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23.3.2011 13:26

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Niemals das eine ohne das andere

Hallo, Leute, und sorry, bin etwas monothematisch im Moment. Wobei; das geht nun schon länger so. Seit November 09. Hallo! Glinglong! Minarett-Initiative!

Seither hab ich rumgehirnt. Wie macht man zu diesem Thema eine Theatersatire? Habs dann auf die Reihe gekriegt, halt erst mit der Zeit, aber immerhin. Und am 19. März war Uraufführung.

aus: biedermann.umgezogen - Luzerner Theater 

Zwar nur am Luzerner Theater. Aber auch in dem Fall finde ich: immerhin. Obwohl sich eine Kritikerin aus Zürich ganz furchtbar ganz genau darüber aufregte, über das Luzerner Theater, das heisst über das Publikum des Luzerner Theaters, über „die schenkelklopfende Begeisterung des lokalen Publikums". Ja, gopfi, ist man als Autorin jetzt auch noch für das Publikum verantwortlich, oder wie? Soll ich mich jetzt fremdschämen, oder was?

Apropos lokales Publikum: Es waren nicht nur Innerschweizer im Publikum. (Übrigens heisst diese Region hier nicht Innerschweiz, sondern Zentralschweiz, imfall. Aber Zentralschweiz klingt halt nicht so schön doof nach doofen Chnebu-Grinde und Buure-Buebe wie Innerschweiz). Wo war ich? Also, direkt neben der Kritikerin aus Zürich sass kein gigelndes Provinzhäschen aus Luzern, sondern eine waschechte Zürcherin aus Zürich. Eine 25jährige. Und sie kam nach der Vorstellung zu mir, eine blitzgescheite Frau, die gerade ihren Master macht, wie sich herausstellte, dieses Girl also, das halt eben während der Vorstellung etwas irritiert worden war durch die Strenge der Grosskritikerin im Nebenstuhl, fragte mich: „Wir durften doch lachen, oder?" Yes, dear, you even were supposed to laugh your head off, dear! Am nächsten Morgen kann man dann noch immer traurig sein darüber, dass man gelacht hat. Das ist nämlich Satire. Lachen, und dann traurig sein. Oder umgekehrt. Jedenfalls niemals das eine ohne das andere. Okay?

Übrigens, Leute! Dranbleiben. Es folgen bald weitere Infos betr. Grosskritikerin und so.



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23.3.2011 13:22

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Der Kulturplatz-Blog von Gisela Widmer

Gisela Widmer ist die neue Gastbloggerin im Kulturplatz-Blog. Am vergangenen Samstag ist am Luzerner Theater ihr neues Stück „biedermanns.umgezogen" uraufgeführt worden. Wir berichten in der heutigen Kulturplatz-Sendung darüber. Vom Publikum wurde die Aufführung bejubelt, von der Kritik positiv und vernichtend gewürdigt.



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27.5.2010 14:33

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Cunclas

Ich sollte einen Spaziergang machen - Caminante, no hay camino, se hace camino al andar (Machado) - anstatt meine Steuererklärung auszufüllen. Und vielleicht würde ich auf meinem Spaziergang* gleich noch am Steueramt vorbei kommen, wo ich rein schauen könnte auf ein Bier (man weiss aber nicht, ob sie Galopper haben). Und während ich in Schränken und Kartonschachteln nach den nötigen Papieren suche, stosse ich auf Sätze, die mich von der Steuererklärung wegtragen. Poesie macht man nur mit dem Antipoetischen (Ramuz). Der Spaziergang endet im Odeon, wo man wie in einem Zug sitzt, auf Holzbänken, in Anzügen und mit dicken Zigarren, auf roten Kissen, damit die feinen Schläge einem nicht in den Rücken fahren auf dem Weg nach Graubünden. Und am Morgen früh fährt der Zug in Chur ein. Auf dem Kunkelspass, der auf der deutsch-romanischen Sprachgrenze liegt und wo ich noch nie war, wird das Hörbuch vom "Sez Ner" vorgestellt. Corin Curschellas umrahmt die Veranstaltung musikalisch**, das freut mich besonders.

