19.5.2011 10:23

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Date mit der tollsten Person des Universums

Heute startet mein Film in den deutschschweizer Kinos, und ich fühle mich in etwa wie vor dem ersten Date mit der tollsten Person des Universums, wenn man, anstatt sich ordentlich zu freuen, dauernd alle Katastrophenszenarien durchspielt. Ich werde kleckern, dann umfallen oder erst umfallen und dann kleckern, ausserdem bin ich zu dick, und was, wenn er plötzlich anfängt, von Wittgenstein zu sprechen? Merkt er dann, wie ungebildet ich bin? So bin ich seit gestern überzeugt davon, dass kein Schwein meinen Film schauen wird. NIEMAND. Vielleicht sitzt einer drin, der eigentlich in "Pirates of the Caribbean" wollte, sich aber im Saal irrte. Oder jemand, der keine Freunde hat. Oder Johnny Depp, der einfach mal allein sein will. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Inzwischen habe ich so ziemlich jeden Alptraum durchgespielt. Darin wurde ich wahlweise an den Zuschauerpranger für Regisseurinnen mit besonders igitten Filmen gestellt, von meinen Produzenten gesteinigt oder schlicht ausgebürgert. An einen möglichen guten Ausgang des Dates wagt man in solch einem Moment einfach noch nicht zu denken. Weil man wirklich zu dick ist. Und zu ungebildet. Und unlustig...



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9.5.2011 14:11

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Voll schnüge!

Diese Woche war voll mit Presseterminen. Zwischenbilanz beim Lesen der Interviews mit mir und frei nach Bob Dylan: God, I'm glad I'm not me (Mein Gott, zum Glück bin ich nicht ich). Denn zu meinem grossen Erstaunen trage ich in Interviews gerne „geblümte" oder „adrette" Kleider, wirble durch Türen, sage etwas von „ich bin nicht eitel", während ich mir gleichzeitig die Lippen nachziehe, benutze sehr gerne das Wort „lässig" für „angenehm" oder „lustig". Ueberhaupt bin ich mir inzwischen sicher, dass ich bei meinen Kolumnen und Drehbüchern über einen Ghostwriter verfüge, so unbeholfen, wie ich in Interviews rede.

 

Heute Abend steht die Filmpremiere von „Fliegende Fische" an. Ich schmeisse mich jetzt mal in ein adrettes, geblümtes Kleid, wirble dort ein wenig herum und halte eine total lässige Rede. Hey, das wird voll schnüge!



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23.3.2011 13:26

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Niemals das eine ohne das andere

Hallo, Leute, und sorry, bin etwas monothematisch im Moment. Wobei; das geht nun schon länger so. Seit November 09. Hallo! Glinglong! Minarett-Initiative!

Seither hab ich rumgehirnt. Wie macht man zu diesem Thema eine Theatersatire? Habs dann auf die Reihe gekriegt, halt erst mit der Zeit, aber immerhin. Und am 19. März war Uraufführung.

aus: biedermann.umgezogen - Luzerner Theater 

Zwar nur am Luzerner Theater. Aber auch in dem Fall finde ich: immerhin. Obwohl sich eine Kritikerin aus Zürich ganz furchtbar ganz genau darüber aufregte, über das Luzerner Theater, das heisst über das Publikum des Luzerner Theaters, über „die schenkelklopfende Begeisterung des lokalen Publikums". Ja, gopfi, ist man als Autorin jetzt auch noch für das Publikum verantwortlich, oder wie? Soll ich mich jetzt fremdschämen, oder was?

Apropos lokales Publikum: Es waren nicht nur Innerschweizer im Publikum. (Übrigens heisst diese Region hier nicht Innerschweiz, sondern Zentralschweiz, imfall. Aber Zentralschweiz klingt halt nicht so schön doof nach doofen Chnebu-Grinde und Buure-Buebe wie Innerschweiz). Wo war ich? Also, direkt neben der Kritikerin aus Zürich sass kein gigelndes Provinzhäschen aus Luzern, sondern eine waschechte Zürcherin aus Zürich. Eine 25jährige. Und sie kam nach der Vorstellung zu mir, eine blitzgescheite Frau, die gerade ihren Master macht, wie sich herausstellte, dieses Girl also, das halt eben während der Vorstellung etwas irritiert worden war durch die Strenge der Grosskritikerin im Nebenstuhl, fragte mich: „Wir durften doch lachen, oder?" Yes, dear, you even were supposed to laugh your head off, dear! Am nächsten Morgen kann man dann noch immer traurig sein darüber, dass man gelacht hat. Das ist nämlich Satire. Lachen, und dann traurig sein. Oder umgekehrt. Jedenfalls niemals das eine ohne das andere. Okay?

