Zufallsbekanntschaft
Ich mag keine Abschiede. Drum machen wir es kurz, aber immer noch zu lang: Danke, es war schön mit Ihnen, Sie haben mich gut unterhalten, angeregt, überrascht und amüsiert.
Zwar waren Sie recht still, aber ich hatte eine Vorstellung von Ihnen. Manchmal habe ich mir Sie als grossen, dicken, leicht schwermütigen Mann vorgestellt, der sich von mir partout nicht aufheitern lassen wollte. Manchmal waren Sie eine nölende Siebenjährige, die lieber draussen spielen gehen wollte, als mit mir zu plaudern. Ab und zu waren Sie eine gute Freundin, mit der man Intimitäten austauscht und es umgehend bereut, weil man ihre Tratschsucht allzugern verdrängt, in seltenen Momenten waren Sie eine Zufallsbekanntschaft, deren Einladung zu einem Drink man annimmt. So waren Sie. Und noch ganz anders. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, eine gute Reise, passen Sie auf sich auf, nehmen Sie den Schirm mit, es regnet, reden Sie ums Himmels Willen nicht mit Fremden, und steigen Sie nicht in Autos, nicht mal in bekannte, denn die neigen zu Unfällen. Lassen Sie wieder mal was von sich hören, und leben Sie verdammt nochmal Ihr Leben.
Alles Gute. Bye bye.
Urtriebe
Vor einigen Tagen kam anlässlich eines Essens in trauter Freundesrunde und aufgrund der aktuellen Medienberichte rund um Berlusconi, Schwarzenegger und Kachelmann die Frage auf, ob der Mensch an und für sich denn überhaupt treu, sprich monogam sei. Natürlich war mit Mensch vor allem der Mann gemeint, und von da war es ein kleiner Schritt zur Küchen-Evolutionstheorie mit den Samen, die möglichst weit fliegen und sich verbreiten müssen und dem menschlichen Urtrieb, der durch die Zivilisation letztlich nur mehr schlecht als recht im Zaum gehalten werden könne.
Mich langweilt dieses Gefasel vom Urtrieb. Und zwar, weil sich mir folgende Fragen aufdrängen: Weshalb wird in solchen Gesprächen nur der sexuelle „Urtrieb" verhandelt und als moralresistente Zone heroisiert, obwohl es eine ganze Batterie von weiteren Urtrieben gibt, die - gemäss Evolutionsromantikern - letztlich nur das eigene Überleben sichern sollen? Oder anders gefragt: Sind Mörder, Totschläger, Betrüger und Räuber letztlich auch einfach etwas heissblütige, leidenschaftliche Lebemänner?
Date mit der tollsten Person des Universums
Heute startet mein Film in den deutschschweizer Kinos, und ich fühle mich in etwa wie vor dem ersten Date mit der tollsten Person des Universums, wenn man, anstatt sich ordentlich zu freuen, dauernd alle Katastrophenszenarien durchspielt. Ich werde kleckern, dann umfallen oder erst umfallen und dann kleckern, ausserdem bin ich zu dick, und was, wenn er plötzlich anfängt, von Wittgenstein zu sprechen? Merkt er dann, wie ungebildet ich bin? So bin ich seit gestern überzeugt davon, dass kein Schwein meinen Film schauen wird. NIEMAND. Vielleicht sitzt einer drin, der eigentlich in "Pirates of the Caribbean" wollte, sich aber im Saal irrte. Oder jemand, der keine Freunde hat. Oder Johnny Depp, der einfach mal allein sein will. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Inzwischen habe ich so ziemlich jeden Alptraum durchgespielt. Darin wurde ich wahlweise an den Zuschauerpranger für Regisseurinnen mit besonders igitten Filmen gestellt, von meinen Produzenten gesteinigt oder schlicht ausgebürgert. An einen möglichen guten Ausgang des Dates wagt man in solch einem Moment einfach noch nicht zu denken. Weil man wirklich zu dick ist. Und zu ungebildet. Und unlustig...