* Robert Walser ist Grund genug, um in Biel zu wohnen.

** mit der Maultrommel (rom: sgara da bucca - wörtlich übersetzt: Maulschnarre, -knarre)

 



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11.2.2009 11:03

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Warten

Noch etwas mehr als eine Woche bis zum Erscheinen des neuen Romans, "Bis ans Ende der Meere". Es ist mein elfter, und jedes Mal bilde ich mir ein, ich sei nun abgebrüht oder weise genug, diesem Termin mit Gelassenheit entgegen zu blicken. Aber es ist nie so, und ich sehe inzwischen ein, dass sich an meinem Lampenfieber nichts ändern wird. Die Zeit zwischen der Drucklegung und der Auslieferung ist die schwierigste in meinem Autorenleben; sie wird immer wieder zum Wechselbad der Gefühle.

Ich kann jetzt am Text nichts mehr ändern, aber schon, wenn ich das Leseexemplar für die Medien durchblättere, möchte ich am liebsten wieder von vorne beginnen, obwohl ich doch an der endgültigen Fassung bis zum Umfallen strich und feilte und überzeugt war, ich könne nun nichts mehr verbessern. Dann treffen in dieser Übergangszeit erste Reaktionen von Freunden, von Buchhändlern ein, positive meist, denn andere, denen das Buch nicht gefällt, äussern sich kaum direkt. Das kann mich für ein paar Stunden euphorisch stimmen, aber spätestens, wenn ich wach im Bett liege, holt mich die Realität des Literaturgeschäfts mit all seinen Fallstricken und Seilschaften wieder ein, ich bin überzeugt, das Buch werde ein Flop, und ich müsse nächstes oder übernächstes Jahr einen Rentenzuschuss von Pro Litteris beantragen.

Um aus diesem schwierigen Zustand des Wartens herauszukommen, helfe ich mir bisweilen so, dass ich mich kopfüber in ein neues Projekt stürze (das habe ich auch dieses Mal getan). Wenn das Ablenkungsmanöver glückt, kommt es zu einer merkwürdigen Zeitverschiebung: Ich beschäftige mich zwar mit einem neuen Stoff, mit neuen Figuren, weiss aber, dass das, was ich abgelegt habe, mich bald wieder besetzen wird, ich werde Captain Cook und den Expeditionsmaler John Webber alias Johann Wäber, mit denen ich zweieinhalb Jahre verbrachte, wiederbeleben, ich werde bei jeder Lesung mit der "Resolution" den Pazifik durchkreuzen und mich am nächsten Tag der neuen Geschichte zuwenden, die nicht im 18. Jahrhundert spielt, sondern 1999, am Tag der totalen Sonnenfinsternis, beginnt. So pendle ich zwischen parallelen Romanwelten hin und her.

Möglicherweise ist das sublimierte Schizophrenie; immerhin - und paradoxerweise - lässt sie mich freier atmen. Und wenn ich beim Kochen für Gäste oder auf langen Schneewanderungen mit meiner Frau genügend Distanz gewinne, lache ich plötzlich über den Autor, der um sich selber kreist, und wünsche ihm einen unverstellten Blick auf Himmel, Berge und seinen Bollito misto.



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21.9.2008 22:45

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Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Nun, da Volkskultur in aller Munde ist und die wenigsten wissen, was sie ausser Jodeln, Trachten und Fahnenschwingen auch noch sein könnte, präsentiert Noldi Alder, der Wunderjodler aus dem Appenzellischen, seine Produktion "Loba" (Lokremise St. Gallen, 19.9.).

Noldi Alder in der Produktion

Links der Kammerchor, das städtische Element, rechts der Jodlerchor, die Tradition, dazwischen ein Appenzeller Tanzpaar, ein Steptänzer, ein Breakdancer als virtuose Verführungen bzw. Ermahnungen. Und natürlich Noldi selbst, der - das die Botschaft - zwischen Tradition und Erneuerung hin und her gerissen wird, die zwei Seelen in seiner Brust in Jodeln übersetzt und zuletzt, ja zuletzt, sich mit einem schönen Zäuerli verabschiedet.


