Zufallsbekanntschaft
Ich mag keine Abschiede. Drum machen wir es kurz, aber immer noch zu lang: Danke, es war schön mit Ihnen, Sie haben mich gut unterhalten, angeregt, überrascht und amüsiert.
Zwar waren Sie recht still, aber ich hatte eine Vorstellung von Ihnen. Manchmal habe ich mir Sie als grossen, dicken, leicht schwermütigen Mann vorgestellt, der sich von mir partout nicht aufheitern lassen wollte. Manchmal waren Sie eine nölende Siebenjährige, die lieber draussen spielen gehen wollte, als mit mir zu plaudern. Ab und zu waren Sie eine gute Freundin, mit der man Intimitäten austauscht und es umgehend bereut, weil man ihre Tratschsucht allzugern verdrängt, in seltenen Momenten waren Sie eine Zufallsbekanntschaft, deren Einladung zu einem Drink man annimmt. So waren Sie. Und noch ganz anders. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, eine gute Reise, passen Sie auf sich auf, nehmen Sie den Schirm mit, es regnet, reden Sie ums Himmels Willen nicht mit Fremden, und steigen Sie nicht in Autos, nicht mal in bekannte, denn die neigen zu Unfällen. Lassen Sie wieder mal was von sich hören, und leben Sie verdammt nochmal Ihr Leben.
Alles Gute. Bye bye.
Manuel Stahlberger zeichnet den kulturplatz-Blog
Der Liedermacher Manuel Stahlberger wird im Mai mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet, ist zur Zeit auf Tour und ist auch ein Comic-Zeichner. Deshalb ist sein kulturplatz-Blog ein Comic-Blog.
Zu miiner Ziit
Die Alten sprechen gern davon, wie es zu "ihrer Zeit" denn war. Werde ich jetzt alt oder bin ich einfach nur sentimental? Denn, ganz klar, auch ich hatte "miini Ziit". Ich kann sie genau datieren: sie begann am 10. Juni 1987 und endete, als für viele andere "ihre Zeit" losging, im Herbst 1989 nämlich. Meine Zeit, das waren drei Sommer und zwei Winter in Westberlin. Meine Zeit, das war die Mauerstadt.
Die letzten Tage habe ich ein neu erschienenes Buch gelesen, "Helden", von Tobias Rüther. Der 1973 geborene Autor begibt sich auf die Spuren von David Bowie; drei Jahre hat Bowie in Berlin gewohnt, Ende der 70er Jahre war das. Rüther hat diese Phase nicht aktiv miterlebt und doch ist ihm dank seines plastischen Schreibstils etwas Bemerkenswertes gelungen: man kann Bowies Berlin fühlen, riechen, hören, ist mittendrin in diesem Wahnsinn aus Musik, Drogen, riesigen leeren Wohnungen, Kohlegeruch und politischem Aktivismus. Ich kannte die Stadt in den 70ern nicht, doch mir will scheinen, dass mein Berlin nicht sehr weit entfernt war von Bowies Berlin. Auf alle Fälle nicht so weit entfernt wie es der Ausnahmezustand Westberlin von dem heutigen Berlin ist, dieser immer chicer werdenden, die Lücken schließenden, die Narben zukleisternden, den normalen Regeln gehorchenden Großstadt, gefüllt mit Touristen, Medienschaffenden und Menschen, die sich ihre Projekte immer noch von den Eltern bezahlen lassen.
Vielleicht bin ich wegen Rüthers Buch melancholisch, vielleicht auch nur, weil ich ahne, dass ein jeder nur einmal "seine Zeit" hat (Gegenbeispiele wären mir willkommen).
