6.9.2010 11:27

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herumfeilen

vom Tisch auf Bühne

Proben ist wie Urlaub: Zuerst kommt es einem ewig vor und das Ende ist irgendwo in diffuser Ferne und schwupps, sind vier Wochen um, es bleibt noch eine Woche, dann die Endproben und Durchläufe, Premiere, und das war's.

Aber wir sind auf gutem Weg. Was gibt es Geileres als mit einem Regisseur zu proben, der selber Schauspieler ist und das Gewicht auf die spielerischen Vorgänge legt, mit tollen Kollegen, die geschmeidig und uneitel zusammen spielen. Es ist beglückend zu sehen, wie man mit jedem Tag, mit jeder Woche sicherer wird und lockerer, wie mit jedem neuen Versuch die Gedanken schneller laufen, die Textbehandlung filigraner, beiläufiger und differenzierter und der Umgang miteinander reichhaltiger wird. So was entsteht nicht während ein paar Tagen, das ist gar nicht möglich. Die Magie entsteht aus dem Zusammenspiel während Wochen. Zusammenspiel, Zusammenspiel, Zusammenspiel. Anbieten, wahrnehmen und reagieren, alles andere ist Eitelkeit.

Bei mir geht es oft ein Weilchen, bis ich Denk- und Bewegungsmuster von Figuren verinnerlicht habe. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich das Gefühl habe, bei Film und Fernsehen bis jetzt oft unter meinen Möglichkeiten gespielt zu haben. Ich frage mich, warum beim Film so dürftig geprobt wird. Ausser bei Hugo Koblet (ich komme später mal darauf zurück) habe ich noch nie in einem Film mitgespielt, bei dem die Proben über die blossen Stell- und Leseproben hinausgegangen wären!

Haben Filmregisseure keinen wirklichen Bezug zum Schauspiel? Vielleicht sind sie weniger interessiert an einer gemeinsamen Suche nach Situationen, Zuständen und Vorgängen, weil sie es gar nicht kennen, miteinander Beziehungsmechanismen zu entdecken und Abgründe, Denkweise und Sprache von Figuren zu entwickeln? Natürlich ist es letztendlich die Sache der Schauspieler, und vielleicht sind im Film ja tatsächlich das Drehbuch, die Bilder, der Schnitt, die Musik und das Individuum entscheidender als das Zusammenspiel, aber ich glaube, man verschenkt unglaublich viel Potential, wenn jeder sich selber überlassen ist, denn die Abgründe und Spitzen der Figuren kann man nur durch gemeinsames Ausprobieren ausloten. Das Nicht-Proben führt dazu, dass jedes erste Spielangebot angenommen wird und die Schauspieler eigentlich immer nur sich selber spielen oder zumindest ihren spielerischen Wortschatz kaum erweitern.

Hier in Chur, um ein positives Gegenbeispiel zu nennen, arbeite ich zurzeit an einer Figur, die permanent versucht ist, die Szenerie zu dominieren und die sich triebgesteuert durchs Leben kämpft. Dies widerspricht mir sowohl als Mensch wie auch als Schauspieler. Die Herausforderung, eigene Verhaltensmuster zu überwinden, ist nur durch intensive Probenarbeit zu meistern, und ich glaube, dass genau diese auf den ersten Blick nicht offensichtliche Besetzung, diese scheinbare Gegenbesetzung, zu dem Spannungsfeld und der innerer Reibung der Bühnenfigur führt, die spannend anzuschauen sind. Mir fehlt das an andern Orten oft. Sowohl als Zuschauer, wie auch als Schauspieler.

Wenn ich denke, wie ich oft während 2-3 Monaten und sechs Tagen die Woche mit Kollegen in irgendwelchen Probekellern für sauwenig Kohle während Wochen Stücke entwickle, wie wir an Vorgängen herumfeilen und dramaturgische und spielerische Abläufe perfektionieren, dann müsste es doch möglich sein, in der Schweizer Filmszene ein paar Franken für Schauspiel-Coaches aufzuwerfen, wenn sich der Regisseur eine produktive Probengestaltung nicht selber zutraut (Kompliment übrigens an dieser Stelle an Daniel von Aarburg, den Regisseur vom Koblet-Film und Cornelia Seitler von Maximage! Wie gesagt, ich komm später mal drauf zurück).

Relativierenderweise muss ich sagen, dass ich auch in Stadt- und Staatstheatern ganz oft sehe, wie irgendwelche verloren gelassenen Individuen auf der Bühne um ihr künstlerisches Überleben kämpfen. Einige machen das sehr gekonnt, und es ist teilweise sogar toll anzusehen, aber mir persönlich kommt letztendlich doch immer das Kotzen, wenn ich vor mir ein Ensemble auf der Bühne habe, bei dem ich sehe, dass das einzig wirklich verbindende Element der Gesamtarbeitsvertrag ist.

Also, um den Bogen zu schließen: Bei uns in der Klibühni Chur ist das nicht so! Und hier, einmal mehr, der Link („Endstation Sehnsucht", Premiere ist leider schon ausverkauft, wobei das Wort „leider" natürlich absolut unangebracht ist):

http://www.klibuehni.ch/index.php?spielplan


Kommentare
 

8.9.2010 16:29

  

Somit ein Hoch auf die Klibühni!!!

Du lobst die Churer Verhältnisse, da kann ich mich nur anschliessen. Weisst du vielleicht warum wir Bündner Kulturschaffenden trotzdem als Provinzeier belächelt werden?

Magdalena


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