Eine aktuelle Idee und eine grosse Produktion, welche auf frappante Weise das Problem klarmacht, welches die Volksmusik mit der Gegenwart hat. Alle Schönheit dahingestellt, lebt sie aus einem anderen Zeit- und Rhythmusgefühl als die Gegenwart. Jodler sind statisch in der Darbietung, virtuos nur im Kehlkopf, die Versuchungen der Moderne dagegen quick, wendig. Die Schritte der Volkstänzer muten schwer und hart an, jene des Stepkünstlers leicht und fliegend.
Noldi entscheidet sich zuletzt für die Geborgenheit in der Langsamkeit. Ein Leben in beiden Welten zugleich müsste ihn vor Spannung zerreissen. Doch diese Spannung ist genau die grosse Herausforderung, vor der die Schweizer Volksmusik steht. Will sie überleben, muss sie zum Zeitgefühl der Gegenwart aufschliessen. Doch wie bringt man Bedächtigkeit und Puls in dieselbe Musik?
Viel Arbeit für die Komponisten der Volksmusikszene. Und eine verantwortungsvolle Aufgabe für die gemächliche Pro Helvetia!



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4.9.2008 13:26

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Der kleine Unterschied

Am letzten Sonntag machte ich mich früh auf den Weg, um den Beginn der "Stubete am See" in der Tonhalle Zürich nicht zu verpassen. Schon das: "Stubete", eine Form der kollektiven und freudigen Improvisation, wie man sie in der Ländlermusik kennt, aus von Brissagos und Krummen verrauchten Sälen, am Sonntag um 10 Uhr, und dies: die Tonhalle. Eine unmögliche Kombination, und ich erwartete, mich unter den 20 hartgesottenen Kulturpiraten wieder zu finden. Doch weit gefehlt. Der kleine Tonhallesaal war nahezu voll, die Stimmung schon ganz aufgeräumt, und mit jeder Stunde aufgeräumter, die hier Volksmusik von gestern, heute und - meistens - morgen über die Bühne ging. Der Reigen startete mit einer Uraufführung der Walliser "sCHpillit", sie gaben 10 kurze Stücke über wallsierdeutsche Verse und den "Alb-Chehr" von Heinz Holliger zum Besten, es folgten das Schweizer Oktett, Töbi Tobler's Hackbrett, die "bArde"n, das Jodelduo Nadja Räss-Rita Gabriel und noch eine Uraufführung, Domenic Janetts "Das Ländlerorchester". Ganz ähnlich war es am Samstag zu und her gegangen.
Klar, das war keine Rauchstubete, zum Bödele war da kein Platz. Trotzdem war es ein denkwürdiges Festival. So viel Witz, soviel musikalischer Humor, soviel Mutter- und Vaterlandsliebe, ironische und ernsthafte, soviel charmant traktierte Tradition gab's in der Tonhalle noch nie, wo der Stuck zur Feierlichkeit mahnt! Vor allem aber: Soviel Publikum, soviel Teilnahme! Das kann kein Zufall sein.

In der Tat: Das Interesse für die volkskulturellen Traditionen, das Folkloristische unserer Kultur, wächst landauf landab. Die einen nehmen's ungebrochen und strömen zu den nationalen Festen, die anderen Probieren's am eigenen Leib und bevölkern die Jodelkurse, die dritten zieht es zu den Entdeckungen der Tradition, die vierten verarbeiten die Tradition zu etwas Neuem. Ein Echo auf die Globalisierung? Das Ergebnis der Postmoderne? Deren Ratlosigkeit, wohin uns die Kunst noch führen könnte? Ein Volk auf der Suche nach Emotionen? Der Ausbruch aus dem Korsett politischer Kontrolle? Der Gründe sind viele, die die Renaissance der Volkskultur erklären. Alle treffen sie zu. Doch alle sagen sie dasselbe: Mehr denn je basteln wir an einer neuen Identität. Ironisch, wie das Zeitalter nun mal ist, nehmen wir's als Spiel - weit jenseits der Politik. Das ist, meine ich, höchste Kultur!
Die "Stubete am See" war eines von zehn Projekten, welche Pro Helvetia, unsere altehrwürdige Kulturstiftung, im Rahmen des Programms "echos - Volkskultur für morgen" ausgezeichnet hat. Die "Stubete" lieferte einen von vielen Beweisen, dass eine Kulturförderung, welche auf Erneuerung setzt, ohne ein Bekenntnis zur Tradition nicht über die Runden kommt. Es gibt also zu tun für Pro Helvetia. Eine verunglückte Liebe gelangt an ein Happy-End. Am 20. September in St. Gallen, zum Abschluss von "echos", gibt's mehr.