Übrigens, Leute! Dranbleiben. Es folgen bald weitere Infos betr. Grosskritikerin und so.



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23.3.2011 13:22

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Der Kulturplatz-Blog von Gisela Widmer

Gisela Widmer ist die neue Gastbloggerin im Kulturplatz-Blog. Am vergangenen Samstag ist am Luzerner Theater ihr neues Stück „biedermanns.umgezogen" uraufgeführt worden. Wir berichten in der heutigen Kulturplatz-Sendung darüber. Vom Publikum wurde die Aufführung bejubelt, von der Kritik positiv und vernichtend gewürdigt.



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1.1.2011 14:22

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Das Z-Wort

Wo beginnt man einen Blog, den man eigentlich am letzten Tag des vergangenen Jahres abgeben hätte müssen? Es mag die Leserin und den Leser überraschen, aber selbst bloggende Bluessänger haben vorgegebene Abgabetermine. Ich habe meinen Termin also verpasst und schiebe grad hurtig wieder Mal das Z-Wort vor. Genau diese Zeit ist es, die man immer und immer wieder für die eigenen short comings missbraucht. Wann haben Sie das letzte Mal einen Anlass auf die Beine gestellt, schöne Einladungen gedruckt und an fünfzig Ihrer besten Freunde, Verwandte, Bekannte und an einen VIP (in der Hoffnung, dass er dann wirklich auch kommt und Ihrem Fest etwas Gloria verleiht) versandt? Darauf haben sich 11 Personen angemeldet, 4 haben abgesagt und vom Rest des Packs haben Sie nie auch nur eine Reaktion erhalten. Drei Wochen nach dem Anlass (sagen wir, es war Ihr 50. Geburtstag) treffen Sie einen der guten Freunde in der Stadt und er steuert geradewegs mit der Frage auf Sie zu (Flucht nach vorne nennt sich das), wann den das Fest sei, er habe doch, glaube er, letzthin Mal so eine Einladung erhalten. Genüsslich aber voller Bitterkeit lassen Sie ihm rein, dass das Fest schon lange vorbei sei und während Sie auf Ihre eigenen Schuhspitzen starren, murmeln Sie etwas von "es hätte mich schon gefreut, wenn du dich wenigstens kurz gemeldet hättest!" Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wird er das Z-Wort gebrauchen. Wer in dieser Situation das Z-Wort braucht, ist, in meinen Augen, ein Loser. Do NOT, under any circumstances, use the Z-Wort! Ihr Freund hatte also keine Zeit, auch nur ein sms, eine E-mail, oder eine hübsche kleine Postkarte mit einem lieben Wort und entsprechender Abmeldung zu schicken? Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Doch sollte man der Person auch den Kredit geben, dass sie Sie nie darum gebeten hat, ihr eine Einladung für Ihren Anlass zu schicken.

 

Item, das sollte eigentlich nicht mein Blog werden. Ich sitze auf einem sonnendurchfluteten Balkon am Fusse des Matterhorns in Zermatt. Meine lieben Mitmusiker und ich wurden eingeladen, bzw. engagiert, für eine durchmischte und gut betuchte Kundschaft in einem sehr noblen Hotel ein Silvester-Konzert zu spielen. Um 23 Uhr war das bereits vorbei und um Mitternacht haben wir gemeinsam mit der Gästeschar bei Häppli und Champagner auf der abgesperrten Terrasse das offizielle Zermatter Feuerwerk bestaunt. Dann sind wir bis etwas fünf Uhr morgens durch die Bars gezogen und jetzt sitze ich eben auf dem Balkon der Matterhorn-Suite und geniesse. Es waren tatsächlich zwei sehr anstrengende Wochen seit "Try My Love" veröffentlicht wurde. Es waren auch zwei der schönsten Wochen seit ich Musik mache.

