo sie jetzt sind? In einem der Küchenschränke habe ich eine blaue Tasse aus Keramik gefunden, auf der in weißer Schrift der Name Linda geschrieben steht. Ich trinke meinen Tee aus dieser Tasse, nachmittags, wenn wir dazu kommen. Wer ist Linda, wer mag sie sein?
Irgendwann haben wir dann doch mehr erfahren. Mein Mann musste den Besitzer telefonisch kontaktieren. Aus dem Kamin kam auf einmal, vorwiegend nachts, ein lautes und etwas unheimliches Geräusch, ein lautes Klopfen, Metall auf Metall, wir konnten es nicht orten und konnten es vor allem nicht stoppen. Wir mussten den Besitzer bitten, den Kaminfeger zu bestellen und haben dabei folgendes erfahren. Eine Familie mit zwei Kindern hat hier gelebt, die Kinder sind längst erwachsen, der Sohn und heutige Besitzer hat eine eigene Familie gegründet, die Tochter - vielleicht Linda? lebt heute in den USA. Nachdem die Eltern gestorben sind haben die Kinder beschlossen, das Haus samt Einrichtung zu vermieten und sich zu dem Zweck ans Theater gewendet. Ein Theater engagiert ja häufig Gäste, die nur für eine Produktion verpflichtet werden und die untergebracht werden müssen. Verkaufen wollten die Kinder das Haus nie, die Tochter kommt im Sommer jeweils für ein paar Wochen zurück in die Schweiz, vielleicht wird sie sogar einmal wieder ganz hierher zurückziehen. Dann soll ihr altes Zuhause ihr neues sein.
Ihr Bruder, der heutige Besitzer, hat uns schon dreimal einen Kuchen gebracht. Einmal zur Begrüßung, einmal wegen dem Ärger, den wir mit dem Kamin hatten und einmal einfach so, wohl weil Wochenende war. Gesehen haben wir den Bruder nie, der Kuchen - es ist jedes Mal ein anderer, und er schmeckt jedes Mal sehr gut - stand einfach auf dem Fenstersims. Seine Frau wird ihn gebacken haben. Ich finde das rührend, unglaublich aufmerksam und lieb.
Das Klopfen ist weg, wir trinken Tee, ich schaue auf die Tasse und versuche, mir Linda in Amerika vorzustellen. Wie's ihr wohl geht, ob sie auf dem Land lebt, oder in einer großen Stadt? Ob sie manchmal noch an St. Gallen denkt?
Vor wenigen Tagen erst habe ich ein Gästebuch entdeckt, darin sind die Eintragungen vieler ehemaliger Gäste des Theaters, Sängerinnen und Sänger, Schauspieler, Musicaldarsteller. Künstler, die vor uns hier untergebracht worden sind. Moment. Vielleicht war da ja mal eine Linda darunter. Eine, die auf dem Weg nach St. Gallen an einer Autobahnraststätte beispielsweise - wo man solche blauen Tassen mit weißem Namen durchaus kaufen kann, ich habe sie selber auf dem Weg hierher gesehen, daran erinnere ich mich jetzt auf einmal - die Tasse gesehen und sie für sich gekauft hat in dem Gedanken, dass gerade in einer Gästewohnung, wo einem alles fremd ist und man keine eigene Atmosphäre hat, eine solche Tasse mit dem eigenem Namen drauf genau das richtige sein kann. Und hat dann, als ihre Premiere vorbei war und sie wieder fortging, die Tasse einfach nicht mehr gebraucht und sie hier zurückgelassen.
Das kommt mir sehr banal vor jetzt. Aber genau so kann es auch gewesen sein.
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