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27.8.2008 15:39

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Hürlimanns "Stichtag"

So - jetzt kein Wort mehr  über "Tell"! ( Dabei würde ich gerne berichten z.B. über den Theaterrausch,der sich letzten Samstag entwickelte, als Hunderte von Einsiedlern den Altdorfer "Tell"besuchten und am Schluss so begeistert rhythmisch trampelten, dass unsere Raumkonstruktion in gefährliche Schwingungen kam...)

Nein, ich schreibe über kommende Theaterarbeit. Seit zwei Tagen sitze ich mit der Bühnenbildnerin, der Kostümgestalterin, dem musikalischen Leiter und dem Dramaturgen an Thomas Hürlimanns "Stichtag". Die Phantasie stürmt in mögliche und unmögliche Erfindungen. Noch ist der Raum für freie Assoziationen, für wilde Verknüpfungen von Träumen, Kindheitserfahrungen, Literaturblitzen, Fimbildern und Anstössen aus der Bildenden Kunst. Der Text verführt zu grimmig komischen Visionen, zu Schmerzbildern an der Grenze des Ertragbaren.

Hürlimanns wortmächtiges Libretto geht um mit unserem Verhalten gegenüber tierischem Leben. Es beschreibt Massentierhaltung, industriell betriebene Tötungsabläufe, und es kreist um einen Unternehmer, der vom Krebs zerfressen wird. Das in den Achtziger-Jahren entstandene Todesoratorium erscheint heute noch treffender, noch mehr von aktueller Erfahrung aufgeladen. Sie gehören zu unserer alltäglichen Tagesschau-Erfahrung - die torkelnd verendenden wahnsinnigen Rinder, die gespenstig gewucherten genmanipulierten Zuchttiere, die Leichenberge frisch "gekeulter" Hühner. - Die "Konzentrationsställe" (Sloterdijk) sind weltweit verbreitet und der bestialische Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden lässt sich nur mit Mühe verdrängen.

Die Premiere von "Stichtag" ist geplant am 7.November 2008 in Luzern. Aufführungsort ist der "Südpol"  - ein neues Kulturzentrum (übrigens ein umgebauter Schlachthof), in dem eine Heimat finden sollen die Luzerner Musikschule, das Luzerner Sinfonieorchester, die Brassband Bürgermusik, die Proben- und Fundusräume des Luzerner Stadttheaters, der Kulturbetrieb Südpol, in dem sich vor allem die Freie Szene entfalten soll. Insofern ist auch der "Stichtag" eine Kooperation von Stadttheater und zahlreichen Kräften der Freien Kunstszene Luzern.

*** 

Hier ein Auszug aus einem Gespräch, das der Dramaturg Bernd Isele mit Thomas Hürlimann geführt hat. Es soll im Oktober veröffentlicht werden. Ich gebe den Text in den Blog, auch wenn ich ein wenig arg gut wegkomme...

«Ich liebe Begräbnisse...»
Ein Gespräch zwischen Thomas Hürlimann und Bernd Isele

Ihr Theaterstück «Stichtag» spielt in der stillgelegten Geflügelfarm des krebskranken Hühnerzüchters Damunt. Thema des Stücks ist das lange Sterben dieses einst kraftvollen Unternehmers. Wie entsteht ein solcher Einfall? Was war zuerst da? Die Figur, der Ort, das Thema?

