Voll schnüge!
Diese Woche war voll mit Presseterminen. Zwischenbilanz beim Lesen der Interviews mit mir und frei nach Bob Dylan: God, I'm glad I'm not me (Mein Gott, zum Glück bin ich nicht ich). Denn zu meinem grossen Erstaunen trage ich in Interviews gerne „geblümte" oder „adrette" Kleider, wirble durch Türen, sage etwas von „ich bin nicht eitel", während ich mir gleichzeitig die Lippen nachziehe, benutze sehr gerne das Wort „lässig" für „angenehm" oder „lustig". Ueberhaupt bin ich mir inzwischen sicher, dass ich bei meinen Kolumnen und Drehbüchern über einen Ghostwriter verfüge, so unbeholfen, wie ich in Interviews rede.
Heute Abend steht die Filmpremiere von „Fliegende Fische" an. Ich schmeisse mich jetzt mal in ein adrettes, geblümtes Kleid, wirble dort ein wenig herum und halte eine total lässige Rede. Hey, das wird voll schnüge!
Das Z-Wort
Wo beginnt man einen Blog, den man eigentlich am letzten Tag des vergangenen Jahres abgeben hätte müssen? Es mag die Leserin und den Leser überraschen, aber selbst bloggende Bluessänger haben vorgegebene Abgabetermine. Ich habe meinen Termin also verpasst und schiebe grad hurtig wieder Mal das Z-Wort vor. Genau diese Zeit ist es, die man immer und immer wieder für die eigenen short comings missbraucht. Wann haben Sie das letzte Mal einen Anlass auf die Beine gestellt, schöne Einladungen gedruckt und an fünfzig Ihrer besten Freunde, Verwandte, Bekannte und an einen VIP (in der Hoffnung, dass er dann wirklich auch kommt und Ihrem Fest etwas Gloria verleiht) versandt? Darauf haben sich 11 Personen angemeldet, 4 haben abgesagt und vom Rest des Packs haben Sie nie auch nur eine Reaktion erhalten. Drei Wochen nach dem Anlass (sagen wir, es war Ihr 50. Geburtstag) treffen Sie einen der guten Freunde in der Stadt und er steuert geradewegs mit der Frage auf Sie zu (Flucht nach vorne nennt sich das), wann den das Fest sei, er habe doch, glaube er, letzthin Mal so eine Einladung erhalten. Genüsslich aber voller Bitterkeit lassen Sie ihm rein, dass das Fest schon lange vorbei sei und während Sie auf Ihre eigenen Schuhspitzen starren, murmeln Sie etwas von "es hätte mich schon gefreut, wenn du dich wenigstens kurz gemeldet hättest!" Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wird er das Z-Wort gebrauchen. Wer in dieser Situation das Z-Wort braucht, ist, in meinen Augen, ein Loser. Do NOT, under any circumstances, use the Z-Wort! Ihr Freund hatte also keine Zeit, auch nur ein sms, eine E-mail, oder eine hübsche kleine Postkarte mit einem lieben Wort und entsprechender Abmeldung zu schicken? Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Doch sollte man der Person auch den Kredit geben, dass sie Sie nie darum gebeten hat, ihr eine Einladung für Ihren Anlass zu schicken.
Item, das sollte eigentlich nicht mein Blog werden. Ich sitze auf einem sonnendurchfluteten Balkon am Fusse des Matterhorns in Zermatt. Meine lieben Mitmusiker und ich wurden eingeladen, bzw. engagiert, für eine durchmischte und gut betuchte Kundschaft in einem sehr noblen Hotel ein Silvester-Konzert zu spielen. Um 23 Uhr war das bereits vorbei und um Mitternacht haben wir gemeinsam mit der Gästeschar bei Häppli und Champagner auf der abgesperrten Terrasse das offizielle Zermatter Feuerwerk bestaunt. Dann sind wir bis etwas fünf Uhr morgens durch die Bars gezogen und jetzt sitze ich eben auf dem Balkon der Matterhorn-Suite und geniesse. Es waren tatsächlich zwei sehr anstrengende Wochen seit "Try My Love" veröffentlicht wurde. Es waren auch zwei der schönsten Wochen seit ich Musik mache.
