Date mit der tollsten Person des Universums
Heute startet mein Film in den deutschschweizer Kinos, und ich fühle mich in etwa wie vor dem ersten Date mit der tollsten Person des Universums, wenn man, anstatt sich ordentlich zu freuen, dauernd alle Katastrophenszenarien durchspielt. Ich werde kleckern, dann umfallen oder erst umfallen und dann kleckern, ausserdem bin ich zu dick, und was, wenn er plötzlich anfängt, von Wittgenstein zu sprechen? Merkt er dann, wie ungebildet ich bin? So bin ich seit gestern überzeugt davon, dass kein Schwein meinen Film schauen wird. NIEMAND. Vielleicht sitzt einer drin, der eigentlich in "Pirates of the Caribbean" wollte, sich aber im Saal irrte. Oder jemand, der keine Freunde hat. Oder Johnny Depp, der einfach mal allein sein will. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Inzwischen habe ich so ziemlich jeden Alptraum durchgespielt. Darin wurde ich wahlweise an den Zuschauerpranger für Regisseurinnen mit besonders igitten Filmen gestellt, von meinen Produzenten gesteinigt oder schlicht ausgebürgert. An einen möglichen guten Ausgang des Dates wagt man in solch einem Moment einfach noch nicht zu denken. Weil man wirklich zu dick ist. Und zu ungebildet. Und unlustig...
Cunclas
Ich sollte einen Spaziergang machen - Caminante, no hay camino, se hace camino al andar (Machado) - anstatt meine Steuererklärung auszufüllen. Und vielleicht würde ich auf meinem Spaziergang* gleich noch am Steueramt vorbei kommen, wo ich rein schauen könnte auf ein Bier (man weiss aber nicht, ob sie Galopper haben). Und während ich in Schränken und Kartonschachteln nach den nötigen Papieren suche, stosse ich auf Sätze, die mich von der Steuererklärung wegtragen. Poesie macht man nur mit dem Antipoetischen (Ramuz). Der Spaziergang endet im Odeon, wo man wie in einem Zug sitzt, auf Holzbänken, in Anzügen und mit dicken Zigarren, auf roten Kissen, damit die feinen Schläge einem nicht in den Rücken fahren auf dem Weg nach Graubünden. Und am Morgen früh fährt der Zug in Chur ein. Auf dem Kunkelspass, der auf der deutsch-romanischen Sprachgrenze liegt und wo ich noch nie war, wird das Hörbuch vom "Sez Ner" vorgestellt. Corin Curschellas umrahmt die Veranstaltung musikalisch**, das freut mich besonders.
* Robert Walser ist Grund genug, um in Biel zu wohnen.
** mit der Maultrommel (rom: sgara da bucca - wörtlich übersetzt: Maulschnarre, -knarre)
„Ich möchte gerne Hausfrau sein"

Heute bin ich aus München zurückgekommen, wo ich Samstagabend „La Cage aux Folles" am Gärtnerplatztheater gespielt habe. Ein tolles Stück. Die Vorstellung ist fast immer ausverkauft und macht allen Beteiligten große Freude. Wir spielen sie schon im dritten Jahr und von mir aus kann es immer so weitergehen. Eigentlich bin ich noch etwas jung für die Rolle des Albain. Dem Regisseur Helmut Baumann war's egal. Und nun erledigt es sich von selbst mit den Jahren. Ich muss gar nichts dafür tun.
So gern ich die Vorstellung spiele, hätte ich auch gegen einen freien Sonntag in unserer sehr gemütlichen St. Gallener Gästewohnung nichts einzuwenden gehabt, überhaupt nichts. Ich bin bei aller Liebe zum Theater und zum Showgeschäft nämlich auch ein ganz großer Freund freier Tage. Dann koche ich, räume auf, backe einen Kuchen oder werkle so vor mich her und nuusche herum. Für mich das Größte. Ich hab schon oft zu meinem Mann gesagt: wenn er ein anständiges Gehalt nach Hause brächte, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen und könnte mich ganz auf den Haushalt konzentrieren, ich wäre gerne Hausfrau, und eine gute obendrein. Es soll wohl nicht sein.