In diesem Fall war es das Thema. Aber ich hatte kein Bild dafür, keine Geschichte. Natürlich machte ich verschiedene Versuche, alle scheiterten, und nach gut einem Jahr gab ich auf. Das Thema versank ins Vergessen. Eines Tages kam ich beim Wandern an einer offenen Fabrikhalle vorbei. Der sonderbare Geruch lockte mich an. Dann erstarrte ich, glaubte meinen Augen nicht zu trauen - den Boden bedeckte ein lebendiger Teppich. Ich sah unerlaubterweise in eine Intensivmast hinein. Es war wie ein Blitz. Ich hatte das fertige Stück in einem Satz: Ein Hühnerfarmer, der ein Leben lang Fleisch produziert hat, krepiert an einer Zellwucherung.

Der erste Satz des Stücks lautete dann: «Stirbt ein Mensch / Stirbt die Welt». Diese wenigen Worte sind einigermassen berühmt geworden - und werden oft als eine Art Quintessenz Ihres literarischen Grundthemas zitiert. August Everding schrieb über Sie: «Hürlimann führt uns vor, dass Schreiben sterben lernen heisst.» Was macht den Vorgang des Sterbens zum Zentrum Ihres Schreibens?

Das geht sicher auf eine persönliche Erfahrung zurück. Als ich dreissig war, starb mein damals zwanzigjähriger Bruder nach langem Kampf gegen seine Krankheit an Krebs. Aber der Tod hat mich schon früher beschäftigt. Ich durfte noch in einer Zeit aufwachsen, da man als Kind die aufgebahrten Toten bestaunen konnte. Auf der Leiche meines Grossvaters bin ich sogar herumgekrochen und habe mich über die steifen, kalten Zehen amüsiert. Später interessierte mich das Phänomen auch philosophisch. Ich begann darüber nachzudenken, warum just im Moment, da die Trauerzüge aus den Stadtbildern verschwinden, die jeunesse dorée zur tödlichen Heroinspritze greift. Interessant ist ja, dass zum ersten Mal in der Kriminalgeschichte ein verbotener Handel und ein tödliches Geschehen in aller Öffentlichkeit stattfand, in Berlin am Bahnhof Zoo, in Zürich erst am Bellevue, dann auf der Wiese des Landesmuseums. Was war da geschehen? Etwas, das in alten Klamotten zu bestaunen ist: der Tod wird nach links von der Bühne vertrieben, alle gaffen ihm nach - und zugleich tritt er von rechts, im Rücken der Gaffenden, wieder auf.

Am Sterbebett der «Tessinerin» entfährt der dort pflegenden Friedel «ein saftiger Furz». Auch das Ende des Hühnerzüchters Damunt birgt neben eindrücklichen Todesschilderungen einen Funken grimmigen Humors. Wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt des Stücks?

Da bin ich sehr katholisch. Ich liebe Begräbnisse, die in tiefer Trauer beginnen - und beim Leichenmahl übergehen in lustige Geschichten. In diesen Geschichten lebt der Tote ja weiter, deshalb muss man sie unbedingt erzählen. So gesehen ist der Tod nur ein Tor. Wichtig ist das Davor und das Danach.

Apropos danach: Das Stück «Stichtag» hat jetzt mehr als zwei Jahrzehnte auf dem Buckel - scheinbar ohne dabei an Aktualität eingebüsst zu haben. Der sogenannte «Kampf» gegen die Krankheit Krebs ist noch immer Dauerthema, die auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Produktion von Nahrungsmitteln bleibt ein Kernproblem der globalisierten Weltwirtschaft. Erschreckt Sie - im Rückblick - die Zeitlosigkeit ihrer Geschichte?

Der Tod ist zeitlos, das ist ja gerade seine Grausamkeit, seine Fremdheit. Im übrigen freut es mich, gerade im Angesicht der Vergänglichkeit, dass das vor Jahr und Tag Geschriebene von einem grandiosen Regisseur wieder auf die Bühne gebracht wird.

