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16.3.2010 12:34

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Heraus mit der Sprache

"Bibi Balù" ist die Geschichte einer tapferen jungen Schweizerin, die ganz allein und aus eigener Kraft auf der einsamen, abgelegenen Südseeinsel Balù ein Lazarett für Eingeborene betreibt. Ohne Hilfe von außen aber droht nun das Lazarett unterzugehen, es fehlt an allem. So rührend die Geschichte ist, sie ist frei erfunden. Weder gibt es eine Bibi, noch eine Insel Balù. Ausgedacht hat sich dies der gescheiterte und mittellose Fritz Sturzenegger, der gerade von einer Weltreise, auf der er sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, nach Zürich zurückgekehrt ist. Es gelingt ihm, einen schmierigen PR-Berater und einen versoffenen Notar von der Idee zu begeistern, gemeinsam in der Schweizer Bevölkerung Spenden zu sammeln für Bibi Balù. Unterstützt werden sie dabei von einer älteren und etwas exaltierten Dame vom Züriberg. Sie hat sich seit Jahren der Wohltätigkeit verschrieben und bringt das nötige Know-how mit. Die Sache kommt ins Rollen und läuft immer besser - bis auf einmal eine junge Frau die Szene betritt und von sich behauptet, sie sei sie, die Bibi.

Gleich auf der Leseprobe macht uns die Dramaturgin darauf aufmerksam, dass wir uns unter Umständen Schwierigkeiten aufhalsen, wenn wir, wie's im Stück steht, die Eingeborenen permanent als Neger bezeichnen. Das Stück ist Anfang der 60er Jahre geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Wort Neger in der Schweiz ganz geläufig war, d' Neger dies, d' Neger das. Damals war das nicht rassistisch, es hatte nicht mal einen Gout . Wir müssen es also dabei belassen.

Wann war denn das eigentlich, als das Wort Neger zum Unwort wurde, woher kam das, wer hat darüber entschieden? Ich frage. Angeblich soll Neger das Deutsche Wort für nigger sein. Aber stimmt denn das? Ist Neger nicht negro? Man soll es nicht mehr sagen, gut. Aber ich tue mich schwer damit. Weil ich die Worte schön finde. Neger, negro. Schöne Worte mit einem schönen Klang. Und ist nicht das „d" in d' Neger viel rassistischer, das kollektive Gleichmachen durch den Artikel? Ist am Ende das Wort Rasse heute schon rassistisch? Ich merke schon, es ist gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. Zudem hat sich die angeblich politisch korrekte Bezeichnung ja auch immer wieder geändert. Farbige, Afroamerikaner, Schwarze, weh dem, der da nicht Bescheid weiß, nicht auf dem aktuellen Stand ist. Weh mir.

Auf den Kontext kommt es an, sagt mein Mann. Und er meint, es waren die Putzfrauen, die eines Tages nicht mehr Putzfrauen genannt werden wollten. So hat man sich auf das Wort Reinigungskraft geeinigt, das hatte lange Gültigkeit. Seit einiger Zeit hört man - am Theater zumindest - nun den Begriff Raumpflegerin. Und neu jetzt, vor kurzem erst, das ist kein Witz, hatte Bühnenkosmetikerin Premiere. Mir reicht das jetzt. Ich putze gern, ich finde Frauen toll, ich sage Putzfrau.

Wär's nicht besser, jeder sagt so, wie er denkt und fühlt? Wenn einer zum Beispiel im Internet über mich schreibt „Dr Marti isch e Schwuchtle" ist mir das recht. Nur zu, heraus mit der Sprache, mir ist es lieber, ich weiß, woran ich bin. Ich kann mir dann immer noch überlegen, ob ich zustimmen, anderer Meinung sein, widersprechen oder drüberstehen will. In diesem Fall stimme ich zu. Ich habe doch selber schon vor einigen Jahren, allerdings in fortgeschritten alkoholisiertem Zustand auf der Tanzfläche einer Berliner Schwulendisco gestanden und „Bewegt Euch, ihr Schwuchteln!" gebrüllt. Hat keinen gestört, hat gar kein Aufsehen erregt. Wenn wir uns untereinander so nennen dürfen, darf es dann nicht auch der potentielle Schwulenhasser, der meint, mir nachts auf dunkler Strasse mit seinem Baseballschläger den Unterkiefer zertrümmern zu müssen? Vielleicht ja, wenn er merkt, dass er das eine darf, meint er nicht mehr, das andere zu müssen.



