Was bleibt

Man kann nörgeln über 68 so viel man will, die Kinder profitieren bis heute am meisten davon. Man ist sich gar nicht mehr klar, wie das vorher zuging in den Kinderzimmern. Das Bibelzitat "Wer seinen Sohn lieb hat, der züchtigt ihn" wurde sehr konkret umgesetzt.
Klar, ich hätte als Siebenjähriger die Scheiben im Nachbarhaus nicht einschlagen sollen, aber Vaters Reitpeitsche hat mir zu wenig Einsicht in meine Tat verholfen.
Unsere Familie war keine Ausnahme. "Zieh die Brille aus und komm ins Badezimmer," hiess es zum Beispiel bei unseren Nachbarn, deren Vater zur Dressur des Sohnes einen Kleiderbügel verwendete.
Auch für Familien, die heute 68 feindlich gegenüber stehen, ist es undenkbar, ihre Kinder noch so zu erziehen.
Der englische Reformpädagoge A. S. Neill war eine Befreiung für uns. In seiner Schule Summerhill wollte er es den Kindern ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was ihnen Autoritäten wie Eltern oder Erziehern vorschreiben - nach dem Prinzip "freie Erziehung und nicht frei von Erziehung." Sein Buch über die nichtautoritäre Erziehung ist auf Deutsch über eine Million Mal verkauft worden.
Natürlich gab es bei den Nachahmern auch Auswüchse in falsche Freiheit. In dem Kinderladen, den wir selber in einem alten Bauernhof gegründet und organisiert hatten, warfen die Kinder einmal ihre Dreiräder in die Jauchegrube. Einige fanden, man solle sie machen lassen, die Kinder würden nur so ihre Spielsachen schätzen lernen, wenn sie nachher nicht mehr Fahrrad fahren konnten.
Natürlich haben wir eingegriffen und die Kinder und die Fahrräder gerettet.
"Dass ich ein "reinrassiges 68er-Kind" bin, ist etwas zum stolz sein, finde ich," schreibt meine in Australien lebende Tochter. "Die Werte der 68er werden mir hier in Australien immer wieder bewusst, wenn ich mich von der hiesigen "50er-Jahre Mentalität" befremdet fühle. Diese stösst mir auf, wenn im Lokalblättchen jede Woche die Armee idealisiert wird oder wenn ich im Schwimmbad an der Garderobe lesen muss "Zur Sicherheit der Besucher ist der Aufenthalt von Buben über fünf Jahren in der Damengarderobe nicht erlaubt. Bitte benutzen Sie den Familienumkleideraum um die Ecke."
Wenn ich dann dorthin gehe, handelt es sich um das WC für Behinderte."
In diesem Sinn ein Abschiedgruss meiner damaligen Patchworkfamilie:

AND THE BEAT GOES ON (5)
Wie viel hat sich wirklich verändert ? Schwer zu sagen - schliesslich ist dies kein Variantenspiel, wo man schnell ein paar Felder zurücksetzen und ausprobieren kann. Aber heute wie damals beklage ich den Raubtierkapitalismus, der uns bloss in die Spirale der Konsumsucht und des künstlichen Bedürfnisschaffens saugt. Trostpflastershopping, der Ehrgeiz, das Streben nach Besitztümern und die Pflege des Lifestyles rauben uns viel zu viel wertvolle Zeit, die wir besser unseren Kindern und uns selber schenken sollten. «Freedom's just another word for nothing left to lose», wie Janis Joplin sang, hat eben schon was. Ich sage es gerne immer wieder: Material und Kohle werden schlussendlich nie die ganz grosse Satisfaction bringen und das ist auch heute noch so.
«Die Welt krankt aus Mangel an Liebe und Menschentum!» schrieb Hermann Hesse und ich finde, er hat immer noch recht. Viele Parolen des Summer of Love haben für mich ungeschmälerte Gültigkeit. Ich wünsche mir oft ein bisschen von unserem damaligen Bewusstsein in die Köpfe der Gegenwart: All you need is love ! Ja, Nostalgie ist das Heroin der Alten... mag sein, aber die Vergangenheit ist nicht tot - nicht einmal vergangen. Herz und Seele kennen keine Zeit. Der Spruch, der heute über meinem Pult hängt, ist allerdings nicht mehr der gleiche wie damals. In dieser Hinsicht haben sich die Zeiten für mich auch ganz leicht geändert, denn viele Geburtstage, Tourneen, Produktionen, Fernsehauftritte, zwei Bücher und ein Kind später, steht in grossen Lettern an meiner Wand: «Wenn ich die Kraft hätte, würde ich gar nichts tun!»