Sie kennen Volker Hesse, den Regisseur der Luzerner Inszenierung, bereits seit vielen Jahren. Wie wichtig ist Ihnen ein solcher persönlicher Bezug?

Früher lebte ich in der Nähe von Einsiedeln und sah alles, was Hesse im Theater am Neumarkt machte. Dann wollte es der Zufall, dass wir zur selben Zeit in Berlin waren, und nun sah ich alles, was er am Maxim Gorki-Theater machte. Aber am wichtigsten sind natürlich die gemeinsamen Stücke, vor allem die beiden Einsiedler Welttheater. So etwas verbindet. Wir haben miteinander, um es etwas veteranenhaft zu sagen, manche schöne Schlacht geschlagen, und dass Volker nun den "Stichtag" macht, garantiert mir, dass das Stück aus dem Vergessen zurückkehrt. Das ist am Theater selten. Ich bin Volker sehr dankbar.

Sie haben ja selbst einige Jahre am Theater gearbeitet, zunächst als Regieassistent und Dramaturg, dann als Hausautor am Schauspielhaus Zürich. Wie aktiv begleiten Sie als Autor die Inszenierungen Ihrer Stücke? Mischen Sie sich ein oder endet Ihr Ehrgeiz dort, wo die Arbeit des Regieteams beginnt?

Es kommt darauf an. Beim Welttheater haben wir alles miteinander besprochen - das waren Aufführungen für einen bestimmten Ort, für eine bestimmte Zeit und unter sehr speziellen Bedingungen. So sind wir zum Beispiel gemeinsam mit dem Präsidenten der Welttheater-Gesellschaft, Peter Kälin, zum Abt gegangen und haben unsere Absichten dargelegt. Bei Stichtag ist es anders. Ich habe das Stück irgendwann im letzten Jahrhundert geschrieben, als fast noch junger Mann, und nun wird es Hesse inszenieren und für die Gegenwart zu retten versuchen. Da mische ich mich nicht ein, sondern werde bei der Premiere erleben, voller Spannung, ob dies gelingt.



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14.8.2008 16:28

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Vor der zweiten Hauptprobe

Heute Abend ist die zweite Hauptprobe vom "Tell" in Altdorf. Es ist praktisch eine Voraufführung - unsere Arena wird bis zum letzten Platz voll sein. Die lokale Bevölkerung darf heute gegen eine kleine Gebühr schauen kommen, was wir aus dem "Tell" gemacht haben.

Die Spannung ist gross. Die SpielerInnen kennen viele Zuschauer und man wird ganz nahe beieinander sein. Etliche Szenen spielen mitten im Publikum. Oft ist das Licht so gestaltet, dass Spielende und Schauende gleich hell beleuchtet sind. Auf ein solches Miteinander ist der Raum angelegt. Wie in einer Landsgemeinde soll man in politische Auseinandersetzungen verstrickt werden. Und die Argumentationsgefechte der Schillerschen Dialoge sollen ganz unmittelbar vor und in den Zuschauern erlebt werden.

Darüber hinaus wollen wir verzaubern, verführen, traumspielartige Bilder entstehen lassen. Wenn die Rütli-Versammlung beginnt, wünscht sich Schiller einen Mondregenbogen, eine Atmosphäre von Geheimnis und Magie. In der Arena-Raumkonzeption kann eine solche Vision nur über die Imaginationskraft der Schauspieler entstehen. Illusionistische Ausstattungen machen keinen Sinn. Aber die Körpersprache der Spielenden, die Denk- und Fühlenergie der Figuren muss eine poetische Welt schaffen.

Ein Hilfsmittel freilich haben die Spieler und Spielerinnen: die Musik. In unserer Aufführung ist der Hackbrettvirtuose Töbi Tobler immer live dabei. Im Laufe der Proben ist eine reiche musikalische Welt entstanden, die den Abend sehr prägen wird. Es gibt so viele einprägsame Musiken, dass Töbi Tobler zusammen mit den SpielerInnen eine CD herausbringt, die auch unabhängig von der Aufführung geniessbar ist. Hörproben finden sich hier, hier und hier.