 

Die ehemals "grösste" Boulevardzeitung der Schweiz wollte von mir wissen, was ich denn für gute Vorsätze für das neue Jahr hätte. Ich habe zwei Tage überlegt und ihnen dann abgesagt. Ich habe keine Vorsätze: ich geniesse das Rauchen, fünf Kilo abnehmen ist quasi ein Dauervorsatz und hat mit dem neuen Jahr rein gar nichts zu tun, ein besserer Mensch zu werden ist das Lebensziel und "a work in progress" und alles Weitere wären allenfalls Wünsche, keine Vorsätze. Ich werde mir wieder mehr Zeit nehmen, mehr Freiräume schaffen. Und ich beantworte nach wie vor jede Einladung, mit Ab- oder Zusage, ganz egal, ob ich eingeladen werden wollte oder nicht. Und ich werde mich weiterhin masslos über respekt- und stillose Mitmenschen ärgern, die mir gegenüber das Z-Wort missbrauchen und damit meine Intelligenz unterschätzen.

 

Excusez, der Blog ist etwas lang geraten, aber ich hatte grad so schön Zeit. Ach ja, ich muss ja noch einen Grund für meine Verspätung angeben: ich hatte am Abgabetag rein gar keine Lust zu bloggen, es hat mir regelrecht gestunken. Heute, am ersten Tag des Jahres 2011, könnte ich grad ein Dutzend davon verfassen.

 

Feliz ano novo



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3.6.2010 09:33

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de retour

Im Café Indiana in Paris Montparnasse schaut mich die Kellnerin fragend an. Ich denke, sage ich. An einen Satz von Michael Donhauser denke ich: Ich habe lange nicht doch nur an dich gedacht (erschienen bei Urs Engeler Editor). Der Espresso ist gut und teuer, der zweite auch.

Die Metro rattert durch den Pariser Keller. Im Sommer wird es heiss hier unten, daran zweifelt niemand. Gegen den Metro-Blues helfen vor allem Bücher*. In Madrid, wo ich während drei Jahren lebte, hatte ich pro Tag einen Arbeitsweg von mindestens 2 Stunden. Hochgerechnet sind das 1500 Stunden insgesamt, die ich in der Metro verbrachte, oder 62.5 ganze Tage, oder 187.5 Arbeitstage à 8 Stunden**. Die Namen der Metrostationen werden zur Litanei. Und wenn es ganz unglücklich kommt, endet auch der Dichter als Metrostation.

* Fischli/Weiss: Findet mich das Glück?

** Man gehört irgendwann schon fast zum Inventar.

Noch dies: aufgenommen vor der Abreise in der Rue du Départ 19 (mit Dank und Gruss an David Collin):

 

Fundstück 



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22.3.2010 13:49

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Cutex, I give you my love

Ich habe keinen Führerschein. Mein Mann fährt mich. Da wir sowieso meistens ans selbe Ziel wollen, er und ich, gibt es diesbezüglich auch kaum je Probleme. Ich war 19, als wir uns kennen lernten,  und er war bald darauf  schon stolzer Besitzer seines ersten eigenen Autos, einer Ente in knallrot. Heute fährt er einen Mini Clubman in hot chocolate metallic. Très chic!
Ich eigne mich nicht für den Verkehr. Motoren - schon das Geräusch - machen mir Angst. Ich bin auch kein besonders guter Beifahrer. Ein simples Überholmanöver auf der Autobahn reicht schon, um mich nervös zu machen. Beim Rückwärtseinparken werde ich kurzatmig, sollte es gar am Berg geschehen, wird mir fast schon schwarz vor Augen. Ich kann es nicht ändern, es ist halt so. Ich bin dafür auf anderen Gebieten vollkommen furchtlos. Zum Beispiel habe ich überhaupt keine Angst vor Hefeteig. Oder vor hohen Schuhen. Auch nicht vor sehr, sehr hohen. Wirklich nicht.

