Einstieg in das Selbständig Unerwerbende
Zurück aus der Tessiner Wildnis, wo ich mit meinem Regisseur Hanspeter Horner an einem neuen Stück mit Silvana Gargiulo gearbeitet habe, fällt mir der Einstieg in das Selbstständig Unerwerbende tatsächlich nicht einfach. Diesem freien Denken in wilder Natur ist so schnell nichts Adäquates entgegenzusetzen. So beginnt mein Dienstag der 13.April, nach traumschwerer Nacht, mit atomarer Sicherheit und der UBS, welche - Wunder über Wunder - wieder Gewinne schreibt. Ist angesichts dessen das Tessin noch existent? Ist so ein Glück erlaubt? Ohne Tiefen keine Höhen, übliche Anfangsschwierigkeiten. Es erwartet mich eine schöne Woche. Heute Theaterkurs mit "meinen" Laien, am Mittwoch Casino Winterthur mit dem Stück "EX-hüben wie drüben" mit Silvana Gargiulo.
Und dann wäre es vermutlich an der Zeit für einen weiteren Blog-Eintrag.
Cutex, I give you my love
Ich habe keinen Führerschein. Mein Mann fährt mich. Da wir sowieso meistens ans selbe Ziel wollen, er und ich, gibt es diesbezüglich auch kaum je Probleme. Ich war 19, als wir uns kennen lernten, und er war bald darauf schon stolzer Besitzer seines ersten eigenen Autos, einer Ente in knallrot. Heute fährt er einen Mini Clubman in hot chocolate metallic. Très chic!
Ich eigne mich nicht für den Verkehr. Motoren - schon das Geräusch - machen mir Angst. Ich bin auch kein besonders guter Beifahrer. Ein simples Überholmanöver auf der Autobahn reicht schon, um mich nervös zu machen. Beim Rückwärtseinparken werde ich kurzatmig, sollte es gar am Berg geschehen, wird mir fast schon schwarz vor Augen. Ich kann es nicht ändern, es ist halt so. Ich bin dafür auf anderen Gebieten vollkommen furchtlos. Zum Beispiel habe ich überhaupt keine Angst vor Hefeteig. Oder vor hohen Schuhen. Auch nicht vor sehr, sehr hohen. Wirklich nicht.
Für die Rolle der Emma Weideli-Oggenfuss lasse ich mir die Nägel wachsen. Die ganze Probenzeit hindurch feile ich an ihnen herum und creme sie ein, damit sie schön fest werden und gepflegt sind. Die Zeit, die ich neben den Proben damit verbringe scheint mir wie Arbeit an der Rolle, und ich mag die Vorstellung, dass mit meinen Nägeln die Rolle in mir wächst. Wer meint, dass dies reine Äußerlichkeit sei, irrt. Lange Nägel verändern, ähnlich wie hohe Schuhe übrigens, die gesamte Wahrnehmung. Die Gesten werden weicher. Man fasst anders an. Selbst jetzt, während ich nur dasitze und das hier schreibe, das Geräusch auf der Tastatur meines Labtops, klack-e-di-klack, klack-e-di-klack, als würden zwei kleine Kessler Zwillinge auf der Tastatur meines Labtops eine Steppnummer vorführen.