Die CD-Taufe ist heute Nacht, im Anschluss an die Hauptprobe. Ich habe für das Cover einen Text geschrieben, den ich diesen Zeilen anhänge.

***

Töbi Tobler

Gedanken von Regisseur Volker Hesse. Cover zu "Töbi Toblers Tell-Musik" Musiques Suisses MGB-NV 6.

Schiller war Kosmopolit und sein Generalthema die Möglichkeit von politischer Freiheit. Freiheitskämpfe schilderte er in seiner deutschen Gegenwart ("Kabale und Liebe"), in der spanischen ("Don Carlos"), englischen ("Maria Stuart") oder russischen Geschichte ("Demetrius"). Im "Willhelm Tell" siedelt er den Kampf um ein freies, sich selbst bestimmendes Leben in der Schweizer Bergbevölkerung an, die unter habsburgischer Besatzung leidet. Das Stück besteht aus leidenschaftlich geführten argumentativen Streitgesprächen, aus wortmächtigen Reden und aus träumerischen märchenhaften Visionen, in denen sich Naturmagie und tiefe Glückssehnsucht verbinden. Die musikalischen Fragen, die das Stück aufwirft, sind vielfältig. Immer wieder geht durch den "Tell" der Klang der rasenden Natur, der Föhnstürme, der lebensbedrohenden Bergstürze. Man hört die Schreie der Gefolterten, das Todesröcheln von Mensch und Tier, den brutalen Schlagrhythmus der Soldateska. Es erklingen die Gesänge, mit denen sich das gequälte Volk Mut zu machen versucht, und es entsteht der vielstimmige Klang des Aufruhrs, der Wut, der Gegengewalt, schliesslich der Jubel der siegreichen Rebellion, der kollektive Glücksrausch.

Töbi Tobler ist in unserer Aufführung 2008 in Altdorf als Live-Musiker dabei und für das musikalische Konzept verantwortlich. Er ist dafür in mehrfacher Weise geeignet: seine Herkunft aus der Schweizer Volksmusik, seine Erfahrungen im Jazz, in der Experimentalmusik, seine Virtuosität als Hackbrettspieler, seine Erfahrung mit vokalen musikalischen Mitteln, seine Vertrautheit mit Rhythmus-Instrumenten. Unsere "Tell-Musik" bewegt sich im Bereich der "Alpentöne", geht in Stimmenexperimente aus tiefen Emotionsschichten, in rasende Schlagrhythmen mit Stöcken bis zur komplexen Kunstmusik mit Zitaten von Schillers grossem Zeitgenossen Beethoven. Der Bogen der musikalischen Mittel ist weit gespannt von inniger Volkstümlichkeit der Alpentäler bis zur utopischen Vision der "Freude schöner Götterfunken" - so wie Schiller in seinem grandiosem Stück idealistische Geschichtsphilosophie und das detailfreudig gezeichnete Bild schweizerischer Bergbauern zusammen zwang.