Für die Rolle der Emma Weideli-Oggenfuss lasse ich mir die Nägel wachsen. Die ganze Probenzeit hindurch feile ich an ihnen herum und creme sie ein, damit sie schön fest werden und gepflegt sind. Die Zeit, die ich neben den Proben damit verbringe scheint mir wie Arbeit an der Rolle, und ich mag die Vorstellung, dass mit meinen Nägeln die Rolle in mir wächst. Wer meint, dass dies reine Äußerlichkeit sei, irrt. Lange Nägel verändern, ähnlich wie hohe Schuhe übrigens, die gesamte Wahrnehmung. Die Gesten werden weicher. Man fasst anders an. Selbst jetzt, während ich nur dasitze und das hier schreibe, das Geräusch auf der Tastatur meines Labtops, klack-e-di-klack, klack-e-di-klack, als würden zwei kleine Kessler Zwillinge auf der Tastatur meines Labtops eine Steppnummer vorführen.

Nagellack

Auch der Gang in die Kosmetikabteilung eines Warenhauses oder eine Parfümerie, „guten Tag, ich brauche einen Nagellack für eine ältere, vornehme Dame, was würden sie mir da empfehlen?" gehört zur Rollenarbeit dazu, er ist ein erster Höhepunkt, ein Etappensieg. Nagellack gehört für mich zum Aufregendsten und Faszinierendsten was es im Leben gibt, das war so seit ich denken kann. Meine Mutter hatte, als ich klein war, eine Farbpalette mit verschiedensten Farben von Nagellack einer bestimmten Firma, eine quadratische Scheibe aus durchsichtigem Plastik war das, etwas größer als eine Tafel Schokolade, und darauf waren in zwei Reihen die verschiedenen Farbtöne in Form von schön geformten, langen Fingernägeln eingegossen. Wenn man einen Finger an der entsprechenden Stelle unter die Scheibe hielt, konnte man sich vorstellen, es sei der eigene Nagel. Sofort fühlte man sich erwachsen und elegant. Ich habe einen Grossteil meines Vorschulalters damit verbracht zu versuchen, alle zehn Finger gleichzeitig so unter dieser Scheibe zu platzieren, dass die Illusion perfekt war und es echt aussah. Dass ich mir dabei fast die Finger gebrochen und bald in beiden Händen Krämpfe bekam, habe ich billigend in Kauf genommen. Gut, dass es damals noch keine Nagelstudios gab (es wird wohl welche gegeben haben, aber die Nagelstudiodichte war bei weitem nicht so hoch wie sie es heute ist), ich wäre bestimmt losgegangen und hätte mein mühsam erspartes Taschengeld in Nägel investiert. Und zwar nicht in sogenannte french nails, wie man sie heute an jeder Kellnerin, Kassiererin und Jung-Prostituierten sieht: zu breite, zu lange durchsichtige Plastiknägel mit einem weißen Rand an der Spitze, Pornoschaufeln! Nein. Schön gefeilt müssen sie sein, klassisch geformt und nicht zu lang. Und am liebsten, wie Norma Shearer zu Rosalind Russell am Ende von George Cukors Film „The Women" sagt: „Jungle red Sylvia, jungle red!"

Sobald die Premiere vorbei ist, schneide ich mir die Nägel wieder kurz. Die Rolle ist nur eine Rolle. Und der teure Nagellack kommt zu Hause ins Regal, zusammen mit den ganzen anderen, für die ich in meinem Leben schon unnötigerweise sehr viel Geld ausgegeben habe. Macht nichts. Andere investieren in teure Autos.



