Wo sind die Daten von gestern Abend, wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?
Ich hab kürzlich ein Buch gelesen über die Piraha, so ein Volk im Amazonas und das Buch hiess, „Das glücklichste Volk der Erde" oder so ähnlich und das Beeindruckendste war, dass die alle paar Jahre ihre Namen wechseln. Einfach so, ohne Grund. Also ich hieße dann mal ein paar Jahre Klaus, und Klaus heißt Sandro und Sandro heißt Manuel und man wechselt einfach so drauf los und dann irgendwann nach ein paar Jahren heisst es wieder, „so, das reicht jetzt" und ich wechsle erneut meinen Namen, so wie ich Lust habe, und gut ist. Und Nachnamen gibt's sowieso nicht.
Das Buch als Ganzes gesehen finde ich nicht unbedingt grandios, aber dieses Denken, hat mich verblüfft. Dieses Volk lebt nach der Philosophie des „direkten Erlebens", also alles, was sie nicht selber gesehen haben, gilt nicht und verdient somit auch keine Aufmerksamkeit. Es gibt also weder Gründungsmythen noch Rituale, und als der Erzähler, ein amerikanischer Missionar und Sprachforscher, ihnen aus der Bibel erzählt hat, fragten sie: „Wer ist dieser Jesus? Wo lebt der zurzeit? Kennst du ihn, was macht der so?". Und mit der Erklärung, dass der mal am Kreuz einen Tod erlebt hat, der schon einige Jahre zurück liegt, hat sich die ganze Sache für sie definitiv erledigt. So funktioniert also auch das Bewusstsein für das eigene Ego ganz anders und auch die eigene Vergangenheit scheint einen nicht in solchem Maße identifikationsstiftenden Aspekt zu haben wie bei uns.
Also und wieso komme ich darauf? Ich geb's zu, ich war am Wochenende, suchend nach Hugo Koblet-Kritiken, auf Ego-Surfing (Egogoogeling?). Die meisten Kritiken (z.B. hier oder hier), die ich gefunden habe, waren sehr gut, aber was da alles in diesem Netz für Müll rum liegt!!! Unfassbar! Kann da nicht mal einer ein bisschen aufräumen?
„Das, brauchen wir das noch?" -„nö, schmeiss weg" -„und das?" -„ja, wer weiss, keine Ahnung, stell's mal in den Keller, zu dem andern Schrott."
Ich würde mal gern so einen Datenträger sehen, irgendwo müssen die doch sein! Darf man den in die Luft sprengen? Kann ich da Leitungen durchschneiden? Wo sind die? Sind die irgendwo? Im Amazonas versteckt? Im Reduit, neben dem Bundesratsbunker? In Zürich West? Wisst ihr das? Das Internet find ich super, aber die Vorstellung, dass das alles so überhaupt gar nicht vergilbt, macht mich schwindelig.
Wie angenehm, wenn in der Frühlingssonne mit dem Schnee auch die Spuren schmelzen ... .
Dinge wegschmeißen macht mich immer glücklich, denn auch wenn das Zeug im Keller steht, man spürt's auch in der Wohnung oben! Hier in Chur zum Beispiel nennt man mich Manolo. In Zürich meistens Manu. In Deutschland Manuel. In Wien reicht's von Manül bis Löwinger. In Salzburg noch mal anders (Geheimnis). „Partir, c'est wegschmeissen un peu." Ich empfinde es als sehr befreiend, immer wieder mal neu anfangen zu können. Ich bin mit 17 einem Fussballklub beigetreten. Ich konnte gut spielen, aber war das große Feld und die Strategie zu elft nicht gewohnt. Deshalb war ich immer Anfänger und bin es auch nach Jahren noch geblieben. Erst als ich den Klub gewechselt habe (Transfersumme: minus 45.-), konnte ich mich einbringen. Plötzlich habe ich die Bälle gefordert und gekriegt, plötzlich habe ich mitbestimmt. Am Stadttheater St. Gallen kurz nach der Schauspielschule war es ähnlich: Ich war Anfänger und bin es drei Jahre lang geblieben. Erst der äussere Wechsel gab mir dann die Möglichkeit, mich auch innerlich zu verändern, und meine Einstellung zur Arbeit wurde offensiver und ich im Spiel immer befreiter. Wer diesen Anfänger in mir aufrecht erhielt, weiß ich gar nicht. Waren es die Kollegen? War ich es selber? Waren es beide? Auf jeden Fall war es damals wichtig und richtig zu künden und danach mit Leuten zu arbeiten, die mich nicht kannten, die noch nie was von mir gehört hatten.
Aber die Möglichkeit, mit einem Ortswechsel in eine neue Gegenwart zu wechseln, hat hiermit mit diesem Blog für mich ein Ende genommen. Im Netz ist alles eingraviert. Für immer und alle und für die Ewigkeit.
Und die Freiheit, mal hier und mal dort zu sein und mal so und mal anders zu heißen, und vielleicht ein bisschen Gras über allfällige Wunden wachsen zu lassen und sich verändern zu können, die gibt es hier nicht.
Ich stelle mir diese Datenträger deshalb immer als riesige Grabsteine vor. Darauf steht: „Hier ruht unser Müll. Gott vergib uns unsern Müll, sowie auch wir vergeben unseren Müllern. Bis in alle Ewigkeit. Amen."
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