Diplomat, fremde Schönheit und Viagrazwischenhändler
Guten Tag. Wir kennen uns noch nicht, und Sie haben recht, mir gegenüber etwas verhalten zu sein. Denn normalerweise handelt es sich bei Personen mit ungewöhnlichen bis unaussprechlichen Namen, die man irgendwo im Internet antrifft, entweder a) um Diplomaten eines Landes mit einer vertrauenerweckenden Regierung, die einen um den Transfer eines Geldkoffers auf eine Schweizer Bank bitten oder b) um heiratswillige Schönheiten, die ganz sicher und zweifelsohne treu und romantisch und wirklich nur auf der Suche nach Liebe sind oder c) um Viagrazwischenhändler. Ich bin ein bisschen von allem. Auch ich verkaufe etwas. Ich verkaufe Geschichten. Mal zwischen zwei Buchdeckeln, mal auf einer Zeitungsseite, mal auf einer Leinwand.
Genau wie der Diplomat mit dem Geldkoffer, die fremde Schönheit und der Viagrahändler spiele auch ich auf die Sorgen und Sehnsüchte, auf die verborgenen und geheimen Wünsche eines Publikums an, das mir weder persönlich bekannt noch vertraut ist. Die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen sind fast bei allen dieselben. Noch weiss ich nicht, welche Geschichten ich Ihnen in diesem Monat auftischen werde. Sicher ist, dass Sie sie umsonst bekommen. Bevor wir starten, würde ich Sie gerne mit einem „Willkommen auf diesem Blog" begrüssen, was aber unsinnig wäre, da ja ich der Neuling bin und Sie vermutlich Stammgast. Also sage ich: Heissen wir uns einfach alle gegenseitig Willkommen, am besten gleichzeitig und durcheinander, damit es schön laut wird. Ich freue mich auf Sie!
Ich mag keine Frauen, die:
Ich bin ein Fan der Luzerner Rockband "Mothers Pride". Mit Tobi Gmür, dem Sänger und Gitarristen, habe ich in der Nähe des Bundesplatzes, in einer von ihm vorgeschlagenen Bar, abgemacht. Er zeigte mir ein Bild seiner neuen Freundin und erzählte mir, er sei seit zwölf Jahren nicht mehr so verliebt gewesen. Ich fragte ihn, ob er für sie ein Liebeslied schreiben werde, was zu einer mehrstündigen, in die Luzerner Nacht hinein führenden Diskussion wurde, was ein gutes Liebeslied ausmacht oder eben nicht.
Ich schlug ihm vor, ein Lied zu schreiben, in dem in den Strophen, die Eigenschaften von Frauen benannt werden, die den Männern ein Gräuel sind, und dann einen Refrain zu bauen, mit den Worten à la: „Aber so bist Du nicht, deshalb liebe ich Dich." Die Idee hat uns beide gepackt. Unsere bisherigen Feststellungen solcher Eigenschaften sprudelten sofort wie eine nimmer versiegende Quelle aus uns heraus. Tobi glaubte an dem Abend, bereits die passende Melodie zu hören. Damit dem Hit nichts mehr im Wege steht, habe ich ihm versprochen, die Gedanken ein paar Tage später, ausgereift auf Papier, zu schicken. Meine beiden Lektoren in dieser Sache, Frau Fischer und Tom Gerber, ebenfalls angesteckt von der Idee, haben noch einige eigene Betrachtungen beigesteuert. Tobi wird nun in einem weiteren Schritt die besten und lustigsten Vorschläge in eine Versform bringen und den fertigen Song vielleicht schon bald für seine Liebste auf der Bühne singen. Als sein Fan würde ich mich darüber natürlich riesig freuen.
Ich mag keine Frauen, die:
Einen Rucksack tragen,
Slipeinlagen verwenden,
geizig und humorlos sind, mir mit verschränkten Armen gegenübersitzen
und nie ein offenes Dekolleté zeigen.