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16.3.2010 12:34

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Heraus mit der Sprache

"Bibi Balù" ist die Geschichte einer tapferen jungen Schweizerin, die ganz allein und aus eigener Kraft auf der einsamen, abgelegenen Südseeinsel Balù ein Lazarett für Eingeborene betreibt. Ohne Hilfe von außen aber droht nun das Lazarett unterzugehen, es fehlt an allem. So rührend die Geschichte ist, sie ist frei erfunden. Weder gibt es eine Bibi, noch eine Insel Balù. Ausgedacht hat sich dies der gescheiterte und mittellose Fritz Sturzenegger, der gerade von einer Weltreise, auf der er sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, nach Zürich zurückgekehrt ist. Es gelingt ihm, einen schmierigen PR-Berater und einen versoffenen Notar von der Idee zu begeistern, gemeinsam in der Schweizer Bevölkerung Spenden zu sammeln für Bibi Balù. Unterstützt werden sie dabei von einer älteren und etwas exaltierten Dame vom Züriberg. Sie hat sich seit Jahren der Wohltätigkeit verschrieben und bringt das nötige Know-how mit. Die Sache kommt ins Rollen und läuft immer besser - bis auf einmal eine junge Frau die Szene betritt und von sich behauptet, sie sei sie, die Bibi.

Gleich auf der Leseprobe macht uns die Dramaturgin darauf aufmerksam, dass wir uns unter Umständen Schwierigkeiten aufhalsen, wenn wir, wie's im Stück steht, die Eingeborenen permanent als Neger bezeichnen. Das Stück ist Anfang der 60er Jahre geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Wort Neger in der Schweiz ganz geläufig war, d' Neger dies, d' Neger das. Damals war das nicht rassistisch, es hatte nicht mal einen Gout . Wir müssen es also dabei belassen.

Wann war denn das eigentlich, als das Wort Neger zum Unwort wurde, woher kam das, wer hat darüber entschieden? Ich frage. Angeblich soll Neger das Deutsche Wort für nigger sein. Aber stimmt denn das? Ist Neger nicht negro? Man soll es nicht mehr sagen, gut. Aber ich tue mich schwer damit. Weil ich die Worte schön finde. Neger, negro. Schöne Worte mit einem schönen Klang. Und ist nicht das „d" in d' Neger viel rassistischer, das kollektive Gleichmachen durch den Artikel? Ist am Ende das Wort Rasse heute schon rassistisch? Ich merke schon, es ist gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. Zudem hat sich die angeblich politisch korrekte Bezeichnung ja auch immer wieder geändert. Farbige, Afroamerikaner, Schwarze, weh dem, der da nicht Bescheid weiß, nicht auf dem aktuellen Stand ist. Weh mir.

Auf den Kontext kommt es an, sagt mein Mann. Und er meint, es waren die Putzfrauen, die eines Tages nicht mehr Putzfrauen genannt werden wollten. So hat man sich auf das Wort Reinigungskraft geeinigt, das hatte lange Gültigkeit. Seit einiger Zeit hört man - am Theater zumindest - nun den Begriff Raumpflegerin. Und neu jetzt, vor kurzem erst, das ist kein Witz, hatte Bühnenkosmetikerin Premiere. Mir reicht das jetzt. Ich putze gern, ich finde Frauen toll, ich sage Putzfrau.

Wär's nicht besser, jeder sagt so, wie er denkt und fühlt? Wenn einer zum Beispiel im Internet über mich schreibt „Dr Marti isch e Schwuchtle" ist mir das recht. Nur zu, heraus mit der Sprache, mir ist es lieber, ich weiß, woran ich bin. Ich kann mir dann immer noch überlegen, ob ich zustimmen, anderer Meinung sein, widersprechen oder drüberstehen will. In diesem Fall stimme ich zu. Ich habe doch selber schon vor einigen Jahren, allerdings in fortgeschritten alkoholisiertem Zustand auf der Tanzfläche einer Berliner Schwulendisco gestanden und „Bewegt Euch, ihr Schwuchteln!" gebrüllt. Hat keinen gestört, hat gar kein Aufsehen erregt. Wenn wir uns untereinander so nennen dürfen, darf es dann nicht auch der potentielle Schwulenhasser, der meint, mir nachts auf dunkler Strasse mit seinem Baseballschläger den Unterkiefer zertrümmern zu müssen? Vielleicht ja, wenn er merkt, dass er das eine darf, meint er nicht mehr, das andere zu müssen.