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30.7.2008 15:30

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Viel Tell

Hallo - hier ist Volker Hesse. Ich darf im August den Blog von "kulturplatz" übernehmen.
Ich werde viel von meiner augenblicklichen Arbeit berichten - der Inszenierung des "Tell" in Altdorf. Theatermenschen sind ja oft schier besessen von ihrem jeweiligen Probenprozess. Sie können von fast nichts Anderem sprechen. Ununterbrochen kreisen die Gedanken um ein nicht geklärtes inhaltliches Problem, sucht die Intuition einen besseren Abgang eines Schauspielers zu erfinden, einen Rhythmus zu verbessern.
Immerhin kann der monomane Theatermensch umgehen mit recht Lebendigem, mit vielfältiger Welterfahrung, mit Komplexität. Schillers "Tell" wirft endlos Fragen auf: Wie spricht man die zu abgedroschenen Spiesserweisheiten heruntergekommenen Merksätze wie "Die Axt im Haus..." oder "Schau vorwärts Werner..." , "Der Starke ist am mächtigsten allein - " ? Wie geht man überhaupt um mit der Traditionslast des Stücks, mit den nationalen Selbstgefälligkeiten, dem patriotischen Weiheton, der ideologischen Instrumentalisierung, für die der Text seit seiner Entstehung 1804 immer wieder herhalten musste. Wieweit ironisiert man Klisches, wie verhält man sich zu der aufklärerisch-kritischen Tradition, die es zu diesem Stück auch seit langem gibt - von Max Frischs "Wihelm Tell für die Schule" bis zu Frank Castorfs Basler Inszenierng des "Tell", die unter anderem von Jean Ziegler-Sätzen über die verdächtige Schweiz durchsetzt war? Wie aktuell ist heute Schillers glühende, wortrunkene Freiheitsdebatte? Ist das Stück überhaupt ein politisches Debattenstück oder in vielen visionären Momenten eher ein mythisches, ein archaisches Traumspiel? Was für eine optische Sprache spricht man, wenn man nicht in Theaterhellebarden und Mittelalter-Strumpfhosen versinken will? Welche Musiken braucht das Drama, wie arbeitet man mit Laien an einem Schiller-Text?
Ein paar von diesen Fragen werde ich in meinen Beiträgen umkreisen. Heute erst mal ein Photo.

Zielen für den Apfelschuss

Es zeigt Thomas Gisler, unseren "Tell" beim Zielen. Sieht doch so aus, wie man es beim "Tell" erwartet, oder?




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6.6.2008 16:19

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"Immer wieder Österreich"!

Staunend kann man beobachten, wie in den letzten Tagen allerorts hektische Bemühungen ausgebrochen sind, sich irgendwie einmal mit dem EM-Partner zu beschäftigen. Bislang war die Mehrheit der Österreicher der Meinung, dass 15 der 31 Spiele in West-Vorarlberg statt finden, während man in der Schweiz die Existenz eines Spielortes namens Klagenfurt für einen bösartigen practical joke hielt. Also schnell was dagegen tun bevor es am Samstag los geht, am besten mit gemeinsam produzierten Kultur-Sendungen im Fernsehen. Das ist an sich sehr löblich, doch wer mit ansehen musste wie im dieswöchigen "Kulturmontag" auf ORF 2 die Moderatorinnen peinlichste Moderationstexte zum Thema Schweiz-Österreich aufsagten, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Da wächst nicht zusammen, was nicht zusammen gehört.
Denn was unsere beiden Länder am stärksten verbindet ist eine gegenseitig empfundene große Wurschtigkeit. Die bizarren Autismen des Schweizer National-Charakters stoßen in Wien auf ähnliche Anteilnahme, wie die manischen Abgründe der Österreichischen Seele in Zürich: Ist ja ganz witzig, dass man mit solchen schrägen Vögeln eine gemeinsame Grenze hat, aber man kann sich bitte nicht um solche Verrücktheiten auch noch kümmern.
Daran wir sich auch in den nächsten drei Wochen nicht viel ändern. Es sei denn, eines der beiden Länder vollbringt jene Großtat, die auch den ignoranten Nachbarn begeistern würde, nämlich ein Sieg über Deutschland. Die Hoffnung darauf ist zwar gering (Österreich hätte in der Vorrunde dazu Gelegenheit, die Schweiz vielleicht im Viertelfinale), aber durch Demütigung des gemeinsamen Feindbildes sind schon wunderbare Freundschaften entstanden!
In diesem Sinne: "Hopp Schwiiz" und "Immer wieder Österreich"!

P.S.: In meinem TV-Beitrag über den Schweizer Fußball habe ich gefragt, was passieren wird, wenn die Schweiz Europameister wird. Sollte es Sie interessieren, was im Falle eines Turniersieges der Österreicher zu erwarten ist, schauen Sie sich "Das Wunder von Wien", eine gelungene Fake-Doku von David Schalko und Fred Schreiber am Freitag, dem 6. 6. um 22h35 auf ORF 1 an.



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