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12.3.2010 12:54

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„Ich möchte gerne Hausfrau sein"

Nonchalance

Heute bin ich aus München zurückgekommen, wo ich Samstagabend „La Cage aux Folles" am Gärtnerplatztheater gespielt habe. Ein tolles Stück. Die Vorstellung ist fast immer ausverkauft und macht allen Beteiligten große Freude. Wir spielen sie schon im dritten Jahr und von mir aus kann es immer so weitergehen. Eigentlich bin ich noch etwas jung für die Rolle des Albain. Dem Regisseur Helmut Baumann war's egal. Und nun erledigt es sich von selbst mit den Jahren. Ich muss gar nichts dafür tun.

So gern ich die Vorstellung spiele, hätte ich auch gegen einen freien Sonntag in unserer sehr gemütlichen St. Gallener Gästewohnung nichts einzuwenden gehabt, überhaupt nichts. Ich bin bei aller Liebe zum Theater und zum Showgeschäft nämlich auch ein ganz großer Freund freier Tage. Dann koche ich, räume auf, backe einen Kuchen oder werkle so vor mich her und nuusche herum. Für mich das Größte. Ich hab schon oft zu meinem Mann gesagt: wenn er ein anständiges Gehalt nach Hause brächte, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen und könnte mich ganz auf den Haushalt konzentrieren, ich wäre gerne Hausfrau, und eine gute obendrein. Es soll wohl nicht sein.

Die Zeit in München ist jedes Mal ganz knapp und begrenzt. Ich wohne immer im selben Hotel, oft sogar im selben Zimmer, gehe nach meiner Ankunft immer ins selbe Restaurant, wo ich meistens das gleiche Gericht bestelle. Ins Theater geh ich zu Fuß, durchs Bahnhofsviertel, vorbei am Jüdischen Museum (wunderschön ist das, vor allem auf dem Rückweg nachts, wenn es beleuchtet ist!). Immer die selben Wege zur gleichen Zeit. Diese Rituale sind wichtig, sie helfen mir reinzukommen. Schminken tu ich mich selber und bin meistens der erste, der in der Garderobe ist, bevor sie sich dann mehr und mehr füllt, bis sie tatsächlich ein Käfig voller Narren ist.

Diesmal gab es in meinem Zeitplan eine kleine Lücke, welche ich genutzt habe um mich auf die Suche nach einem Duft für meine Rolle in „Bibi Balù" zu machen. Jede Rolle, die ich spiele, bekommt ihren eigenen Duft. Bei Ursli ist es „Chanel Pour Monsieur". Bei Ursula West war es „Kölnisch Wasser 4711. „Shalimar" für Zaza, „Chanel Nr. 5" für Dolly Levi. „Poison" für die böse Königin in „Snow White" - was denn sonst. Und für die Rolle der „Csárdásfürstin" nächsten Winter an der Oper Köln hab ich mir jetzt schon „Aqua Fiorentina" von Creed gekauft, noch bevor ich den Vertrag unterschrieben habe, einfach weil ich mich so darauf freue! In St.Gallen jetzt spiele ich Emma Weideli-Oggenfuss, eine exaltierte, ältere Dame vom Züribärg, vornehm, aber bei weitem nicht so vermögend, wie sie es einem gerne glauben macht, der Duft muss also preiswert sein und etwas von einer Oma haben. Es ist Sonntag, die Geschäfte haben zu, hm. Der Drogeriemarkt im Bahnhof, perfekt! „Tosca"? Zu frisch. „Gloria Vanderbilt"? Halten die Kollegen nicht aus. Aber was steht denn da rechts oben im Regal, „Nonchalance", das kenn ich gar nicht. Ich sprühe mir vom Tester etwas auf einen Papierstreifen und weiß sofort: Treffer! Mehr Oma geht nicht. Voll Freude und Zuversicht, das richtige gefunden zu haben, mache ich mich auf den Weg ins Theater und zur Vorstellung.