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12.3.2010 12:54

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„Ich möchte gerne Hausfrau sein"

Nonchalance

Heute bin ich aus München zurückgekommen, wo ich Samstagabend „La Cage aux Folles" am Gärtnerplatztheater gespielt habe. Ein tolles Stück. Die Vorstellung ist fast immer ausverkauft und macht allen Beteiligten große Freude. Wir spielen sie schon im dritten Jahr und von mir aus kann es immer so weitergehen. Eigentlich bin ich noch etwas jung für die Rolle des Albain. Dem Regisseur Helmut Baumann war's egal. Und nun erledigt es sich von selbst mit den Jahren. Ich muss gar nichts dafür tun.

So gern ich die Vorstellung spiele, hätte ich auch gegen einen freien Sonntag in unserer sehr gemütlichen St. Gallener Gästewohnung nichts einzuwenden gehabt, überhaupt nichts. Ich bin bei aller Liebe zum Theater und zum Showgeschäft nämlich auch ein ganz großer Freund freier Tage. Dann koche ich, räume auf, backe einen Kuchen oder werkle so vor mich her und nuusche herum. Für mich das Größte. Ich hab schon oft zu meinem Mann gesagt: wenn er ein anständiges Gehalt nach Hause brächte, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen und könnte mich ganz auf den Haushalt konzentrieren, ich wäre gerne Hausfrau, und eine gute obendrein. Es soll wohl nicht sein.

Die Zeit in München ist jedes Mal ganz knapp und begrenzt. Ich wohne immer im selben Hotel, oft sogar im selben Zimmer, gehe nach meiner Ankunft immer ins selbe Restaurant, wo ich meistens das gleiche Gericht bestelle. Ins Theater geh ich zu Fuß, durchs Bahnhofsviertel, vorbei am Jüdischen Museum (wunderschön ist das, vor allem auf dem Rückweg nachts, wenn es beleuchtet ist!). Immer die selben Wege zur gleichen Zeit. Diese Rituale sind wichtig, sie helfen mir reinzukommen. Schminken tu ich mich selber und bin meistens der erste, der in der Garderobe ist, bevor sie sich dann mehr und mehr füllt, bis sie tatsächlich ein Käfig voller Narren ist.

Diesmal gab es in meinem Zeitplan eine kleine Lücke, welche ich genutzt habe um mich auf die Suche nach einem Duft für meine Rolle in „Bibi Balù" zu machen. Jede Rolle, die ich spiele, bekommt ihren eigenen Duft. Bei Ursli ist es „Chanel Pour Monsieur". Bei Ursula West war es „Kölnisch Wasser 4711. „Shalimar" für Zaza, „Chanel Nr. 5" für Dolly Levi. „Poison" für die böse Königin in „Snow White" - was denn sonst. Und für die Rolle der „Csárdásfürstin" nächsten Winter an der Oper Köln hab ich mir jetzt schon „Aqua Fiorentina" von Creed gekauft, noch bevor ich den Vertrag unterschrieben habe, einfach weil ich mich so darauf freue! In St.Gallen jetzt spiele ich Emma Weideli-Oggenfuss, eine exaltierte, ältere Dame vom Züribärg, vornehm, aber bei weitem nicht so vermögend, wie sie es einem gerne glauben macht, der Duft muss also preiswert sein und etwas von einer Oma haben. Es ist Sonntag, die Geschäfte haben zu, hm. Der Drogeriemarkt im Bahnhof, perfekt! „Tosca"? Zu frisch. „Gloria Vanderbilt"? Halten die Kollegen nicht aus. Aber was steht denn da rechts oben im Regal, „Nonchalance", das kenn ich gar nicht. Ich sprühe mir vom Tester etwas auf einen Papierstreifen und weiß sofort: Treffer! Mehr Oma geht nicht. Voll Freude und Zuversicht, das richtige gefunden zu haben, mache ich mich auf den Weg ins Theater und zur Vorstellung.