Nie betrunken sind und alles unter Kontrolle haben,
nie Parkbussen bekommen und langweilige Unterwäsche tragen.
Müde ins Bett kommen,
immer frieren und nur Salat essen,
Überraschungen nicht mögen und Coelho lesen.
Bunte Bettwäsche haben und sonntags immer Leute zum Brunch einladen.
Kuscheln und langes Vorspiel wollen,
kein Fleisch essen.
Fan sind von schlechten, aber gut aussehenden Rockmusikern.
Eingeschnappt sind, wenn man mit anderen Frauen flirtet.
Immer auf ihr Händy schauen und nie etwas vergessen.
Keine Phantasie haben und immer zu spät kommen.
Spätnachts nicht mitkommen einen Kebab essen.
Die gerne Aktivsportferien machen, aber nicht gerne tanzen.
Originelle Duschvorhänge haben.
Immer Sushi essen gehen wollen.
Ringhörige Untermieter haben.
Sich an einer Party schnell langweilen und früh nach Hause wollen.
Am Morgen schlechte Laune haben.
Nicht nur vor sondern auch nach der Mens schnell reizbar sind.
Am Sonntag spazieren wollen und sagen: "Mir sind hüt no gar nöd verusse gsie"
Sagen: „Du interessierst Dich überhaupt nicht für meine Freunde".
Beim Kauf eines Sofas in der Ikea auch noch Rechaud- und Duftkerzen kaufen.
Sich fragen: „Warum können nicht alle Männer so wie Hugh Grant sein?"
Nur so tun, als ob sie eine Laktose-Insuffizienz haben, damit sie permanent Soja-Milch trinken können.
Mich daran erinnern, dass übermorgen Kartonsammlung ist.
Im Restaurant kein Dessert bestellen, weil sie denken sie sind zu dick, und dann doch mehr als die Hälfte von meinem Dessert essen.
Sich schämen im Schauspielhaus in der Pause wegzuschleichen, obwohl das Stück grottenschlecht ist.
In meiner Browser-History nach Pornoseiten suchen.
Meinen, dass nur Prostituierte gerne Blowjobs gäben.
Sich während einem Action Film fragen, ob man diese Konflikte nicht auch mit Diskussionen lösen könnte.
Den Unterschied zwischen Star Wars und Star Treck nicht kennen.
Im Yogakurs ganz entspannt einen Furz fahren lassen.
Denken, dass Computerspiele immer noch so aussehen wie Pac-Man und nur etwas für 12-Jährige seien.
Für absolute Gleichberechtigung sind, im Restaurant dann aber doch immer mich zahlen lassen.
Ein T-Shirt mit „Tüüfeli" drauf tragen, dann aber doch schüchtern und langweilig sind.
Lieber Greys Anatomie als Breaking Bad schauen (oder irgendeine coole Fernsehserie, z.B. „Sopranos" whatever...).
Beim Sex immer nur Sigur Ros hören wollen.
Mir zum Geburtstag absichtlich hässliche Pullis schenken, damit sich keine anderen Frauen für mich interessieren.
Kein Deo und Parfüm benutzen, weil dass der Haut schade.
Mich fragen, ob ich in diesem Bett auch schon Sex mit meiner Ex-Freundin gehabt habe.
Keine Comics lesen, weil sie das kindisch finden.
Wie Carla del Ponte aussehen.
Selbstgehäkelte Wollsocken tragen, weil dann die Füsse besser atmen können.
Soviel Make-up benutzen, dass sie nach dem Abschminken ein halbes Kilo leichter sind.
In der Nacht lauter schnarchen als ich selber.
Ein viel zu enges Bikini anprobieren und dann beleidigt sind, wenn ich ehrlich meine Meinung dazu sage.
Von der NZZ am Sonntag immer nur den Stilbund lesen.
Ref. (in etwa) Aber so bisch Du nöd, all das machsch Du nöd, drum han ich Dich so gern.