Die ehemals "grösste" Boulevardzeitung der Schweiz wollte von mir wissen, was ich denn für gute Vorsätze für das neue Jahr hätte. Ich habe zwei Tage überlegt und ihnen dann abgesagt. Ich habe keine Vorsätze: ich geniesse das Rauchen, fünf Kilo abnehmen ist quasi ein Dauervorsatz und hat mit dem neuen Jahr rein gar nichts zu tun, ein besserer Mensch zu werden ist das Lebensziel und "a work in progress" und alles Weitere wären allenfalls Wünsche, keine Vorsätze. Ich werde mir wieder mehr Zeit nehmen, mehr Freiräume schaffen. Und ich beantworte nach wie vor jede Einladung, mit Ab- oder Zusage, ganz egal, ob ich eingeladen werden wollte oder nicht. Und ich werde mich weiterhin masslos über respekt- und stillose Mitmenschen ärgern, die mir gegenüber das Z-Wort missbrauchen und damit meine Intelligenz unterschätzen.
Excusez, der Blog ist etwas lang geraten, aber ich hatte grad so schön Zeit. Ach ja, ich muss ja noch einen Grund für meine Verspätung angeben: ich hatte am Abgabetag rein gar keine Lust zu bloggen, es hat mir regelrecht gestunken. Heute, am ersten Tag des Jahres 2011, könnte ich grad ein Dutzend davon verfassen.
Feliz ano novo
de retour
Im Café Indiana in Paris Montparnasse schaut mich die Kellnerin fragend an. Ich denke, sage ich. An einen Satz von Michael Donhauser denke ich: Ich habe lange nicht doch nur an dich gedacht (erschienen bei Urs Engeler Editor). Der Espresso ist gut und teuer, der zweite auch.
Die Metro rattert durch den Pariser Keller. Im Sommer wird es heiss hier unten, daran zweifelt niemand. Gegen den Metro-Blues helfen vor allem Bücher*. In Madrid, wo ich während drei Jahren lebte, hatte ich pro Tag einen Arbeitsweg von mindestens 2 Stunden. Hochgerechnet sind das 1500 Stunden insgesamt, die ich in der Metro verbrachte, oder 62.5 ganze Tage, oder 187.5 Arbeitstage à 8 Stunden**. Die Namen der Metrostationen werden zur Litanei. Und wenn es ganz unglücklich kommt, endet auch der Dichter als Metrostation.
* Fischli/Weiss: Findet mich das Glück?
** Man gehört irgendwann schon fast zum Inventar.
Noch dies: aufgenommen vor der Abreise in der Rue du Départ 19 (mit Dank und Gruss an David Collin):
Cunclas
Ich sollte einen Spaziergang machen - Caminante, no hay camino, se hace camino al andar (Machado) - anstatt meine Steuererklärung auszufüllen. Und vielleicht würde ich auf meinem Spaziergang* gleich noch am Steueramt vorbei kommen, wo ich rein schauen könnte auf ein Bier (man weiss aber nicht, ob sie Galopper haben). Und während ich in Schränken und Kartonschachteln nach den nötigen Papieren suche, stosse ich auf Sätze, die mich von der Steuererklärung wegtragen. Poesie macht man nur mit dem Antipoetischen (Ramuz). Der Spaziergang endet im Odeon, wo man wie in einem Zug sitzt, auf Holzbänken, in Anzügen und mit dicken Zigarren, auf roten Kissen, damit die feinen Schläge einem nicht in den Rücken fahren auf dem Weg nach Graubünden. Und am Morgen früh fährt der Zug in Chur ein. Auf dem Kunkelspass, der auf der deutsch-romanischen Sprachgrenze liegt und wo ich noch nie war, wird das Hörbuch vom "Sez Ner" vorgestellt. Corin Curschellas umrahmt die Veranstaltung musikalisch**, das freut mich besonders.
* Robert Walser ist Grund genug, um in Biel zu wohnen.
** mit der Maultrommel (rom: sgara da bucca - wörtlich übersetzt: Maulschnarre, -knarre)
Bekenntnisse einer Computer-Kuratorin
Wie wird man von einer Computerhasserin zur Kuratorin für Computer und digitale Kultur? Mit dieser sehr persönlichen Geschichte starte ich meinen Kulturplatz-Blog. Sie ist in meiner Erinnerung unauslöschlich mit der Farbe orange verbunden und beginnt mitten in den 1970er Jahren. Meine Lieblingsfarbe war orange. Genau das Orange des orangen Farbstiftes in meinem Schuletui. Mein Vater hatte als einziger Vater, den ich kannte, einen eigenen Computer im Keller: eine orange Kiste. Dass sie «Naked Mini» hiess und von Computer Automation Inc. war, erfuhr ich erst viel später. Für mich war es einfach «der Computer», der so faszinierend war, dass mein Vater seine Freizeit davor verbrachte. Ich wusste, dass er ganz viel Geld gekostet hatte, dass alles, was mein Vater darauf machte, ganz kompliziert und ganz wichtig war. Ich erzählte stolz von diesem Computer, den ich gleichzeitig hasste, weil er mir in meiner Vorstellung meinen Vater wegnahm.