Auch der Gang in die Kosmetikabteilung eines Warenhauses oder eine Parfümerie, „guten Tag, ich brauche einen Nagellack für eine ältere, vornehme Dame, was würden sie mir da empfehlen?" gehört zur Rollenarbeit dazu, er ist ein erster Höhepunkt, ein Etappensieg. Nagellack gehört für mich zum Aufregendsten und Faszinierendsten was es im Leben gibt, das war so seit ich denken kann. Meine Mutter hatte, als ich klein war, eine Farbpalette mit verschiedensten Farben von Nagellack einer bestimmten Firma, eine quadratische Scheibe aus durchsichtigem Plastik war das, etwas größer als eine Tafel Schokolade, und darauf waren in zwei Reihen die verschiedenen Farbtöne in Form von schön geformten, langen Fingernägeln eingegossen. Wenn man einen Finger an der entsprechenden Stelle unter die Scheibe hielt, konnte man sich vorstellen, es sei der eigene Nagel. Sofort fühlte man sich erwachsen und elegant. Ich habe einen Grossteil meines Vorschulalters damit verbracht zu versuchen, alle zehn Finger gleichzeitig so unter dieser Scheibe zu platzieren, dass die Illusion perfekt war und es echt aussah. Dass ich mir dabei fast die Finger gebrochen und bald in beiden Händen Krämpfe bekam, habe ich billigend in Kauf genommen. Gut, dass es damals noch keine Nagelstudios gab (es wird wohl welche gegeben haben, aber die Nagelstudiodichte war bei weitem nicht so hoch wie sie es heute ist), ich wäre bestimmt losgegangen und hätte mein mühsam erspartes Taschengeld in Nägel investiert. Und zwar nicht in sogenannte french nails, wie man sie heute an jeder Kellnerin, Kassiererin und Jung-Prostituierten sieht: zu breite, zu lange durchsichtige Plastiknägel mit einem weißen Rand an der Spitze, Pornoschaufeln! Nein. Schön gefeilt müssen sie sein, klassisch geformt und nicht zu lang. Und am liebsten, wie Norma Shearer zu Rosalind Russell am Ende von George Cukors Film „The Women" sagt: „Jungle red Sylvia, jungle red!"
Sobald die Premiere vorbei ist, schneide ich mir die Nägel wieder kurz. Die Rolle ist nur eine Rolle. Und der teure Nagellack kommt zu Hause ins Regal, zusammen mit den ganzen anderen, für die ich in meinem Leben schon unnötigerweise sehr viel Geld ausgegeben habe. Macht nichts. Andere investieren in teure Autos.
Heraus mit der Sprache
"Bibi Balù" ist die Geschichte einer tapferen jungen Schweizerin, die ganz allein und aus eigener Kraft auf der einsamen, abgelegenen Südseeinsel Balù ein Lazarett für Eingeborene betreibt. Ohne Hilfe von außen aber droht nun das Lazarett unterzugehen, es fehlt an allem. So rührend die Geschichte ist, sie ist frei erfunden. Weder gibt es eine Bibi, noch eine Insel Balù. Ausgedacht hat sich dies der gescheiterte und mittellose Fritz Sturzenegger, der gerade von einer Weltreise, auf der er sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, nach Zürich zurückgekehrt ist. Es gelingt ihm, einen schmierigen PR-Berater und einen versoffenen Notar von der Idee zu begeistern, gemeinsam in der Schweizer Bevölkerung Spenden zu sammeln für Bibi Balù. Unterstützt werden sie dabei von einer älteren und etwas exaltierten Dame vom Züriberg. Sie hat sich seit Jahren der Wohltätigkeit verschrieben und bringt das nötige Know-how mit. Die Sache kommt ins Rollen und läuft immer besser - bis auf einmal eine junge Frau die Szene betritt und von sich behauptet, sie sei sie, die Bibi.
Gleich auf der Leseprobe macht uns die Dramaturgin darauf aufmerksam, dass wir uns unter Umständen Schwierigkeiten aufhalsen, wenn wir, wie's im Stück steht, die Eingeborenen permanent als Neger bezeichnen. Das Stück ist Anfang der 60er Jahre geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Wort Neger in der Schweiz ganz geläufig war, d' Neger dies, d' Neger das. Damals war das nicht rassistisch, es hatte nicht mal einen Gout . Wir müssen es also dabei belassen.