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Euphorie und Kurzsichtigkeit
Unsere Kleinfamilie hatte zwar fast kein Geld, aber Hoffnung, Aufbruch, Lust an der Selbstbestimmung waren so gross, dass wir 1968 ein zweites Kind "machten".
Und im nächsten Jahr landete man auf dem Mond.

Das Lebensgefühl meiner Tochter
In der Euphorie, dass das Leben endlich anfing, habe ich die dummen rosa Märklein für das "Markenheft für Studenten für die Alters- und Hinterlassenen Verordnung" nicht gekauft. Das kam mir wie eine Beleidigung vor und ich sparte ein paar Franken, die ich dringend brauchte.
40 Jahre später hiess es: "Sie haben eine Lücke, die nie mehr aufgefüllt werden kann!" Als Strafe für die damalige euphorische Kurzsichtigkeit gibt es Rentenkürzung, monatlich, bis zum Tod.
Natürlich kenne ich die Fabel von der lebensfrohen Grille, die den Sommer über nur musiziert hat und von der fleissigen Ameise im Winter nichts abbekommt. Also bleibt auch mir nichts anderes übrig, als mich an die Musik jenes 68er Frühlings zu erinnern und jetzt dazu zu tanzen.
Das heisst: the beat goes on, ich sitze an einem neuen Drehbuch:
Titel "Das Blaue vom Himmel"...
Auf unsere ersten Blogs zu Mai 68 kommt man übrigens, wenn man hier ans Ende scrollt und dann mit dem kleinen Pfeil unten links:
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AND THE BEAT GOES ON (4)
«Ja wo kämen wir da hin, wenn alle so denken und leben würden?» war der Standard-Rapp der anderen. Er war nicht nur unwahr, er hing vielen allmählich zum Hals raus, denn wir wollten unsere eigene Version der Lebens-Soap durchwandeln. Angepasst sein und «Du sollst dich so und so verhalten» war gestern - «Come on baby, light my fire» sangen die Doors heute, und wir lebten zwar nicht im warmen California aber wussten trotzdem genau was sie meinten.
Dadurch dass dann auch noch die Antibabypille auf den Markt kam und Geschlechtskrankheiten kaum ein Thema waren, fürchtete man sich als junger Mensch höchstens noch davor, dass einem der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Nie war der Generationenunterschied so gross, wie im Summer of Love ! Die «Generation Liebe» der Hippies und Freigeister spürte einfach: Alles war möglich, spannend, lustvoll und veränderbar, wenn man wollte und konnte. Die gewisse jugendliche Unbekümmertheit gab einem den Extraschub.
Unser Kredo war: «Liebe Eltern, tausend Dank, doch eure Welt, die macht mich krank. Wir fahren durch die leeren Strassen, weit raus auf die Autobahn, wo die zu Ende ist, fängt unser Horizont an. Und sie werden uns suchen, doch sie finden uns nie, und die Spiesser fluchen: das ist Anarchie! Born to be wild - born to be wild, yeah!»
Mein Wunsch als Suchergeist anno 68, die Welt zu verändern, sie gerechter, menschlicher und lebens- und liebenswerter zu machen, war ebenso flammend wie meine roten Hennahaare: «Set the world on fire!»
War es eine Illusion? Für die damalige Zeit sicher nicht, denn das Aufbegehren war absolut lebensnotwendig und für viele meines Alters der einzig richtige Schritt. Ich erinnere mich gern daran zurück, weil es so pur, direkt und echt war. Keine verkorkste Hirngeburt. Ich durfte viele Erfahrungen sammeln, die meinen Horizont wesentlich erweiterten und mir zusätzlichen Schub gab meinen Weg konsequent zu gehen und alles auf eine Karte zu setzen. Glücklicherweise hat mich die Natur mit einem gesunden Instinkt ausgerüstet, der mir stets rechtzeitig signalisiert hat, wo für mich die Grenzen lagen. So blieb der grosse Kater des Jungfuchses aus. Auch wenn sich nach der grossen Reform eine Art Desillusion einstellte. Denn viele Mitläufer, denen es gar nicht um das Gedankengut dieser Bewegung, sondern bloss darum ging, die Sau rauszulassen, eilten schnell wieder in ihr konservatives 0815-Leben zurück und wurden noch spiessiger als ihre Eltern. Die, die's aber wirklich auch gegen innen lebten, haben was mitgenommen und sich bis heute bewahrt von diesem Sixties-Zauber.