Die Nacht ist kurz. Ich hatte vor, mir die Oscarverleihung live aus Los Angeles anzuschauen, bin aber wenige Minuten vor Beginn bei laufendem Fernseher eingeschlafen, noch bevor Christoph Walz seinen Oscar für die beste männliche Nebenrolle in Empfang nehmen konnte. Kurz nach sechs Uhr klingelt der Wecker, und um sieben sitz ich schon im Zug zurück nach St. Gallen. Mein Mann, der auch mein Manager ist und sich um all meine Geschäfte kümmert - wofür ich ihm gerne den Haushalt mache und seine Hemden bügle - hat mir einen Sitzplatz in der 1. Klasse reserviert. Das ist schön, obwohl ich finde, dass der Unterschied in der 1. Klasse zur 2. in den Schweizer Zügen nicht groß genug ist. Ich beschließe, mich nicht auf meinen reservierten Platz im Großraumwagen zu setzten und verziehe mich stattdessen in einen alten Abteilwagen, die mit den Sitzen, die man rausziehen und sich so ein Liege machen kann. Kein Mensch weit und breit. Bordeauxfarbene Cordbezüge. Ich schlafe sofort ein. Als ich wieder erwache, sind wir schon im Allgäu. Ich mag diese Gegend gern. Der Winter ist ja übers Wochenende zurückgekehrt, und da, wo sonst so viel Grün ist, ist jetzt so viel Weiß. In Lindau dann der fantastische Blick über den See, wenig später die Ankunft in St. Gallen. Kurz nach elf Uhr bin ich auf der Probebühne, es geht weiter.



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9.3.2010 14:37

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Si chönt doch Schwiizerdütsch

Mein Mann hat heute Geburtstag. Wir schenken uns immer viel, aber heuer hab ich's irgendwie nicht kommen sehen und hab erst ganz kurz vor unserer Abreise von Berlin nach St.Gallen online rasch noch einen Haufen Bücher, CDs und DVDs für ihn bestellt. Als Empfänger hab ich mich selbst angegeben, damit ich die Geschenke dann selber noch schön einpacken kann, und als Adresse das Theater St.Gallen.

Theater St. Gallen, Museumsstrasse 24 

Seit wir nun in St.Gallen sind, war ich jeden Tag an der Theaterpforte, um zu schauen, ob Post für mich gekommen ist, was insofern etwas aufwendiger ist, als das Theater St.Gallen zwei Adressen hat. Museumsstrasse 1 - ich meine, das ist die Verwaltung, vielleicht aber auch die Kasse, ich hab's noch nicht raus - und Museumsstrasse 24, das ist das eigentliche Theater. Museumsstrasse 1 ist ein Neubau, alles schick mit Beton und viel Glas, es gibt eine automatische Schiebetür, die bei mir jedoch nicht aufging. Zum Glück kam aber gerade eine junge Mitarbeiterin aus der Verwaltung (oder von der Kasse?) und hat mir aufgemacht. Ich habe mich ihr vorgestellt und erklärt, dass ich Post erwarte, und da ich nicht wisse, wo sie wohl ankäme, auch nicht weiß, wo nach ihr schauen. Nachdem ich ihr das alles gesagt hatte, meinte sie zu mir: „Si chönt scho normal mit mir schwätze!".

Ich hatte Deutsch mit ihr gesprochen. Ah, jetzt geht das los, denke ich, das kenn ich ja schon, denn das passiert mir dauernd und dauernd werde ich dafür gerügt. Ich sage: „Das ist nicht die Antwort, die ich erwartet habe". - „Si chönt doch Schwiizerdütsch, oder nöd?". Erst als ich ihr - auf Schweizerdeutsch! erklärt habe, dass ich selber nicht merke, ob ich Deutsch oder Schweizerdeutsch spreche, war sie schließlich bereit, mir Auskunft zu geben.

