Nach Tavanasa
Tavanasa erreicht man am besten mit dem Zug. In Graubünden wurde das Automobil erst im Jahre 1925 endgültig zugelassen*. Davor musste man der Überlieferung nach auf der Kantonsgrenze bei Maienfeld den Motor abschalten, die Pferde vorne her binden und sich durch den Kanton ziehen lassen.
Auf dem Weg ins Bündner Oberland fährt der Zug den Rhein entlang das Tal hinauf. Es kommen mir Baumstämme entgegen. In der Surselva bin ich aufgewachsen, in Tavanasa, das im Winter über Monate hinweg im Schatten liegt und wo jeder Jassspieler, der etwas auf sich hält, mal vorbei kommt in seinem Leben. In die "Ustria dalla staziun" gehen sie, die Canuns da jass, die Jasskanonen, ohne gross Worte zu verlieren, zum Duell gegen die Wirtin**. Und manch einer verlässt in der Dämmerung die Ustria mit schmerzenden Handgelenken, um nie mehr aufzutauchen.

* endlich, nach 10 Abstimmungen (die halbe Welt fuhr bereits mit dem Automobil)
** Seit fünf Jahren, dass ich regelmässig mit meinem Cousin gegen die Wirtin und die Grossmutter antrete, und seit fünf Jahren, dass wir noch nie gewonnen haben. Man wird konsequent unter den Tisch gehauen. Fürs Schreiben ist das nur gut.
Fahrende Literatur
Ich bin mit meinem Blog im Verzug. Zurzeit komme ich nicht zum Schreiben. Dafür umso mehr zum Lesen. Aus meinem eigenen Buch. Ich befinde mich auf Lesetour. Gerade bin ich in Hamburg. Davor war ich in Essen, wo ich an einer Pressekonferenz teilnahm, später an diesem Freitag las ich in einem öffentlichen Bus in Recklinghausen. Der Bus, vollbesetzt mit Zuhörerinnen und Zuhörern, fuhr vom Rathausplatz los und hielt zehn Minuten später auf dem Gelände des Bauamtes, wo ich eine halbe Stunde aus meinem Buch vorlas. Dann ging es zurück zum Ausgangsort. Warum Lesungen in einem Bus stattfinden sollen, war mir auch nach der Veranstaltung nicht ganz klar, aber die Verantwortlichen des Kulturamtes meinten, man müsse den Leuten etwas Besonderes bieten und immer wieder von Neuem ihr Interesse an Literatur wecken. Oder so ähnlich.
Ausser mir lasen an diesem Abend, in zwei anderen Bussen, Thomas Pletzinger und Tilman Rammstedt. Es war eine, sagen wir mal, interessante Erfahrung, aber auch meine beiden Kollegen konnten den tieferen Sinn des Lesens in einem Bus nicht ergründen. Am nächsten Tag erlebte ich sogar noch eine Steigerung der mobilen Lesung. In Bielefeld las ich in einem fahrenden Bus. Im Gefährt war es dunkel, nur über meinem Buch brannte eine kleine Leselampe. Draussen zog die Stadt an den Fenstern vorbei. Im Vorfeld hatte ich grosse Bedenken, während der Fahrt zu lesen, denn im Auto wird mir schon bei einem kurzen Blick auf die Strassenkarte speiübel. Glücklicherweise erwiesen sich meine Befürchtungen als unbegründet. Ohne Probleme brachte ich die drei Lesungen von je einer halben Stunde hinter mich, und sogar meine Stimme hielt bis zum Schluss durch, obwohl während den Pausen, wenn die literaturinteressierten Passagiere den Bus bzw. den Autor wechselten, die Bustüren offen standen und kalte Herbstluft herein wehte. Gestern hatte ich dann endlich die erste "normale" Lesung. Das Literaturhaus Hamburg und das Hotel Wedina, vom ebenso umtriebigen wie herzlichen Schweizer Felix Schlatter geführt, hatten mich zu einer Lesung eingeladen. Ich empfand es beinahe als Wohltat, mal wieder auf einem Stuhl an einem Tisch zu sitzen und zu lesen. Ohne Motorengeräusche und Hupen, ohne Wackeln und Schwanken, ohne Anfahren und Abbremsen und im seitlichen Blickfeld vorüber fliegende Lichter. Herrlich.
Heute Abend lese ich in Itzehohe (mir wurde gesagt, das letzte e werde nicht ausgesprochen - man lernt nie aus), und zwar im Landgericht. Organisiert wird die Veranstaltung von einer Buchhandlung, und ich bin gespannt, weshalb das Landgericht als Ort der Lesung ausgewählt wurde. Damit man mich, sollte ich beim Publikum in Ungnade fallen, gleich zu einer Haftstrafe verurteilen kann? Werde ich im Zeugenstand sitzen und lesen? Wird man über meinen Roman zu Gericht sitzen? Ich werde es Ihnen berichten. Am Dienstag lese ich in Rostock, habe am Mittwoch frei (diese freie Zeit werde ich im Zug zwischen Rostock und Köln verbringen ...), und lese am Donnerstag, Sie werden kaum noch erstaunt sein, in Essen in einer Strassenbahn, zusammen mit den Autorinnen Karen Duve und Ricarda Junge. Die spinnen, die Deutschen.
PS: In die Schweiz komme ich auch noch. Wenn Sie wissen wollen, wo ich lesen werde, schauen Sie bitte bei www.rolf-lappert.de unter "Termien" nach. Zur Beruhigung: Die Lesungen sind weder in Bussen oder Trams noch in Seilbahnen, auf Sesselliften oder Dampfschiffen geplant.
Nackenverhärtung
Ich bin zurück in Bern, mit einer komischen Nackenverhärtung, weil ich im Flugzeug komisch verdreht eingeschlafen bin (und eigentlich sehr friedlich geschlafen habe). Dafür hab ich jetzt auch mal die Musse, ein paar Kommentare zu kommentieren. Also:
paci: "die lieder woni bis jetzt so ghört ha (uf de website z.B.) sin sho de oobaa hamma.. " Danke! Kritik mag einen ja künstlerisch weiterbringen, aber Lob ist einfach schöner.
edin: "Das Bild ist auch nicht wirklich aussagekräftig, oder?" Der Schlag sass tief. Aber ich bin wieder aufgestanden. Das Bild ist das Cover meiner CD "Fuessnote" und soll illustrieren, dass das Album als eine Art Kommentar zu verstehen ist. Das Leben zieht vorbei und ich schreibe die Untertitel, nicht die Überschriften. Der Bund schrieb "Lieder über das Kleingedruckte des Lebens", was mir recht gefiel.
Walter A. Kathriner: "Es freut mich, immer mehr junge Künstler auf der Bühne zu sehen, die mit ein wenig Ironie und Selbstironie die Sache auf den Punkt bringen." Danke, mir gefällt das auch. Ich bin schon so gut im Augenzwinkern, ich kann damit Bierdosen öffnen.
luca: "...ich weiss grad nid, wer du bisch, oder was du machsch (aber glaubmer, ich finde das alles nu use...)" Ich zitiere einen Kandidaten der ersten Musicstar-Staffel (oder Deutschland sucht den Superstar oder Supermegahuerestar oder wie die Sendung hiess): "Weisst du eigentlich, wer ich bin? Ich bin Gott!". Einfach in klein.
Nils Holgerson: "naja, wenn schauspieler sich als musiker, blogger (komiker) oder was weiss ich versuchen wird das meist nichts. schuster bleib bei deinen leisten." Das erinnert mich an den Dreh von Breakout. Da fanden alle "jetzt will der Liedermacherbub auch noch schauspielern, Gott bewahre". In dem Sinn, danke fürs Kompliment, ich werd auf jeden Fall weiterschauspielern. Und ausserdem krieg ich eine Schoggitafele fürs Bloggen, mit Mandeln drin, da konnt ich nicht nein sagen.
Und alle anderen, lüsu, cheesy, anna, mäde, djamilia, söni usw: danke für die netten Worte. Die spornen mich immer wieder an.
Die Schlange
So, endlich hatte ich ein paar Tage Zeit, um mir Berlin anzukucken. Ich habe tolle Dinge gesehen und etwas Wissenswertes gelernt: Auf dem Alexanderplatz gibt es eine lange Menschenschlange