Inszenierte Erinnerung
Warum aber erfährt gerade 40 Jahre "68" eine solche starke Resonanz, nicht nur in der Schweiz, sondern in den unterschiedlichsten europäischen Medien? Das fragte ich hier auf dem Blog Anfang Mai. Reagiert hat niemand auf die Frage, wie überhaupt die Resonanz auf meinen Blog bis jetzt gleich null war. Liegt wohl an mir beziehungsweise an meinem Texten.
Eine mögliche Antwort auf meine Frage nach der Relevanz dieses 40 Jahre-68-Jubiläums erhielt ich im direkten Gespräch mit einer befreundeten Historikerin und Soziologin. In Anlehnung an die Theorie von Jan Assmann, Kulturwissenschaftler an der Universität Konstanz, könnten wir diese kollektive Inszenierung von Erinnerung als Übergang vom kommunikativen Gedächtnis zum kulturellen Gedächtnis verstehen. Das kommunikative beruht auf der Interaktion, dem Erzählen und Austauschen von Erlebten, das kulturelle wird als gemeinsame Vergangenheit und kollektives Erinnerungsfigur - als "68" - archiviert. Ein Indiz für den Übergang sind die historischen Projekte auf nationaler Ebene, die gegenwärtige parallel zu den inszenierten Erinnerungen anlaufen. Ein Indiz auch die Materialsammlung von Angelika Linke und Joachim Scharloth vom Germanistischen Seminar der Universität. Sie haben ihrer Publikation "Der Zürcher Sommer 1968. Zwischen Krawall, Utopie und Bürgersinn" eine DVD beigelegt mit rund 1000 faksimilierten Dokumenten. Diese zeigen nicht nur die Aktionen der 68erInnen, sondern ebenso die Reaktionen des so genannten Establishments.
Diese Reaktionen fehlen weitgehend bei den inszenierten 68er-Erinnerungen in den Schweizer Medien, ob Zeitungen oder TV. Als "Kuschelrunde" bezeichnete denn auch einer meiner Mitherausgeberinnen von "Zürich 68", den Zischtigsclub vom 13. Mai. Im Zentrum solcher Runden steht der Aufbruch als persönliches Erlebnis und Zukunft prägende Erfahrung sowie als kulturelle Wertvermehrung. Wahrend die Einwürfe von Frauenseite als Teil ihres Aufbruchs registriert und programmiert werden, wird auf die Kritik der ideologischen Entwicklungen durch Kulturschaffende wenig eingegangen. Und noch weniger thematisiert werden die politischen Differenzierungen. Etwas mehr Reibung würde der Sache auch nur nützen, Reibung nicht im Sinne der Konfrontation mit der grobschlächtigen und wahltaktisch begründeten Politpropaganda von rechts, sondern zwischen damals involvierten AkteurInnen. Dies müsse jetzt geschehen, in 10 Jahren seien wir dafür alle zu tatterig, monierte Peter Bodenmann kürzlich bei einem Gespräch in Naters. Ob sich daraus, wie er meinte, politische Lehren ziehen liessen, glaube ich weniger, wohl aber Erkenntnisse über gesellschaftspolitische Prozesse.