Mein Berlin war dunkel, eigentlich habe ich es als tiefe Schwärze in Erinnerung. Ich hatte gehört, in Kreuzberg finde das Leben statt. Als ich das erste Mal nachts durch Kreuzberg fuhr, sah ich kein Leben, keine Menschen auf der Straße, keine Bars, da war nichts, keine leuchtenden Werbetafeln, einfach nur Dunkelheit und Leere, Fassaden mit Einschusslöchern, in manchen Häusern war nur eine einzige Wohnung bewohnt. Kaninchen hoppelten durch Ruinen, vor der einsamen Schweizer Botschaft standen Prostituierte.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Orte entdeckte, in die man ging, Kneipen in Hinterhöfen, an der Mauer, in Kellern, Billardsalons in Wohnungen. Ich habe das erste Mal an Wände gelehnte Frauen aus Bierflaschen trinken sehen, das fand ich befremdlich. In der Schweiz machte das eine Frau nicht. Überhaupt taten die Menschen Dinge, die ich nicht gewohnt war, mir aber genauso schnell einverleibte wie die aus Westdeutschland Zugezogenen. Entfesselte Transvestiten tanzten auf Tresen, man saß nächtelang auf fremden Motorhauben, Bauwagen oder Bürgersteigkanten herum, in der Oranienstraße, in der Potsdamer Straße, vor besetzten Häusern, alles war absurd billig, Barkeeper schenkten Schnäpse in Wassergläser ein, glatzköpfige Frauen produzierten Lesbenperformances hinter Glasscheiben, im Winter wurde die Uni bestreikt. Man ging an der Mauer spazieren und winkte dem DDR-Grenzposten zu, der einen mit einem Feldstecher beobachtete, Knutschereien sollten ihn provozieren.
Niemand schloss das Auto ab, Wohnungstüren standen offen. Wer wollte schon etwas stehlen, wohin hätte ein Dieb auch gehen sollen? Ein paar Nächte lang schlief ein Mensch heimlich in meinem Auto, morgens entdeckte ich kleine Spuren von ihm, nie hinterließ er Dreck. Überhaupt spielten Autos eine wichtige Rolle, denn es gab nicht so viele. Überall standen Tramper, an Straßenecken in der Stadt, am Rasthof Dreilinden auf dem Weg über die Transitstrecke nach Westdeutschland, alles trampte. Eine Freundin von mir fuhr regelmäßig in ihrem Cabriolet durch das nächtliche Berlin und sammelte Frauen auf, fuhr sie von hierhin nach dorthin, einfach so, Musik aus dem Radio erklingend, singende Frauen auf der Rückbank.
Morgens um fünf traf man sich auf dem Kreuzbergdenkmal, Menschen hockten auf den Stufen, kifften, rauchten, tranken, blickten über die Straßenfluchten hinüber in die DDR, die Sonne ging auf, einige legten sich einfach auf die Wiese und schliefen ein. Man konnte stundenlang für 23 Pfennig telefonieren, mit der U-Bahn unter Ostberlin durchfahren, den leichten Grusel der leeren Bahnhöfe mit ihren gekachelten Wänden inklusive. Es war die Zeit, als Berlin ein Ort für Wehrflüchtige war, alle Freaks Deutschlands landeten in der Stadt, die Homoszene blühte, Subversion war nicht aufgesetzt, sie war einfach da. Die Mauer war der Schutz vor der Außenwelt, der Zaun des Biotops. Wir waren Westberlin, die da draußen waren die anderen, nicht nur die in der DDR und der BRD, nein, die ganze Welt war draußen. Wir aber waren drinnen.
Im November 1989 war es vorbei damit. Die Neugierigen auf beiden Seiten der Mauer brachen auf, die Gegenwelt zu erkunden, ich nehme an, es war sehr aufregend für sie. Ich aber wollte die Gegenwelt nicht erkunden. Ich hatte ja eben erst damit angefangen, die eigene Welt zu entdecken. Sicherlich begann danach eine interessante und freiere Zeit. Aber es war eben nicht mehr "miini Ziit". Meine Güte, fühl' ich mich alt. Verklärt natürlich. Und schrecklich sentimental.
Unbekannt
"Es würde mich freuen, wenn ich unserem Publikum die Chance bieten könnte, Sie etwas näher kennenzulernen", stand in der Mail vom Fernsehen. Wie schön, das Schweizer Fernsehpublikum kennenlernen ist immer gut, dachte ich und rief den Mann gleich an. Der nette Redakteur (und schon passiert das erste sprachliche Missgeschick der Schweizerin im Ausland: also, der nette Redaktor) mit dem Berner Akzent wird die nächsten vier Wochen mein Ansprechpartner sein. Ihm schicke ich meine Texte, er baut sie ein. Um die Weihnachtsfeiertage herum wird er in Dänemark weilen, ich in Amerika, so viel wissen wir schon. Sein Labtop und meines in innigem Dauerkontakt. Des Redaktors (man ist ja lern-, beziehungsweise erinnerungsfähig) erste technische Frage: "Sie haben bestimmt einen Mac?"
