2.3.2010 10:46

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Vor-Frühling

Wenn ich die Zeit finde, nehme ich mir eine Stunde frei und jogge vom Rigiblick über den Zürichberg zum Lorenchopf und wieder zurück. Heute ist ein wunderschöner, sonniger Tag. Ist es Wunschdenken, oder zeigen die Sträucher schon den ersten Flaum Grün? Täusche ich mich, oder wedeln sich alle Hunde heute besonders freundlich an? Kann man in den ersten März-Tagen schon von Vor-Frühling sprechen?

Im Rigiblick spielen wir eine „Faust"-Fassung, in der wir das Werk Goethes mit den grossen Rocksongs erzählen. Natürlich geht mir das entsprechende Faust-Zitat durch den Kopf: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick, im Tale grünet Hoffnungsglück, der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in raue Berge zurück." Die Voralpen und einzelne Stellen am Uetliberg sind aber noch verdächtig weiss. Der Winter hat sich noch nicht in sehr raue Berge zurückgezogen ... .

Joggen hat etwas Meditatives, meine Gedanken fliegen. Heute allerdings muss ich mich konzentrieren. Ich mache in Gedanken die Texte zu der Vorstellung „In einer Sternennacht am Hafen" durch, dem Seemanns-Liederabend, den ich gemeinsam mit Daniel Fueter seit fast vier Jahren im Rigiblick singe. Am 5. März spielen wir die mehrfach „zum letzten Male" angekündigte , nun aber wirklich endgültige Derniere der „Sternennacht".

Daniel Fueter und Daniel Rohr in Sternennacht

Es fällt mir nicht leicht, mich von dem Abend zu verabschieden; Daniel Fueter und ich verstehen uns mittlerweile blind; beide lieben wir es, die Vorstellung zu spielen. Aber das Rigiblick quillt über: wir haben kaum Stauraum um die Bühnenbilder und die Requisiten zu lagern und über die Jahre hat sich doch einiges angesammelt. Ich spiele mittlerweile sechs Stücke parallel: die „Sternennacht", „To the Dark Side", den Italo-Abend „Azzurro", den Beckett-Roman „Mercier und Camier", die Komödie „Das Ende vom Anfang", den Rock-„Faust", und ab Juni beginnen die Proben zu Dostojewski's „Der Spieler" in der Regie von Volker Hesse. Fast alle Stücke sind Solos oder Duos, das bedeutet, dass immer grosse Textbrocken zu bewältigen sind. Es wird Zeit, dass ich Ballast abstosse.

Nun sind meine Gedanken beim Rennen doch abgeschweift. Ein Eichhörnchen huscht über den Weg und der Specht klopft gegen einen Baum. Ich höre, wie ein kleiner Junge seinen Vater fragt: „Wer hat die Bäume angemalt?" Es war der Förster und es sind die Bäume, die gefällt werden müssen. Auch im Wald wird der Platz manchmal knapp. Der Frühling kommt. Ich freue mich auf die letzte Vorstellung der „Sternennacht am Hafen". Danach ist ein Kapitel abgeschlossen: Frühlingsputz, auch im Kopf.


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