Das Z-Wort
Wo beginnt man einen Blog, den man eigentlich am letzten Tag des vergangenen Jahres abgeben hätte müssen? Es mag die Leserin und den Leser überraschen, aber selbst bloggende Bluessänger haben vorgegebene Abgabetermine. Ich habe meinen Termin also verpasst und schiebe grad hurtig wieder Mal das Z-Wort vor. Genau diese Zeit ist es, die man immer und immer wieder für die eigenen short comings missbraucht. Wann haben Sie das letzte Mal einen Anlass auf die Beine gestellt, schöne Einladungen gedruckt und an fünfzig Ihrer besten Freunde, Verwandte, Bekannte und an einen VIP (in der Hoffnung, dass er dann wirklich auch kommt und Ihrem Fest etwas Gloria verleiht) versandt? Darauf haben sich 11 Personen angemeldet, 4 haben abgesagt und vom Rest des Packs haben Sie nie auch nur eine Reaktion erhalten. Drei Wochen nach dem Anlass (sagen wir, es war Ihr 50. Geburtstag) treffen Sie einen der guten Freunde in der Stadt und er steuert geradewegs mit der Frage auf Sie zu (Flucht nach vorne nennt sich das), wann den das Fest sei, er habe doch, glaube er, letzthin Mal so eine Einladung erhalten. Genüsslich aber voller Bitterkeit lassen Sie ihm rein, dass das Fest schon lange vorbei sei und während Sie auf Ihre eigenen Schuhspitzen starren, murmeln Sie etwas von "es hätte mich schon gefreut, wenn du dich wenigstens kurz gemeldet hättest!" Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wird er das Z-Wort gebrauchen. Wer in dieser Situation das Z-Wort braucht, ist, in meinen Augen, ein Loser. Do NOT, under any circumstances, use the Z-Wort! Ihr Freund hatte also keine Zeit, auch nur ein sms, eine E-mail, oder eine hübsche kleine Postkarte mit einem lieben Wort und entsprechender Abmeldung zu schicken? Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Doch sollte man der Person auch den Kredit geben, dass sie Sie nie darum gebeten hat, ihr eine Einladung für Ihren Anlass zu schicken.
Item, das sollte eigentlich nicht mein Blog werden. Ich sitze auf einem sonnendurchfluteten Balkon am Fusse des Matterhorns in Zermatt. Meine lieben Mitmusiker und ich wurden eingeladen, bzw. engagiert, für eine durchmischte und gut betuchte Kundschaft in einem sehr noblen Hotel ein Silvester-Konzert zu spielen. Um 23 Uhr war das bereits vorbei und um Mitternacht haben wir gemeinsam mit der Gästeschar bei Häppli und Champagner auf der abgesperrten Terrasse das offizielle Zermatter Feuerwerk bestaunt. Dann sind wir bis etwas fünf Uhr morgens durch die Bars gezogen und jetzt sitze ich eben auf dem Balkon der Matterhorn-Suite und geniesse. Es waren tatsächlich zwei sehr anstrengende Wochen seit "Try My Love" veröffentlicht wurde. Es waren auch zwei der schönsten Wochen seit ich Musik mache.
Die ehemals "grösste" Boulevardzeitung der Schweiz wollte von mir wissen, was ich denn für gute Vorsätze für das neue Jahr hätte. Ich habe zwei Tage überlegt und ihnen dann abgesagt. Ich habe keine Vorsätze: ich geniesse das Rauchen, fünf Kilo abnehmen ist quasi ein Dauervorsatz und hat mit dem neuen Jahr rein gar nichts zu tun, ein besserer Mensch zu werden ist das Lebensziel und "a work in progress" und alles Weitere wären allenfalls Wünsche, keine Vorsätze. Ich werde mir wieder mehr Zeit nehmen, mehr Freiräume schaffen. Und ich beantworte nach wie vor jede Einladung, mit Ab- oder Zusage, ganz egal, ob ich eingeladen werden wollte oder nicht. Und ich werde mich weiterhin masslos über respekt- und stillose Mitmenschen ärgern, die mir gegenüber das Z-Wort missbrauchen und damit meine Intelligenz unterschätzen.