Was ist das, was ist da los? Meine Grossmutter hatte mich auch immer korrigiert, wenn ich aus Berlin bei ihr zu Besuch war. „Chasch du nümm Bärndütsch?", in schroffem Ton. Aber sie war meine Grossmutter, und hat mich außerdem schon korrigiert, als ich noch ganz klein war. „Nä-äh!" und „Hä?" waren bei ihr absolut tabu. Und: es heißt „Zwe Manne, zwo Froue, zwöi Ching". Meine Grossmutter ist inzwischen verstorben und fast finde ich schade, dass es nun niemand mehr gibt, dem diese Dinge wichtig sind. Weiß das heute noch jemand, wird da noch drauf achtgegeben?

Zurück zum Thema. In Zürich einmal, im Strandbad, kam ein mir fremder Mann auf mich zu und sagte: „Du, ich hab dich in einem Interview im Schweizer Fernsehen gesehen. Wenn ich Dein Image-Berater wäre, würde ich Dir empfehlen, Schweizerdeutsch zu sprechen". - Hä? Pardon, wie bitte? Ich will keinen Image-Berater, und mit meinem Image soll sich befassen, wer mag, ich befasse mich nicht damit. Seit mehr als 20 Jahren lebe ich in Deutschland, mein Mann ist Deutscher, wir sind seit 25 Jahren zusammen, wir reden Deutsch miteinander, ich denke Deutsch, ich glaube, ich träume sogar Deutsch. Warum muss ich mich dafür entschuldigen, warum muss ich das überhaupt erklären?

Als kleiner Bub fand ich Deutsche auch doof, ganz doof! Deutsche waren die, die Schuld daran waren, dass man am Skilift lange anstehen musste. Von der Sprache wollen wir gar nicht reden. Aber das ist 40 Jahre her, ich war ein kleiner Bub. Heute bin ich da tolerant.

Von den sechs bestellten Paketen ist übrigens nur eins rechtzeitig angekommen, die anderen sind noch unterwegs oder irgendwo hängen geblieben, sie kommen später. Dafür muss ich sie dann auch nicht mehr schön einpacken.



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9.3.2010 06:53

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Geister an Bord

Am Silvester 2007 war das Theater Rigiblick ein Kreuzfahrtschiff. Wir zeigten eine Revue, bei der es an Bord der „MS Rigiblick" die Richtung Datumsgrenze lief, im grossen Ballsaal zu zahlreichen Unfällen und Komplikationen kam. Mit von der Partie waren als Kapitänin Regierungsrätin Regine Aeppli, als Star-Opernsänger Regierungsrat Markus Notter und als Bordmechaniker im Blaumann und mit Helm bestückt der Finanzvorstand der Stadt Zürich, Martin Vollenwyder.

Im Laufe der Revue schlichen sich immer mehr Katastrophen ein, bis die Leitung der MS Rigiblick beim grossen Finale eingreifen musste.

Bei Theatervorgängen sind Missgeschicke spannend. Über sie kann man lachen, weinen, sich den Kopf zerbrechen. Wenn alles reibungslos läuft, wird es langweilig. Bei Proben lege ich mir als Schauspieler bewusst Hindernisse in den Weg, damit ich Geschichten erzählen kann.

Stellen Sie sich vor, Goethes Zauberlehrling hätte die Geistesgegenwart besessen, den Stöpsel zu ziehen, nachdem der Besen die ersten Eimer Wasser in die Wanne gekippt hatte. Wie langweilig, wenn sich der Bottich nicht drohend gefüllt, die Holzstücke furchterregend vervielfältigt, das Wasser nicht beängstigend gestiegen, wenn nicht als Deus ex machina der grosse Hexenmeister gekommen wäre.

Auch im Rigiblick haben wir in den vergangen fünf Jahren immer wieder Geister gerufen, deren wir manchmal fast nicht mehr Herr geworden wären. Im Betriebsbüro drohte wegen der massiven Häufung von Anfragen von Gruppen der Kollaps, beim Ticketing kamen wir an den Anschlag, wegen der zunehmend komplexen Bühnenbilder rang die technische Leitung mehr als einmal die Hände.