Wann war denn das eigentlich, als das Wort Neger zum Unwort wurde, woher kam das, wer hat darüber entschieden? Ich frage. Angeblich soll Neger das Deutsche Wort für nigger sein. Aber stimmt denn das? Ist Neger nicht negro? Man soll es nicht mehr sagen, gut. Aber ich tue mich schwer damit. Weil ich die Worte schön finde. Neger, negro. Schöne Worte mit einem schönen Klang. Und ist nicht das „d" in d' Neger viel rassistischer, das kollektive Gleichmachen durch den Artikel? Ist am Ende das Wort Rasse heute schon rassistisch? Ich merke schon, es ist gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. Zudem hat sich die angeblich politisch korrekte Bezeichnung ja auch immer wieder geändert. Farbige, Afroamerikaner, Schwarze, weh dem, der da nicht Bescheid weiß, nicht auf dem aktuellen Stand ist. Weh mir.
Auf den Kontext kommt es an, sagt mein Mann. Und er meint, es waren die Putzfrauen, die eines Tages nicht mehr Putzfrauen genannt werden wollten. So hat man sich auf das Wort Reinigungskraft geeinigt, das hatte lange Gültigkeit. Seit einiger Zeit hört man - am Theater zumindest - nun den Begriff Raumpflegerin. Und neu jetzt, vor kurzem erst, das ist kein Witz, hatte Bühnenkosmetikerin Premiere. Mir reicht das jetzt. Ich putze gern, ich finde Frauen toll, ich sage Putzfrau.
Wär's nicht besser, jeder sagt so, wie er denkt und fühlt? Wenn einer zum Beispiel im Internet über mich schreibt „Dr Marti isch e Schwuchtle" ist mir das recht. Nur zu, heraus mit der Sprache, mir ist es lieber, ich weiß, woran ich bin. Ich kann mir dann immer noch überlegen, ob ich zustimmen, anderer Meinung sein, widersprechen oder drüberstehen will. In diesem Fall stimme ich zu. Ich habe doch selber schon vor einigen Jahren, allerdings in fortgeschritten alkoholisiertem Zustand auf der Tanzfläche einer Berliner Schwulendisco gestanden und „Bewegt Euch, ihr Schwuchteln!" gebrüllt. Hat keinen gestört, hat gar kein Aufsehen erregt. Wenn wir uns untereinander so nennen dürfen, darf es dann nicht auch der potentielle Schwulenhasser, der meint, mir nachts auf dunkler Strasse mit seinem Baseballschläger den Unterkiefer zertrümmern zu müssen? Vielleicht ja, wenn er merkt, dass er das eine darf, meint er nicht mehr, das andere zu müssen.
„Ich möchte gerne Hausfrau sein"

Heute bin ich aus München zurückgekommen, wo ich Samstagabend „La Cage aux Folles" am Gärtnerplatztheater gespielt habe. Ein tolles Stück. Die Vorstellung ist fast immer ausverkauft und macht allen Beteiligten große Freude. Wir spielen sie schon im dritten Jahr und von mir aus kann es immer so weitergehen. Eigentlich bin ich noch etwas jung für die Rolle des Albain. Dem Regisseur Helmut Baumann war's egal. Und nun erledigt es sich von selbst mit den Jahren. Ich muss gar nichts dafür tun.
So gern ich die Vorstellung spiele, hätte ich auch gegen einen freien Sonntag in unserer sehr gemütlichen St. Gallener Gästewohnung nichts einzuwenden gehabt, überhaupt nichts. Ich bin bei aller Liebe zum Theater und zum Showgeschäft nämlich auch ein ganz großer Freund freier Tage. Dann koche ich, räume auf, backe einen Kuchen oder werkle so vor mich her und nuusche herum. Für mich das Größte. Ich hab schon oft zu meinem Mann gesagt: wenn er ein anständiges Gehalt nach Hause brächte, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen und könnte mich ganz auf den Haushalt konzentrieren, ich wäre gerne Hausfrau, und eine gute obendrein. Es soll wohl nicht sein.
