9.3.2010 14:37

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Si chönt doch Schwiizerdütsch

Mein Mann hat heute Geburtstag. Wir schenken uns immer viel, aber heuer hab ich's irgendwie nicht kommen sehen und hab erst ganz kurz vor unserer Abreise von Berlin nach St.Gallen online rasch noch einen Haufen Bücher, CDs und DVDs für ihn bestellt. Als Empfänger hab ich mich selbst angegeben, damit ich die Geschenke dann selber noch schön einpacken kann, und als Adresse das Theater St.Gallen.

Theater St. Gallen, Museumsstrasse 24 

Seit wir nun in St.Gallen sind, war ich jeden Tag an der Theaterpforte, um zu schauen, ob Post für mich gekommen ist, was insofern etwas aufwendiger ist, als das Theater St.Gallen zwei Adressen hat. Museumsstrasse 1 - ich meine, das ist die Verwaltung, vielleicht aber auch die Kasse, ich hab's noch nicht raus - und Museumsstrasse 24, das ist das eigentliche Theater. Museumsstrasse 1 ist ein Neubau, alles schick mit Beton und viel Glas, es gibt eine automatische Schiebetür, die bei mir jedoch nicht aufging. Zum Glück kam aber gerade eine junge Mitarbeiterin aus der Verwaltung (oder von der Kasse?) und hat mir aufgemacht. Ich habe mich ihr vorgestellt und erklärt, dass ich Post erwarte, und da ich nicht wisse, wo sie wohl ankäme, auch nicht weiß, wo nach ihr schauen. Nachdem ich ihr das alles gesagt hatte, meinte sie zu mir: „Si chönt scho normal mit mir schwätze!".

Ich hatte Deutsch mit ihr gesprochen. Ah, jetzt geht das los, denke ich, das kenn ich ja schon, denn das passiert mir dauernd und dauernd werde ich dafür gerügt. Ich sage: „Das ist nicht die Antwort, die ich erwartet habe". - „Si chönt doch Schwiizerdütsch, oder nöd?". Erst als ich ihr - auf Schweizerdeutsch! erklärt habe, dass ich selber nicht merke, ob ich Deutsch oder Schweizerdeutsch spreche, war sie schließlich bereit, mir Auskunft zu geben.

Was ist das, was ist da los? Meine Grossmutter hatte mich auch immer korrigiert, wenn ich aus Berlin bei ihr zu Besuch war. „Chasch du nümm Bärndütsch?", in schroffem Ton. Aber sie war meine Grossmutter, und hat mich außerdem schon korrigiert, als ich noch ganz klein war. „Nä-äh!" und „Hä?" waren bei ihr absolut tabu. Und: es heißt „Zwe Manne, zwo Froue, zwöi Ching". Meine Grossmutter ist inzwischen verstorben und fast finde ich schade, dass es nun niemand mehr gibt, dem diese Dinge wichtig sind. Weiß das heute noch jemand, wird da noch drauf achtgegeben?

Zurück zum Thema. In Zürich einmal, im Strandbad, kam ein mir fremder Mann auf mich zu und sagte: „Du, ich hab dich in einem Interview im Schweizer Fernsehen gesehen. Wenn ich Dein Image-Berater wäre, würde ich Dir empfehlen, Schweizerdeutsch zu sprechen". - Hä? Pardon, wie bitte? Ich will keinen Image-Berater, und mit meinem Image soll sich befassen, wer mag, ich befasse mich nicht damit. Seit mehr als 20 Jahren lebe ich in Deutschland, mein Mann ist Deutscher, wir sind seit 25 Jahren zusammen, wir reden Deutsch miteinander, ich denke Deutsch, ich glaube, ich träume sogar Deutsch. Warum muss ich mich dafür entschuldigen, warum muss ich das überhaupt erklären?

Als kleiner Bub fand ich Deutsche auch doof, ganz doof! Deutsche waren die, die Schuld daran waren, dass man am Skilift lange anstehen musste. Von der Sprache wollen wir gar nicht reden. Aber das ist 40 Jahre her, ich war ein kleiner Bub. Heute bin ich da tolerant.

Von den sechs bestellten Paketen ist übrigens nur eins rechtzeitig angekommen, die anderen sind noch unterwegs oder irgendwo hängen geblieben, sie kommen später. Dafür muss ich sie dann auch nicht mehr schön einpacken.


Kommentare
 

10.3.2010 12:04

  

Jep, sehr ähnlich, wenn auch ein wenig anders gelagert ist´s als Berlinerin in Wien...und wenn man dann endlich ein bisschen Wienerisch aufgeschnappt hat, heißt´s in Berlin: Du bist schon viel zu lang da..
Nur weil sich plötzlich die Dinge ausgehen, statt zu klappen, und man halbwegs die verschiedenen Gebräuche von da und dort und hier begriffen hat..
Was ich nie lernen werd sind die merkwürdigen Artikel, die hier gebraucht werden.. Das Cola...Die Spachtel..
Und manchmal fragt mich ein serbischer Freund, der schon länger hier ist als ich, wie der Artikel für etwas heißt..ich sag dann immer: Also ich würd sagen so und so, aber wie das da(hier) ist?? Keine blasse Ahnung!

Tina


22.4.2010 02:38

  

Es mag manchmal anmassend anmuten, was als "hochdeutsch" gelten darf und was nicht, und die wenigsten mögen Verständnis dafür haben, weshalb das Hochdeutsche heute so geadelt wird, während die alemannischen Sprachen der Schweiz, Badens oder des Elsass, das Bayerische und das Sächsische oder Platt scheinbar arrogant als Dialekte, pardon "Mundarten", minder gewertet werden... Ist man sich in der Schweiz bewusst, wie wenig sich der Durchschnittsdeutsche außerhalb Mittel-West-Deutschlands mit seiner Hochsprache identifiziert, das Erlernen dieser oftmals nicht weniger als das Erlernen einer Fremdsprache empfunden wird?
Aber das Hauptthema ist ja ein sehr lebendiger, kurzweiliger und sympathischer Bericht eines Menschen, der mit sichtbaren und verdienten Erfolgen u.a. seine Interpretation des Schweizerseins umsetzt -sei es auf der Bühne, in einem Interview oder einem Blog - der immer neue Formen der Emanzipation der eigenen Person findet und der die interessierte Welt daran teilhaben lässt, wieviel harte Arbeit das mitunter sein kann.

Hagen Sonnabend


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