Immer wenn es wieder einmal dramatisch war, halfen uns gute Geister. Mittlerweile ist eine Familie aus Künstlerinnen und Künstlern, aber auch aus Zuschauerinnen und Zuschauern an Bord der MS Rigiblick zusammen gewachsen.

Wenn ich gerade dabei bin: Ein guter Geist an Bord der MS Rigiblick war Uta Kenter. Ihr sorgfältiger Beitrag über „To the Dark Side of the Moon" im Kulturplatz hat uns Wohlwollen beschert. Dafür sei Ihr hier im Abschiedsblog gedankt.

Grand Salon von Valentin Lustig

Vor gut einer Woche war im Foyer des Theater Rigiblick die Vernissage des Künstlers Valentin Lustig mit seinem fünfteiligen Bilderzyklus „Kapitän Nemo's Harem". Die fantasievollen Bilder finden beim Theaterpublikum grossen Anklang. Auf dem vierten Bild „Grand Salon" ist ein Stuhl zu sehen, auf dem die Uniform Nemo's liegt. Aber wo ist Nemo selber?

Detail aus Grand Salon von Valentin Lustig

Die fünf Bilder Valentin Lustigs beherbergen siebzig Haremsdamen, aber auf keinem Bild taucht Kapitän Nemo selber auf. Eine These dazu ist, dass Nemo von seinen Frauen umgebracht wurde. Eine weitere These ist, dass er sich mit einer Haremsdame in einem nicht zu sehenden Zimmer vergnügt. Da im ersten Bild des Zyklus, nämlich der „Küche", viel Gemüse auf dem Boden liegt, schmunzelte gestern Urs Widmer, dass sich Nemo vielleicht im Gemüsegarten aufhält. Vielleicht aber ist Kapitän Nemo ganz einfach nur von Bord gegangen und hat sich verabschiedet.

Und dabei sind wir beim Stichwort: ich verabschiede mich jetzt auch, verlasse den Blog und gehe an Land. Ein Monat war ich Blog-Kapitän des Flagschiff Kulturplatz. Naja, vielleicht war ich ja auch nur der Klabautermann ... .



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5.3.2010 16:28

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Donauwalzer und Viervierteltakt

 Daniel Rohr und Gottfried Breitfuss in Das Ende vom Anfang

In einer Woche haben Gottfried Breitfuss und ich Premiere mit „Das Ende vom Anfang". Wenn die beiden Figuren des Stücks gymnastische Übungen machen, wirft Darry seinem Freund vor, er bewege sich „wie ein Donauwalzer im Marschtakt". Ein wunderbares Bild für die Proben zu einer Komödie. Irrtümlicherweise gehen Laien davon aus, dass die Proben zu einer Komödie zwangsläufig lustvoll sein müssen. Das stimmt leider nur bedingt.

Das Spiel in einer Komödie verlangt einen äusserst hohen Grad an Konzentration und meistens auch ein gossen körperlichen Einsatz. Die Wachheit für den Szenenpartner muss sehr hoch sein: man muss sofort in der Lage sein, seine Impulse aufzunehmen und umzusetzen auf winzige Szenenangebote des Mitspielers einzugehen. Im frühen Probenstadium, wenn der Text noch nicht richtig sitzt, wenn man noch mit sich und der eigenen Figur, der Organisation der Requisiten beschäftigt ist, ist der Frustrationsgrad oft sehr hoch, das Scheitern im Spiel sehr häufig.

Eine gute Komödie verlangt ein leichtes Spiel. Die Probenrealität ist anders: wo man mit der Nagelfeile arbeiten müsste , hat man den Fuchsschwanz in der Hand. Wo man mit dem Florett fechten möchte, steht man mit einer Keule in der Hand da. Statt mit der Leichtigkeit eines Donauwalzers zu tanzen, marschiert man im Viervierteltakt.