In meinem Bild der 1970er Jahre gab es zwar viele Dinge die ich nicht verstand, das Leben war aber auch überschaubar, manchmal unbequem, aber irgendwie sorglos. Das lässt sich an einer weiteren orangen Kiste meines Vaters verdeutlichen. Er fuhr einen orangen Citroën Méhari.

Dieses Auto war noch vollständig analog. Wenn es nicht ansprang, konnte der Motor mit einer Kurbel gestartet werden.
Wir Kinder sassen zu dritt auf der Rückbank. An einen Sicherheitsgurt kann ich mich nicht erinnern. Es war zwar unbequem, aber unsicher fühlte mich nie im Méhari.
In einem ähnlichen Sinne unbequem und gleichzeitig übersichtlich war das Bedienen von Computern in den 1970er Jahren. Alles war rein textbasiert, Befehle mussten eingetippt werden. Man musste die Sprache des Computers kennen. Dafür gab es keine Computerviren. Ende der 1970er Jahre entstanden lange vor der Öffnung des Internets für Private die ersten Computermailboxen, über welche Privatpersonen kommunizieren konnten. Die Einstiegsseite der ersten Mailbox in Chicago sah 1978 so aus:
Die orangen 1970er Jahre endeten mit der Scheidung meiner Eltern. In den 1980er Jahren wurden Computer grau, einfacher bedienbar und ich entwickelte ein pubertäres politisches Bewusstsein, zu welchem auch die Abneigung gegen Computer gehörte.

1984 hielt der Macintosh Einzug in unser Gymnasium und ich beschloss, den Computerunterricht zu schwänzen. Dabei fühlte ich mich rebellisch und absolut im Recht. Dieses Gefühl wurde unterstützt von der passenden Hymne von Spliff: «Computer sind doof».
Erst während meines Studiums in den 1990er Jahren merkte ich, dass ich etwas verpasst hatte und dass es nicht mit meinem feministischen Bewusstsein vereinbar war, ein Computertrottel zu sein. Also begann ich mich für Computer zu interessieren. Ich wollte ein Mac Powerbook. Zu meiner grössten Freude schenkte mir mein Vater eines. Es war grau und erfüllte alle meine Wünsche. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich ein Flair für Technisches in mir. Ich beschloss, meine Lizentiatsarbeit über Computermailboxen zu schreiben - natürlich auf meinem Powerbook. Weil sich damals (1995) in den Geisteswissenschaften kaum jemand mit neuen Medien beschäftigte, wurde ich schnell zur Fachfrau und landete dadurch 1999 im Museum für Kommunikation, wo sich heute auch der orange «Naked Mini» und das graue Powerbook befinden.
Ein Kultplatz
Auf Big Island, Hawaii, suchte ich in der Nähe der Kealakekua Bay einen Heiau, einen Kultplatz auf, den Webber gezeichnet hatte.

Wunderbar, dachte ich, als ich das Gelände am Ufer des Pazifiks, das heute ein Nationalpark ist, durchwanderte; genau so hat Webber es wiedergegeben! Dann kam ich mit einem Guide, Charlie Hua, ins Gespräch. Er lächelte, als ich erwähnte, wie gut Webber als Dokumentarist - als Reisereporter - gearbeitet habe. Es sei nicht so, wie ich denke, sagte er. Der Kultplatz mit seinen Statuen, seinen Altären sei aufgrund von Webbers Zeichnungen rekonstruiert worden.
Die amerikanischen Missionare, die dreissig Jahre nach Cooks Landung gekommen seien, hätten solche Kultplätze nicht toleriert; die Neubekehrten seien angewiesen worden, sie zu zerstören. "Von den meisten Heiaus blieben nur Steinhaufen übrig", sagte der Guide. "So ging eine ganze Kultur verloren. Und wir bemühen uns jetzt, sie wiederzubeleben. Webber liefert uns die Vorlagen dafür."