Diese Menschenschlange war schon immer da. Schon bei den antiken Römern, die noch gar nicht wussten, dass das einmal Berlin werden sollte, war da eine Menschenschlange auf einem langweiligen Grashügel, der später einmal der Alexanderplatz werden sollte. Die Menschen standen rum und taten, was man in einer Menschenschlange halt so tut, sie bohrten sich in der Nase herum (sich selbst aber auch gegenseitig und im Kreis, vgl. "Bolognaise-Nasenbohren"), sie verfluchten die Behörden, die nichts gegen diesen desolaten Zustand taten und sie fragten alle paar Minuten, wie lange das wohl noch dauern könnte und überhaupt wären sie gar nicht gekommen, wenn sie das gewusst hätten und zuhause hätten sie viel besseres zu tun, zum Beispiel das Atrium zu bohnern oder die Sklaven anzuschreien. Diese Schlange gab es also schon immer und es wusste niemand wirklich, warum diese Leute alle da standen, aber irgendwie hatten alle das Gefühl, sie könnten etwas verpassen, wenn sie jetzt nach Hause gehen würden und ausserdem würden all die anderen Leute ja sicher nicht umsonst warten, denn einer kann sich irren, aber hunderte nicht (das ist übrigens bei allen Schlangen so und der Grund, warum es Schlangen überhaupt gibt). Diese Leute standen also da und nach zweitausend Jahren erbarmte sich ihrer jemand und baute ein Haus, damit sie drinnen warten konnten.

Bald war das Haus aber zu klein und da mittlerweile Berlin um das Haus herumstand, gab es keinen Platz mehr für ein grösseres Haus (das heisst es gab zwar den Alexanderplatz, aber da war ja schon Alexander und der war recht dick) und drum entschieden sich die Behörden kurz darauf, einen hohen Turm zu bauen, in dem sich die Menschen ungestört auf den Füssen rumstehen und in der Nase bohren konnten. Die Leute waren sehr glücklich und weil sich die Kunde von dieser 1A-Klasse Luxusmenschenschlange wie ein Fegefeuer verbreitete, kamen immer mehr Menschen aus schlechteren, windausgesetzten Menschenschlangenverhältnissen in den Turm und feierten ein ausgelassenes Menschenschlangenfest. Dieses Fest dauert immer noch an und man kann in Berlin mitfeiern und darauf warten, dass etwas passiert. Damit die Leute, die die Spitze des Turms erreichen, nicht enttäuscht sind darüber, dass da gar nichts ist, hat man schliesslich dort noch einen Fernseher hingestellt, auf dem das andere Ende der Schlange live übertragen wird. Und seitdem heisst der Turm Fernsehturm.


