Im Laufe der Proben tauchen dann allerdings Lichtblicke auf; für einen Augenblick gelingt das Zusammenspiel, man muss selber lächeln weil man im Auge des Szenenpartners ein Leuchten aufblitzen sieht: Der Flugapparat, mit dem man abheben will, beginnt sich unter Ächzen und Stöhnen zu bewegen. Um so frustrierender sind dann wiederum die ersten Abläufe, in denen nichts gelingen, in denen man den Humor erzwingen, die Komik stemmen will. Das Bild eines Albatros, der hilflos Meter um Meter rennt um abzuheben. Baudelaire fällt mir ein: „souvent, pour s'amuser..." Wie lange habe ich das Gedicht nicht mehr gelesen!

Die Probenzeit ging rasend schnell vorüber. Ich bin etwas erschöpft. Gestern dann ein erster Durchlauf mit Licht und Kostüm. In der Szene, wo Darry und Barry die kaputte Uhr untersuchen, trifft mich Gottfrieds Blick und ich kann mich nicht mehr halten: ich muss schallend loslachen. Das Flugzeug ist ein erstes Mal kurz abgehoben. Nun haben wir noch eine Woche um es ganz startklar zu machen. Ich bin gespannt, ob der Motor im Dreiviertel- oder Viervierteltakt brummen wird.

Gottfried Breitfuss und Daniel Rohr in Das Ende vom Anfang 

Gottfried Breitfuss ist ein grossartiger Schauspieler und Kollege; ein Berserker, ein besessener Arbeiter. Einer, der sich nicht schont, einer, der immer wieder in den Ring steigt, der nie locker lässt, der jeden Satz untersucht und immer wieder gnadenlos hinterfragt.



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2.3.2010 10:46

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Vor-Frühling

Wenn ich die Zeit finde, nehme ich mir eine Stunde frei und jogge vom Rigiblick über den Zürichberg zum Lorenchopf und wieder zurück. Heute ist ein wunderschöner, sonniger Tag. Ist es Wunschdenken, oder zeigen die Sträucher schon den ersten Flaum Grün? Täusche ich mich, oder wedeln sich alle Hunde heute besonders freundlich an? Kann man in den ersten März-Tagen schon von Vor-Frühling sprechen?

Im Rigiblick spielen wir eine „Faust"-Fassung, in der wir das Werk Goethes mit den grossen Rocksongs erzählen. Natürlich geht mir das entsprechende Faust-Zitat durch den Kopf: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick, im Tale grünet Hoffnungsglück, der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in raue Berge zurück." Die Voralpen und einzelne Stellen am Uetliberg sind aber noch verdächtig weiss. Der Winter hat sich noch nicht in sehr raue Berge zurückgezogen ... .

Joggen hat etwas Meditatives, meine Gedanken fliegen. Heute allerdings muss ich mich konzentrieren. Ich mache in Gedanken die Texte zu der Vorstellung „In einer Sternennacht am Hafen" durch, dem Seemanns-Liederabend, den ich gemeinsam mit Daniel Fueter seit fast vier Jahren im Rigiblick singe. Am 5. März spielen wir die mehrfach „zum letzten Male" angekündigte , nun aber wirklich endgültige Derniere der „Sternennacht".

Daniel Fueter und Daniel Rohr in Sternennacht

Es fällt mir nicht leicht, mich von dem Abend zu verabschieden; Daniel Fueter und ich verstehen uns mittlerweile blind; beide lieben wir es, die Vorstellung zu spielen. Aber das Rigiblick quillt über: wir haben kaum Stauraum um die Bühnenbilder und die Requisiten zu lagern und über die Jahre hat sich doch einiges angesammelt. Ich spiele mittlerweile sechs Stücke parallel: die „Sternennacht", „To the Dark Side", den Italo-Abend „Azzurro", den Beckett-Roman „Mercier und Camier", die Komödie „Das Ende vom Anfang", den Rock-„Faust", und ab Juni beginnen die Proben zu Dostojewski's „Der Spieler" in der Regie von Volker Hesse. Fast alle Stücke sind Solos oder Duos, das bedeutet, dass immer grosse Textbrocken zu bewältigen sind. Es wird Zeit, dass ich Ballast abstosse.