Excusez, der Blog ist etwas lang geraten, aber ich hatte grad so schön Zeit. Ach ja, ich muss ja noch einen Grund für meine Verspätung angeben: ich hatte am Abgabetag rein gar keine Lust zu bloggen, es hat mir regelrecht gestunken. Heute, am ersten Tag des Jahres 2011, könnte ich grad ein Dutzend davon verfassen.
Feliz ano novo
Nach Tavanasa
Tavanasa erreicht man am besten mit dem Zug. In Graubünden wurde das Automobil erst im Jahre 1925 endgültig zugelassen*. Davor musste man der Überlieferung nach auf der Kantonsgrenze bei Maienfeld den Motor abschalten, die Pferde vorne her binden und sich durch den Kanton ziehen lassen.
Auf dem Weg ins Bündner Oberland fährt der Zug den Rhein entlang das Tal hinauf. Es kommen mir Baumstämme entgegen. In der Surselva bin ich aufgewachsen, in Tavanasa, das im Winter über Monate hinweg im Schatten liegt und wo jeder Jassspieler, der etwas auf sich hält, mal vorbei kommt in seinem Leben. In die "Ustria dalla staziun" gehen sie, die Canuns da jass, die Jasskanonen, ohne gross Worte zu verlieren, zum Duell gegen die Wirtin**. Und manch einer verlässt in der Dämmerung die Ustria mit schmerzenden Handgelenken, um nie mehr aufzutauchen.

* endlich, nach 10 Abstimmungen (die halbe Welt fuhr bereits mit dem Automobil)
** Seit fünf Jahren, dass ich regelmässig mit meinem Cousin gegen die Wirtin und die Grossmutter antrete, und seit fünf Jahren, dass wir noch nie gewonnen haben. Man wird konsequent unter den Tisch gehauen. Fürs Schreiben ist das nur gut.
de retour
Im Café Indiana in Paris Montparnasse schaut mich die Kellnerin fragend an. Ich denke, sage ich. An einen Satz von Michael Donhauser denke ich: Ich habe lange nicht doch nur an dich gedacht (erschienen bei Urs Engeler Editor). Der Espresso ist gut und teuer, der zweite auch.
Die Metro rattert durch den Pariser Keller. Im Sommer wird es heiss hier unten, daran zweifelt niemand. Gegen den Metro-Blues helfen vor allem Bücher*. In Madrid, wo ich während drei Jahren lebte, hatte ich pro Tag einen Arbeitsweg von mindestens 2 Stunden. Hochgerechnet sind das 1500 Stunden insgesamt, die ich in der Metro verbrachte, oder 62.5 ganze Tage, oder 187.5 Arbeitstage à 8 Stunden**. Die Namen der Metrostationen werden zur Litanei. Und wenn es ganz unglücklich kommt, endet auch der Dichter als Metrostation.
* Fischli/Weiss: Findet mich das Glück?
** Man gehört irgendwann schon fast zum Inventar.
Noch dies: aufgenommen vor der Abreise in der Rue du Départ 19 (mit Dank und Gruss an David Collin):
Bekenntnisse einer Computer-Kuratorin
Wie wird man von einer Computerhasserin zur Kuratorin für Computer und digitale Kultur? Mit dieser sehr persönlichen Geschichte starte ich meinen Kulturplatz-Blog. Sie ist in meiner Erinnerung unauslöschlich mit der Farbe orange verbunden und beginnt mitten in den 1970er Jahren. Meine Lieblingsfarbe war orange. Genau das Orange des orangen Farbstiftes in meinem Schuletui. Mein Vater hatte als einziger Vater, den ich kannte, einen eigenen Computer im Keller: eine orange Kiste. Dass sie «Naked Mini» hiess und von Computer Automation Inc. war, erfuhr ich erst viel später. Für mich war es einfach «der Computer», der so faszinierend war, dass mein Vater seine Freizeit davor verbrachte. Ich wusste, dass er ganz viel Geld gekostet hatte, dass alles, was mein Vater darauf machte, ganz kompliziert und ganz wichtig war. Ich erzählte stolz von diesem Computer, den ich gleichzeitig hasste, weil er mir in meiner Vorstellung meinen Vater wegnahm.