Eines scheint mir rückblickend sicher, dass der Aufbruch für Frauen nachhaltig war, auch für mich, auch für jene, die nicht direkt involviert waren. Denn er bezog seine Kraft nicht nur aus Utopien und Träumen von einer besseren Welt, sondern es ging um die ganz handfeste Befreiung von einschränkenden Lebensbedingungen. So hat auch das riesige Transparent der im Herbst 68 gegründeten FBB - eine Faust, die das Frauenzeichen sprengt - einen sehr realen Aussagewert. Deponiert ist es im Schweizerischen Sozialarchiv, gemalt hat es Lilo König, die diese Woche im Kulturplatz zu Wort kommt. Sie hat ihre Verve und ihren Mut zum Widerspruch bis heute nicht verloren. Mit Lilo Königs pointiertem Votum von 1972 verabschiede ich mich von den möglichen LeserInnen dieses Blogs: "Aber wenn wir uns nicht schon jetzt für uns wehren, stehen wir auch nach der Revolution (die steht ja vor der Tür, sagen die Genossen) hinter dem Kochherd und kochen Suppe à la Mao Tse-Tung und putzen ihre revolutionären Hosenböden, die von den Sit-Ins schmutzig geworden sind."
Sind Pferde gern beim Militär?
Der Mai ist schon bald vorbei und ich habe noch längst nicht alles erzählt. Drum kürz ich jetzt ab.

Quizfrage: Wann wurde dieses Bild aufgenommen und wer ist der Reiter links?
Falsch! 1968, nicht 1914.
Und es ist auch kein Russe oder mein Grossvater, ich bin es selbst. Und wie der Text unter dem Zeitungsbild verrät: der Feind kam damals natürlich von Osten.
Ich pendelte in jenen Jahren zwischen 3 Welten:
dem Musentempel bei Professor Staiger an der Uni, im auffrischenden 68er Wind der Filmschule, die ich gleichzeitig besuchte, und drei Wochen im Jahr bei der Kavallerie, die zur Hauptsache aus Bauern bestand. (Wenn wir durch die Dörfer trabten, gingen die Fenster auf und die Leute applaudierten.)
Über die Kavallerie drehte ich 68/69 den Dokumentarfilm "Ormenis" (so hiess mein Pferd). Ich stellte die einfache Frage, ob die "Eidgenossen", wie die Dienstpferde genannt wurden, auch so gern beim Militär waren, wie die meisten, die drauf sassen.

Im Reglement der Pferdegasmaske heisst es: "Bei Atomschlag ist für die Pferde ein Augenverband aus Behelfsmaterial, z.B. Baumrinde, zu erstellen."
Nach der Erfahrung mit "Rondo" hätte ich es mir eigentlich denken können: öffentliche Aufführungen des Films wurden nach der Premiere in Solothurn verboten- diesmal sogar mit der "Strafandrohung Haft oder Busse". Geldgeber setzten beim Bezirksgericht Zürich eine "kastrierte Version" durch. Da die Fakten stimmten ging es dabei um Nebensachen. Zum Beispiel musste das Lied
"Dragoner stolz zu Pferde sitzt,
hell in der Sonn der Säbel blitzt."
von einem Männerchor gesungen werden, nicht wie in meiner Version von einem Schüler aufgesagt...
Gleichzeitig wurde die verboten Originalfassung ausgezeichnet mit einer Qualitätsprämie des Bundes, dem Zürcher Filmpreis und einer Silbermedaille in Venedig - ein schöner Früchtekorb für einen Film, den man unzensiert in der Schweiz nicht sehen durfte.
Körper - Bilder
Ein grossformatiges Bild von Rosina Kuhn im Katalog zur Ausstellung "1968. Zürich steht Kopf" im Seedamm Kulturzentrum (Pfäffikon Schwyz) zeigt eine Kommune: 3 Paare und 5 Kinder, alle nackt, Verdichtung des dreijährigen Experiments von Städtern auf dem Land. Trotz Nacktheit unterläuft das Bild alle Vorstellungen von Promiskuität und sexueller Exzesse, die seit den Bildern der Berliner Kommune 1 mit Rainer Langhaar und Uschi Obermaier auch in der deutschen Schweiz die Phantasien erregten. Fotos vom wilden Leben in der Kommune fanden wir bei der Bildrecherche von "Zürich 68" keine. Wild sind auf den Fotos von Werner Pfändler vom ersten Love-in auf der Zürcher Allmend im September 1967 vor allem die Hippie-Klamotten und Blumengirlanden. Das Leben mit Drogen und freier Liebe wurde in den Sixties auch in der Schweiz suggeriert, mit Texten, Comics und psychedelischer Grafik, in Fotodokumenten findet es kaum statt.