Nun sind meine Gedanken beim Rennen doch abgeschweift. Ein Eichhörnchen huscht über den Weg und der Specht klopft gegen einen Baum. Ich höre, wie ein kleiner Junge seinen Vater fragt: „Wer hat die Bäume angemalt?" Es war der Förster und es sind die Bäume, die gefällt werden müssen. Auch im Wald wird der Platz manchmal knapp. Der Frühling kommt. Ich freue mich auf die letzte Vorstellung der „Sternennacht am Hafen". Danach ist ein Kapitel abgeschlossen: Frühlingsputz, auch im Kopf.



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26.2.2010 18:20

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Staub

Wenn im Stück „Das Ende vom Anfang", das wir gerade proben, die Figur „Barry" im Schuppen Öllampen holen soll, fällt ein ganzes Regal um. Staub wirbelt auf. Die Proben zur irischen Komödie haben mich vor einigen Tagen dazu gebracht, auf dem Dachboden meine alten irischen Schallplatten zu suchen und dabei ebenfalls viel Staub aufzuwirbeln.

Ich freue mich über die jahrelang nicht mehr gehörten Songs; Erinnerungen tauchen auf. Wie alte Bekannte kommen mir die Musikerinnen, Musiker und Bands vor: die sanften Planxty, deren erstes Album wir damals zeitgleich mit Pink Floyds „The Dark Side of the Moon" gehört haben. Das wunderschöne Freiheitslied „Only our rivers" berührt mich noch immer. („When apples still grow in November, it's then, when our Land will be free"), die grossartigen Chieftains, die van Morrison zu einem seiner meiner Ansicht nach schönsten Songs verholfen haben. („Carrickfergus" auf dem Album „Irish Heartbeat") die Jigs und Reels der fantastischen und schnellen Bothy Band. („Old Hag You Have Killed Me"), die Brüder Finbar und Eddie Fury mit ihrem Song „The lonesome Boatman", die derben und sinnenfrohen Dubliners, Cran, Donal Lunny, Andy Stewart, Clannad.

Alle Bands spielen Traditionals. Erstaunlicherweise gibt es Songs, die noch immer frisch und unverbraucht klingen, an anderen klebt nicht nur wegen des langen Aufenthaltes auf dem Dachboden Staub. Ich frage mich nach dem Grund, finde aber keine befriedigende Antwort. Eriko Kagawa, die Pianistin von „To the Dark Side of the Moon" fällt mir ein. Bei einem Publikumsgespräch nach einer Aufführung im Theater Rigiblick wurde sie gefragt, ob sie lieber Pink Floyd oder Schubert spiele. Eriko antwortete, dass sie beides gerne spiele. Wichtig sei, dass sie von einer Musik berührt werde. Frank Zappa, der in allen Stilrichtungen experimentierte und neben der Rockmusik auch für das Kronosquartett komponierte oder symphonische Musik schrieb, hasste die Unterscheidung zwischen U-Musik und E-Musik. In einem Interview sagt er: „Für mich gibt es nur gute und schlechte Musik!" Eines ist jedenfalls klar: Gute Musik ist antistatisch: an ihr klebt nie Staub.



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22.2.2010 15:34

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Zwei Welten

Die Proben zu einem neuen Stück haben begonnen. Für die Feiern „25 Jahre Theater Rigiblick" proben Gottfried Breitfuss, Anina Jendreyko und ich die irische Komödie „Das Ende vom Anfang" von Sean O'Casey in einer Inszenierung von Franz Burkhard. In der irischen Komödie tauscht ein Bauernpaar die Rollen: Lizzie, die Frau geht aufs Feld; Darry, der Mann, will den Haushalt besorgen. Dass er und sein Kumpel Barry von einer Katastrophe in die nächste geraten, versteht sich von selbst ... .

In kürzester Zeit bin ich mit zwei Welten konfrontiert: Aus dem Weltall kommend finde ich mich im irischen Alltag wieder. Die Texte und Vorlagen der Theaterabende zu „To the Dark Side of the Moon" und „Das Ende vom Anfang" könnten unterschiedlicher nicht sein, weder in der Form noch im Inhalt: Auf der einen Seite steht die Vorlage von „Dark Side". „Kaleidoskop" ist eine Erzählung von Ray Bradbury, ein abgründiger, ernsthafter, anthrazitfarbener Text, den wir in der Inszenierung als inneren Monolog behandelt haben. Auf der anderen Seite ist „Das Ende vom Anfang" von Sean O'Casey, eine Komödie. Die unglaublich präzise geschriebene, witzige, laute, bunte dramatische Vorlage verlangt ein offensives und extrovertiertes Spiel.