Die Nacht ist kurz. Ich hatte vor, mir die Oscarverleihung live aus Los Angeles anzuschauen, bin aber wenige Minuten vor Beginn bei laufendem Fernseher eingeschlafen, noch bevor Christoph Walz seinen Oscar für die beste männliche Nebenrolle in Empfang nehmen konnte. Kurz nach sechs Uhr klingelt der Wecker, und um sieben sitz ich schon im Zug zurück nach St. Gallen. Mein Mann, der auch mein Manager ist und sich um all meine Geschäfte kümmert - wofür ich ihm gerne den Haushalt mache und seine Hemden bügle - hat mir einen Sitzplatz in der 1. Klasse reserviert. Das ist schön, obwohl ich finde, dass der Unterschied in der 1. Klasse zur 2. in den Schweizer Zügen nicht groß genug ist. Ich beschließe, mich nicht auf meinen reservierten Platz im Großraumwagen zu setzten und verziehe mich stattdessen in einen alten Abteilwagen, die mit den Sitzen, die man rausziehen und sich so ein Liege machen kann. Kein Mensch weit und breit. Bordeauxfarbene Cordbezüge. Ich schlafe sofort ein. Als ich wieder erwache, sind wir schon im Allgäu. Ich mag diese Gegend gern. Der Winter ist ja übers Wochenende zurückgekehrt, und da, wo sonst so viel Grün ist, ist jetzt so viel Weiß. In Lindau dann der fantastische Blick über den See, wenig später die Ankunft in St. Gallen. Kurz nach elf Uhr bin ich auf der Probebühne, es geht weiter.



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23.4.2009 00:35

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Funky Neighbourhood

Letzten Freitag sind wir an die Ursulines Avenue umgezogen. Die Warnungen im Internet sind leider nicht ganz unbegründet, wir wohnen nun in einem schmutzigen Stundenhotel und sind nur zum Schlafen im Zimmer. Am meisten machen die Kakerlaken und Bröselteppiche unseren mitgereisten Partnerinnen zu schaffen. Wir anderen haben das Jahr in Äthiopien begonnen und sind in Sachen Komfort nicht so leicht zu erschrecken. Die Umgebung soll furchtbar gefährlich sein, man hat uns bereits auf die Tatorte der letzten Morde aufmerksam gemacht.

Die "funky neighbourhood" hat aber auch ihr Gutes: Am Samstag hörten wir in der Nähe des Hotels den Lärm einer Soulband und verirrten uns deshalb an ein Kleinstfestival in unserer Nachbarschaft.

Wir wurden nicht niedergmetzelt, sondern waren herzlich willkommen. Die Band im Hinterhof hatte zwei Hauptsänger sowie diverse Gastsänger und -Sängerinnen, die einander die Mikrofone weiterreichten. Als auffällige Fremdlinge wurden auch wir sofort in die Pflicht genommen und mussten in diversen Sing- und Tanzwettbewerben den Beifall oder Spott des Publikums über uns ergehen lassen.

Als immer mehr Männer in schicken blauen Kavallerieuniformen inklusive gelbem Halstuch auftauchten, merkten wir, dass sich zwei Häuser weiter eine Wanderaustellung der "Buffalo Soldiers" befand.

Boni und Sibylle auf der Gewinnerseite des Sezessionskrieges

Die Buffalo Soldiers waren das erste schwarze Regiment der US-Armee. Einer der heutigen Offiziere beschwor in einer Ansprache ihre glorreiche Geschichte seit der Gründung nach dem Bürgerkrieg 1866 und betonte, sein Verein sei in keinerlei Massaker an der indianischen Urbevölkerung verwickelt gewesen. Obwohl sich niemand von uns für Militärkram erwärmen kann, konnten wir es uns natürlich nicht verklemmen, mit einem der anwesenden Helden zu posieren.

Schtärneföifi als Star 5 am Ufer des Mississippi

Gestern war unser erstes Konzert mit Schtärneföifi auf amerikanischem Boden. Anlässlich des dreitägigen French Quarter Festivals hatten wir einen 45minütigen Auftritt auf der "Kids-Stage" direkt am Mississippi vor malerischer Kulisse. Während wir unser Set spielten, tuckerten hinter uns Lastkähne, Autofähren und sogar der stolze Raddampfer "Natchez" vorbei. Leider beschränkte sich unser Publikum auf nur etwa hundert Nasen, aber die immerhin hatten ihren Spass. "Heicho" war nach Hause zurückgekehrt.



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