FREIE LIEBE
Die mit dem deutschen 68er Slogan "Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment" propagierte Pflicht zur Promiskuität, degradierte Frauen zum sexuellen Objekt und erzeugte nicht weniger Anpassungsdruck als die alten rigiden Normen, gegen deren Exponenten sich auch bei mir eine riesige Wut angesammelt hatte. Das Pillenverbot des Papstes verstand ich nur als auf die Spitze getriebenen Anspruch auf Kontrolle, der die Entgrenzung in der sexuellen Lusterfahrung diametral entgegenstand - anti-autoritäre Widerständigkeit als Erlebnis und Erfahrung, nicht aber frei von Verunsicherungen, von Angst vor Verletzungen. Mit ein Grund, dass trotz Experimentierfreudigkeiten, die "freie Liebe"Â nicht nur von Frauen kaum je öffentlich als Provokation zelebriert wurde.
PROVO
Provoziert wurde mit ironischer Überzeichnung, mit grotesker Persiflage bürgerlicher Moralvorstellungen in Happenings und Strassentheatern, die, von bürgerlichem Biedersinn als Pornographie denunziert, die erwartete Medienwirksamkeit erzielten. Provozierend die Orgie von Disneys Schneewittchen im "Hotcha", provozierend das Zürcher Wappen auf dem nackten Busen auf dem Aufruf zur Diskussion nach den Globus-Krawall oder der Geschlechtsakt auf dem Flugblatt von Helen Pinkus-Rymann zur Demo für bessere Arbeitsbedingungen, Einforderung nach Freiheit und "Satisfaction" auch auf Flugblättern des Zürcher Künstlers Peter König.Â
KONFRONTATION
Die öffentlich sichtbare Lust an körperhaftem Erleben von gemeinsamer und emotional aufgeladener Widerständigkeit wird mir beim ruhigen Durchsehen der Publikationen zu 68 in der Schweiz, bei den Fotos von Rob Gnant, Willy Spiller und Eric Bachmann erst recht bewusst: die Konfrontation mit der Polizei, vom Stones-Konzert über den Globus-Krawall bis zur Räumung besetzter Häuser, die skandierend vorwärts rennenden DemonstrantInnen mit Fahnen und Transparenten, dicht gedrängt die Sit-ins an der Universität oder auf öffentlichen Plätzen.
VERSEHRUNG
Emotionalisierung auch durch die Identifikation mit den Opfern - "viktimisierende Imagination" - über das Bild des versehrten Körpers: Tod und Verbrennung durch Bomben und Napalm in Vietnam, namenlose Kinder, Frauen, Männer. Für Zürichs Behörden eine Provokation, die Ausstellung solche Bilder liess sie im öffentlichen Raum verbieten, nicht zumutbar für Zürcher Frauen und Kinder.
FÄUSTE
Und immer wieder, auf Fotos wie auf archivierten Flugblättern: die erhobene Faust, die Verkörperung des Freiheitskampfes in allen Variationen.
Ein Autonomes Jugendzentrum für Peter Königs Kind auf dem Hafen mit erhobener Faust. Black Power in den USA: die schwarzen US-Athleten mit erhobener Faust und gesenktem Kopf während der Siegerehrung bei den Olympischen Spielen in Mexiko; Freiheit für die schwarze Bürgerrechtskämpferin Angela Davies mit Afrolook und erhobener Faust in Zürichs Strassen.
Die Faust durchbricht das Frauenzeichen - Frauenbefreiung.Â
Die Faust mit Kette - Kampf im Knast.
In den 70er Jahren, die Faust als aufsteigende Verlängerung: der Gitarre, des Sterns, des Fabrikschlots, des Stahlhelms - Kulturkampf, Jugendkampf, Lehrlingskampf, Arbeiterkampf, Soldatenkampf.
Und immer wieder und immer öfter, die Faust des Arbeiters - das Urbild.
KÖPFE
Die Ikonen auf den Transparenten von den 60er zu den 70er Jahren als Zeichen ideologischer Verschiebungen - anwachsend zu Riesenköpfen.
1968:Â Rudi Dutschke, Marx, Che und Ho Chi-Minh - Befreiung, Kampf und Widerstand.
1969: Mao - Kulturrevolution oder unhinterfragte Identifikation mit Maos roter Sonne.