Beide Texte haben einen eigenen, unverwechselbaren Charakter. Erstaunlich und spannend ist für mich bei den Proben, dass beide Texte ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Melodie haben, denen man sich unterordnen muss, damit der Text aufblühen kann und lebendig wird. Wie sagt Goethe im Prolog vom „Faust": „Die Sonne TÖNT in alter Weise ... " Vermutlich hat auch sie ihren eigenen Rhythmus ... .

Daniel Rohr



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16.2.2010 13:38

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Peter Gabriels Geburtstag

Peter Gabriel

Zu seinem 60sten Geburtstag veröffentlichte Peter Gabriel am vergangen Samstag, am 13. Februar seine neue CD. Die Fans haben 8 Jahre darauf warten müssen. Peter Gabriel gehört zu den Künstlern, die ich für ihren Drang, Ungewohntes zu wagen, neue Wege zu beschreiten, ungemein schätze. Das Wagnis kann auch darin bestehen, aus bereits Bestehendem etwas Neues zu schaffen.

In Fankreisen wird kolportiert, dass Peter Gabriel über 1000 eigene Songs archiviert hat, die er nicht veröffentlicht. Wenn diese Zahl auch etwas übertrieben scheinen mag, ist es doch naheliegend, dass der Perfektionist Gabriel nicht alles, was er komponiert auch gleich veröffentlicht. Für seine neue CD hat sich der Sänger etwas Besonderes ausgedacht: Unter der Begleitung eines Symphonie-Orchesters covert er Songs von Künstlern wie David Bowie, Arcade Fire oder Radiohead. Zu seinem nächsten Geburtstag in einem Jahr wird er eine CD herausgeben, auf der die Bands, deren Songs er jetzt gecovert hat, seine eigenen Songs interpretieren: eine wunderbare Idee!

Im interpretatorischen Prozess können grosse künstlerische Ressourcen liegen. Der genial-schöne Song „Fade out" von Radiohead etwa kriegt bei Peter Gabriel ein derart neues Gewand, dass man ihn kaum wiedererkennt. Ein eigenes Werk. Ähnlich verhält es sich mit Songs wie „Heroes" oder „My body is a cage".

In unserer Inszenierung „To the Dark Side of the Moon" hat Daniel Fueter 38 Jahre nach dem Erscheinen von Pink Floyd's Album „The Dark Side of the Moon" durch seine Interpretation dem Werk ein neues Gesicht gegeben. Auch wenn er bescheiden von „Arrangement" oder „Cover" spricht, hat er mir doch einmal gestanden, dass seine Arbeit einem ähnlichen Aufwand entsprochen hat, wie wenn er eine Kammeroper komponiert hätte. In Kritiken zu unserer Aufführung war zu lesen, dass man die Musik von Pink Floyd ganz neu hören und erleben würde. Mit seiner Interpretation hat Daniel Fueter etwas Neues geschaffen.

 

kulturplatz vom 10.02.2010



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12.2.2010 11:17

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Welche Rolle spielst Du?

Meine Stellvertreterin im Theater Rigiblick war am Samstag als Organisatorin an einem Fasnachts-Kinderumzug. Ein kleines Mädchen, eine Hexe, kommt zu ihr und fragt: „Als was gaasch Du?" Brigitta überlegt, dreht sich dann nach links und nach rechts und meint: „Raat emal...". „Als Presidäntin?" fragstaunt die Kleine. „Ganz genau richtig!" lächelt Brigitta und die Kleine ist zufrieden.
 
Ich frage mich, als was ich heute zur Arbeit gegangen bin. Und ich nehme mir vor, heute Abend wieder einmal August E. Sanders grossartigen Portrait-Fotoband „Menschen des 20. Jahrhunderts" anzuschauen. Falls Sie das Buch nicht kennen sollten, blättern Sie mal darin.



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