Die Zeit in München ist jedes Mal ganz knapp und begrenzt. Ich wohne immer im selben Hotel, oft sogar im selben Zimmer, gehe nach meiner Ankunft immer ins selbe Restaurant, wo ich meistens das gleiche Gericht bestelle. Ins Theater geh ich zu Fuß, durchs Bahnhofsviertel, vorbei am Jüdischen Museum (wunderschön ist das, vor allem auf dem Rückweg nachts, wenn es beleuchtet ist!). Immer die selben Wege zur gleichen Zeit. Diese Rituale sind wichtig, sie helfen mir reinzukommen. Schminken tu ich mich selber und bin meistens der erste, der in der Garderobe ist, bevor sie sich dann mehr und mehr füllt, bis sie tatsächlich ein Käfig voller Narren ist.
Diesmal gab es in meinem Zeitplan eine kleine Lücke, welche ich genutzt habe um mich auf die Suche nach einem Duft für meine Rolle in „Bibi Balù" zu machen. Jede Rolle, die ich spiele, bekommt ihren eigenen Duft. Bei Ursli ist es „Chanel Pour Monsieur". Bei Ursula West war es „Kölnisch Wasser 4711. „Shalimar" für Zaza, „Chanel Nr. 5" für Dolly Levi. „Poison" für die böse Königin in „Snow White" - was denn sonst. Und für die Rolle der „Csárdásfürstin" nächsten Winter an der Oper Köln hab ich mir jetzt schon „Aqua Fiorentina" von Creed gekauft, noch bevor ich den Vertrag unterschrieben habe, einfach weil ich mich so darauf freue! In St.Gallen jetzt spiele ich Emma Weideli-Oggenfuss, eine exaltierte, ältere Dame vom Züribärg, vornehm, aber bei weitem nicht so vermögend, wie sie es einem gerne glauben macht, der Duft muss also preiswert sein und etwas von einer Oma haben. Es ist Sonntag, die Geschäfte haben zu, hm. Der Drogeriemarkt im Bahnhof, perfekt! „Tosca"? Zu frisch. „Gloria Vanderbilt"? Halten die Kollegen nicht aus. Aber was steht denn da rechts oben im Regal, „Nonchalance", das kenn ich gar nicht. Ich sprühe mir vom Tester etwas auf einen Papierstreifen und weiß sofort: Treffer! Mehr Oma geht nicht. Voll Freude und Zuversicht, das richtige gefunden zu haben, mache ich mich auf den Weg ins Theater und zur Vorstellung.
Die Nacht ist kurz. Ich hatte vor, mir die Oscarverleihung live aus Los Angeles anzuschauen, bin aber wenige Minuten vor Beginn bei laufendem Fernseher eingeschlafen, noch bevor Christoph Walz seinen Oscar für die beste männliche Nebenrolle in Empfang nehmen konnte. Kurz nach sechs Uhr klingelt der Wecker, und um sieben sitz ich schon im Zug zurück nach St. Gallen. Mein Mann, der auch mein Manager ist und sich um all meine Geschäfte kümmert - wofür ich ihm gerne den Haushalt mache und seine Hemden bügle - hat mir einen Sitzplatz in der 1. Klasse reserviert. Das ist schön, obwohl ich finde, dass der Unterschied in der 1. Klasse zur 2. in den Schweizer Zügen nicht groß genug ist. Ich beschließe, mich nicht auf meinen reservierten Platz im Großraumwagen zu setzten und verziehe mich stattdessen in einen alten Abteilwagen, die mit den Sitzen, die man rausziehen und sich so ein Liege machen kann. Kein Mensch weit und breit. Bordeauxfarbene Cordbezüge. Ich schlafe sofort ein. Als ich wieder erwache, sind wir schon im Allgäu. Ich mag diese Gegend gern. Der Winter ist ja übers Wochenende zurückgekehrt, und da, wo sonst so viel Grün ist, ist jetzt so viel Weiß. In Lindau dann der fantastische Blick über den See, wenig später die Ankunft in St. Gallen. Kurz nach elf Uhr bin ich auf der Probebühne, es geht weiter.

