Ich staunte und war ein bisschen beschämt. So kann also Kunst, die Wirklichkeit abbildet, später auf sie zurückwirken und gleichsam neu erschaffen. Hat aber Webber tatsächlich die damalige Wirklichkeit genau erfasst? Bei den Porträts fremder Menschen hat er doch die Körpergestalt, die Gesichtszüge unbestreitbar europäisiert. Das sagte lachend auch Charlie Hua, der zu den sieben Prozent Natives gehört, die noch auf Big Island leben: "So langbeinig, wie Webber uns zeigte, sind wir sicher nicht."
Ja, was sehen wir eigentlich? Was können, was wollen wir nicht sehen? Was blenden wir aus? Was legen wir uns zurecht, damit wir unsere Seh- und Denkgewohnheiten beibehalten? Das ist eine Schlüsselfrage zur realistischen Kunst, die auch, explizit oder verborgen, in meinem Roman immer wieder auftaucht. Es ist im Übrigen auch eine Schlüsselfrage zum Medium der heutigen Reisedokumentation, zur Fotografie.
Das Autowrack in der Bucht von Waimea
Captain Cook, der Navigator und Entdecker, war einer der Helden meiner Jugend. Ich las ohnehin alle Seefahrer-Romane, die mir in die Hände gerieten, legte sogar Listen mit den Fachwörtern für Masten und Takelage an und lernte sie auswendig. Das Meer - die See! - war, ebenso wie die afrikanische Savanne, eine Gegenwelt zur bernischen Enge, in der ich aufwuchs und nach grösseren Freiheiten hungerte.
Als ich dann Jahre später herausfand, dass ausgerechnet ein Berner, Johann Wäber alias John Webber, Captain Cook auf seiner dritten Weltumsegelung als Expeditionsmaler begleitet hatte, war ich von dieser Figur und ihrer Geschichte elektrisiert. Bei meinen Recherchen beschäftigte ich mich intensiv auch mit Cook und entdeckte hinter der Legende einen höchst widersprüchlichen und letztlich rätselhaften Menschen.

Wenn ich heute an ihn denke, fällt mir paradoxerweise zuerst ein verrostetes Autowrack ein. Es steht in der Bucht von Waimea, auf der Insel Kauai, die zum Archipel von Hawaii gehört, und zwar ziemlich genau an der Stelle, wo Cook nach der Überlieferung als erster Weisser, am 20. Januar 1778, seinen Fuss an Land setzte. Nicht weit von der Landestelle gibt es eine Gedenktafel. Das hatte ich erwartet.
Aber die ausgeweidete Rostskulptur am Strand irritierte mich. Je länger ich über sie nachdachte, desto deutlicher sah ich die Verbindungslinie zwischen ihr und Cook, dem Pionier der Globalisierung und Vorreiter der abendländischen Zivilisation. Seine Forschungsreisen standen im Zeichen der Aufklärung; sie vermehrten das Wissen über die Beschaffenheit der Welt in spektakulärer Weise. Zugleich aber - und das ist die dunkle Seite seiner Reisen - verbreiteten Cooks Männer die Syphilis, jedes entdeckte Gebiet wurde für die britische Krone symbolisch in Besitz genommen, und Cooks bewundernswert genaue Karten dienten dazu, die Inseln wieder aufzufinden. Schon bald nach Cook kamen die amerikanischen Missionare, es kamen ausbeuterische Zucker- und Kaffeepflanzer; die Inseln verloren ihre Identität, die einheimische Bevölkerung schrumpfte dramatisch.
Eine späte Folge der Landung Cooks war die Annektierung Hawaiis durch die USA. Heute herrscht auf den Highways morgens und abends Stossverkehr, grosse Tafeln verkünden, dass Littering bei Strafe verboten sei. Aber ein paar Hundert Yards abseits der Hauptachsen laufen überall Hühner frei herum, man findet zerfallende Häuser und eben hier und dort ein Autowrack, ein Sinnbild vielleicht auch für den American Way of Life, von dem der Lack längst abgeblättert ist.
Was heisst es wohl für Obama, dass er auf Hawaii geboren wurde? Ohne Cook, so sagte mir ein Einheimischer, hätte es auch keine Mischlinge gegeben. Und er fügte hinzu: "Wir sollten uns doch heute alle als Mischlinge fühlen, oder nicht?"

