Die Zeit in München ist jedes Mal ganz knapp und begrenzt. Ich wohne immer im selben Hotel, oft sogar im selben Zimmer, gehe nach meiner Ankunft immer ins selbe Restaurant, wo ich meistens das gleiche Gericht bestelle. Ins Theater geh ich zu Fuß, durchs Bahnhofsviertel, vorbei am Jüdischen Museum (wunderschön ist das, vor allem auf dem Rückweg nachts, wenn es beleuchtet ist!). Immer die selben Wege zur gleichen Zeit. Diese Rituale sind wichtig, sie helfen mir reinzukommen. Schminken tu ich mich selber und bin meistens der erste, der in der Garderobe ist, bevor sie sich dann mehr und mehr füllt, bis sie tatsächlich ein Käfig voller Narren ist.
Diesmal gab es in meinem Zeitplan eine kleine Lücke, welche ich genutzt habe um mich auf die Suche nach einem Duft für meine Rolle in „Bibi Balù" zu machen. Jede Rolle, die ich spiele, bekommt ihren eigenen Duft. Bei Ursli ist es „Chanel Pour Monsieur". Bei Ursula West war es „Kölnisch Wasser 4711. „Shalimar" für Zaza, „Chanel Nr. 5" für Dolly Levi. „Poison" für die böse Königin in „Snow White" - was denn sonst. Und für die Rolle der „Csárdásfürstin" nächsten Winter an der Oper Köln hab ich mir jetzt schon „Aqua Fiorentina" von Creed gekauft, noch bevor ich den Vertrag unterschrieben habe, einfach weil ich mich so darauf freue! In St.Gallen jetzt spiele ich Emma Weideli-Oggenfuss, eine exaltierte, ältere Dame vom Züribärg, vornehm, aber bei weitem nicht so vermögend, wie sie es einem gerne glauben macht, der Duft muss also preiswert sein und etwas von einer Oma haben. Es ist Sonntag, die Geschäfte haben zu, hm. Der Drogeriemarkt im Bahnhof, perfekt! „Tosca"? Zu frisch. „Gloria Vanderbilt"? Halten die Kollegen nicht aus. Aber was steht denn da rechts oben im Regal, „Nonchalance", das kenn ich gar nicht. Ich sprühe mir vom Tester etwas auf einen Papierstreifen und weiß sofort: Treffer! Mehr Oma geht nicht. Voll Freude und Zuversicht, das richtige gefunden zu haben, mache ich mich auf den Weg ins Theater und zur Vorstellung.
Die Nacht ist kurz. Ich hatte vor, mir die Oscarverleihung live aus Los Angeles anzuschauen, bin aber wenige Minuten vor Beginn bei laufendem Fernseher eingeschlafen, noch bevor Christoph Walz seinen Oscar für die beste männliche Nebenrolle in Empfang nehmen konnte. Kurz nach sechs Uhr klingelt der Wecker, und um sieben sitz ich schon im Zug zurück nach St. Gallen. Mein Mann, der auch mein Manager ist und sich um all meine Geschäfte kümmert - wofür ich ihm gerne den Haushalt mache und seine Hemden bügle - hat mir einen Sitzplatz in der 1. Klasse reserviert. Das ist schön, obwohl ich finde, dass der Unterschied in der 1. Klasse zur 2. in den Schweizer Zügen nicht groß genug ist. Ich beschließe, mich nicht auf meinen reservierten Platz im Großraumwagen zu setzten und verziehe mich stattdessen in einen alten Abteilwagen, die mit den Sitzen, die man rausziehen und sich so ein Liege machen kann. Kein Mensch weit und breit. Bordeauxfarbene Cordbezüge. Ich schlafe sofort ein. Als ich wieder erwache, sind wir schon im Allgäu. Ich mag diese Gegend gern. Der Winter ist ja übers Wochenende zurückgekehrt, und da, wo sonst so viel Grün ist, ist jetzt so viel Weiß. In Lindau dann der fantastische Blick über den See, wenig später die Ankunft in St. Gallen. Kurz nach elf Uhr bin ich auf der Probebühne, es geht weiter.

