Kaum ein Mensch kennt mich in der Schweiz. Das hat man davon, wenn man sich mit Anfang Zwanzig nach Berlin davonschleicht. An meiner Lesung (ich habe ein Buch geschrieben, deswegen darf ich hier bloggen) in Zürich saßen 37 Leute, 33 davon kannte ich. Was sind schon 33 bei 7,5 Millionen. Die vier Fremden waren Freunde meiner Lieblingsbuchhändler. Daraus darf man schließen, dass kein Mensch an die Lesung einer gänzlich Unbekannten geht. Auch mein früherer Arzt war dabei. Er meinte, er habe die Ankündigung in der Zeitung gelesen, und so einen speziellen Namen wie meinen könne man sich merken.
Eine kleine Abhandlung zum Namen also. Fürs erste Kennenlernen.
1. Zora: Morgenröte, Morgengrauen, Sonnenaufgang (serbisch, kroatisch); die Füchsin (kroatisch); Göttin der Morgenröte (Sanskrit)
2. Die rote Zora: Aus den Revolutionären Zellen hervorgegangene radikalfeministische Gruppe in Deutschland, aktive Zeit 1975 bis 1995. Berühmt geworden durch Brand- und Sprengstoffanschläge gegen Sexshops, Gentechnologiefirmen, einen Bekleidungskonzern, Vermittlungsagenturen für Ausländerinnen, Siemens und die philippinische Botschaft.
3. Die rote Zora und ihre Bande: 1941 erschienenes Jugendbuch des Autors Kurt Kläber, der sich Kurt Held nannte. Basiert auf einer Begebenheit in Jugoslawien. Für wilde Mädchen ein perfektes Identifikationsobjekt. Hat Kultstatus (irgendwoher glaubte ich zu wissen, dass nicht Kurt Held das Buch geschrieben habe, sondern seine Frau Lisa Tetzner, Kinderbuchautorin seit 1928. Doch Recherchen im Internet zementieren dieses Gerücht nicht. Mir war sogar so, dass Kurt Held nach einer Scheidung die Tantiemen kassierte, obwohl er nicht der Autor war, auch diese These konnte nicht belegt werden. Vielleicht bin ich also seit Mitte der 70er Jahre einer feministischen Mär aufgesessen. Siehe Punkt 2).
4. Die rote Zora und ihre Bande: Fernsehserie von 1979; Spielfilm von 2008; Titelrolle: Linn Reusse. Mit dabei Mario Adorf und Ben Becker (letzteren übrigens sah ich neulich in seiner Rolle als Gott im Berliner Tempodrom. "Die Bibel - eine gesprochene Symphonie". Ich habe meine beste Freundin zu ihrem 40sten Geburtstag dazu eingeladen. Sie steht auf Ben Becker. Ich fürchtete einen ungeheuer pathetischen Abend und so war es auch. Becker mit Tremolo in der Stimme, vor der Pause das Alte Testament, nach der Pause das Neue Testament. Meine Freundin war hingerissen. Das freute mich. Und ich muss zugeben, wenn er nicht rezitierte, sondern sang, dann hatte das wirklich was. Ein wenig schmierig ist er ja. Aber das gehöre zu seinem Sex dazu, sagt meine Freundin).
5. Zora del Buono: Großmutter väterlicherseits. Aufgewachsen in Slowenien, damals Österreich-Ungarn, lernte in den Julischen Alpen einen sizilianischen Partisanenarzt kennen. Zog mit ihm nach Bari in Apulien. Drei Söhne. Ein Weib von einer Frau. Rothaarig. Dominant. Herrisch, meinen manche. Roch herrlich nach Puder. Ein Busen zum Anlehnen. Das Beste, was einem kleinen Mädchen passieren konnte. Nicht immer das Beste, was dem restlichen Umfeld passieren konnte.
Zusammenfassung: Die Leser und Leserinnen mögen sich aus Punkt 1 bis 5 ihr Bild von der Schreiberin selber machen. Das mit den roten Haaren ist schon mal nicht verkehrt. Solcherlei wird aber nicht Hauptthema des Blogs sein. Es wird darin um die Betrachtungen einer Schweizerin in Berlin gehen, um Deutsche und Schweizer im Allgemeinen und im Speziellen. Bis zum 27. Dezember. Danach: Amerika.

