In meinem Bild der 1970er Jahre gab es zwar viele Dinge die ich nicht verstand, das Leben war aber auch überschaubar, manchmal unbequem, aber irgendwie sorglos. Das lässt sich an einer weiteren orangen Kiste meines Vaters verdeutlichen. Er fuhr einen orangen Citroën Méhari.

Dieses Auto war noch vollständig analog. Wenn es nicht ansprang, konnte der Motor mit einer Kurbel gestartet werden.
Wir Kinder sassen zu dritt auf der Rückbank. An einen Sicherheitsgurt kann ich mich nicht erinnern. Es war zwar unbequem, aber unsicher fühlte mich nie im Méhari.
In einem ähnlichen Sinne unbequem und gleichzeitig übersichtlich war das Bedienen von Computern in den 1970er Jahren. Alles war rein textbasiert, Befehle mussten eingetippt werden. Man musste die Sprache des Computers kennen. Dafür gab es keine Computerviren. Ende der 1970er Jahre entstanden lange vor der Öffnung des Internets für Private die ersten Computermailboxen, über welche Privatpersonen kommunizieren konnten. Die Einstiegsseite der ersten Mailbox in Chicago sah 1978 so aus:
Die orangen 1970er Jahre endeten mit der Scheidung meiner Eltern. In den 1980er Jahren wurden Computer grau, einfacher bedienbar und ich entwickelte ein pubertäres politisches Bewusstsein, zu welchem auch die Abneigung gegen Computer gehörte.

1984 hielt der Macintosh Einzug in unser Gymnasium und ich beschloss, den Computerunterricht zu schwänzen. Dabei fühlte ich mich rebellisch und absolut im Recht. Dieses Gefühl wurde unterstützt von der passenden Hymne von Spliff: «Computer sind doof».
Erst während meines Studiums in den 1990er Jahren merkte ich, dass ich etwas verpasst hatte und dass es nicht mit meinem feministischen Bewusstsein vereinbar war, ein Computertrottel zu sein. Also begann ich mich für Computer zu interessieren. Ich wollte ein Mac Powerbook. Zu meiner grössten Freude schenkte mir mein Vater eines. Es war grau und erfüllte alle meine Wünsche. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich ein Flair für Technisches in mir. Ich beschloss, meine Lizentiatsarbeit über Computermailboxen zu schreiben - natürlich auf meinem Powerbook. Weil sich damals (1995) in den Geisteswissenschaften kaum jemand mit neuen Medien beschäftigte, wurde ich schnell zur Fachfrau und landete dadurch 1999 im Museum für Kommunikation, wo sich heute auch der orange «Naked Mini» und das graue Powerbook befinden.
Ich bin der Neue
Hallo, ich bin der Neue. Mögen Sie Geschichten? Ich sehr. Dafür stehe ich jeden Morgen auf. Dafür bleibe ich lange wach. Andere sammeln Pilze, ich sammle Stories. Bloss dass ich nie davon satt werde, ich bleibe hungrig.
Ich erzähle oft in Mundart und oft gereimt, deshalb werde ich Ihnen meine Stories hier in diesem Blog auch oft als Hörtext präsentieren.
Hier ist mal die erste Geschichte, hören Sie doch rein, es geht um Marcel und vielleicht kennen Sie ihn ja.
Die Geschichte von Marcel

