1971: Stalin, Lenin - Dogmatisierung. Verengung statt Befreiung.
Der kulturelle Aufbruch, die pädagogischen und sozialen Umwertungen sind unbestritten, darüber zu streiten lohnt sich. Über die politische Verengung und Verblendung wäre zu reflektieren, jetzt, 40 Jahre später.
Versteckspiel mit der Zensur - Nachtrag zum Film "Rondo"

Der "Wolf" im Schafspelz
Ein paar Jahre nach dem Verbot meines Gefängnisfilms "Rondo" habe ich mir die Haare abgeschnitten und habe mich in der Berner Rückfälligenanstalt Thorberg als Gefängniswärter anstellen lassen. Der Föderalismus kam mir zu Hilfe: man wusste im Kanton Bern nicht, dass ich "gefährlich" war.

Der Zweite von rechts ist der junge Gefängniswärter Markus Imhoof auf der Sonntagswache, mit Weisswein und Bier zum Geburtstag eines Kollegen.
Zwei Monate habe ich den normalen Wärterdienst gemacht und ich schwöre, ich habe nichts dazu getan, dass mir ein Gefangener sogar abgehauen ist. Aus meinem "Gefängnistagebuch" habe ich dann das Drehbuch zu meinem ersten Spielfilm "Fluchtgefahr" geschrieben, der 1974 sehr erfolgreich in die Kinos kam. Das war jetzt "Fiktion" und konnte nicht mehr verboten werden.
Aber mich freute, wenn die Zuschauer die Hauptdarsteller Mathias Habich und Wolfram Berger für echte Gefangene hielten.
In jedem Kinoinserat schrieb der Verleih: "Fluchtgefahr, vom Autor des verbotenen Gefängnisfilms Rondo."
Da kam die Zürcher Justizdirektion auf mich zu und fragte an, ob man nicht das leidige Verbot aufheben könnte...
Rondo - ein verbotener Studentenfilm
Wegen der Ausstrahlung meines Films "Die Reise" habe ich letztes Mal den chronologischen Ablauf unterbrochen und fahre jetzt mit der Filmschule von 1968 weiter:
In meinem zweiten Studentenfilm "Rondo" rekonstruierte ich mit Strafgefangenen den Alltag im Zuchthaus, vom Topfleeren übers Papiersäcke Kleben bis zum Lichterlöschen und verglich dabei die Realität mit dem Artikel 37 des Strafgesetzbuches:
"Der Vollzug soll erziehend auf den Gefangenen einwirken und ihn auf den Wiedereintritt in das bürgerliche Leben vorbereiten."
Der Gefängnisdirektor nahm zur Bestätigung seines Auftrags den gerahmten Goethespruch von der Wand und las ihn in die Kamera vor, der Sozialarbeiter erzählte von seiner Erfindung, den Gefangenen Sandsäcke in die Zellen zu hängen, damit sie zum Abreagieren sexueller Impulse draufschlagen konnten und schwärmte, was das für eine Befriedigung für die Gefangenen sei. Diesen Text hat man mir dann besonders vorgeworfen, weil ich ihn zum Hecheln des patrouillierenden des Nachwächter-Hundes montiert hatte.

Der Regierungsrat des Kanons Zürich verbot nach der Premiere öffentliche Vorführungen des Films mit der Begründung, ein Studentenfilm sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Besonders beanstandet wurde, dass ich allen Gefangenen schwarze Balken über die Augen kopiert hatte und dem Direktor und dem Personal nicht. Die nackten Gesichter wirkten irgendwie obszön.
Dass der "Französische Staatsangehörige Sartre, Jean Paul" sich meinen Film anschauen wollte, brachte mich vollends in Verruf: Sartres Interesse ist der erste Eintrag der politischen Polizei in der Überwachungsfiche über mich.
In der Schweiz, nicht in China!
Für mich ist es eine meiner wertvollsten Filmauszeichnungen.

Meine Fiche der Bundespolizei
Ein solches Natternest wie die Zürcher Filmschule durfte nicht weiter genährt werden. Es sei "ein unrealisierbares und im Endeffekt den Dilettantismus förderndes Projekt mit ideologischem Unterbau" schrieb der Filmredakteur der NZZ, welcher sogar eine Interpellation an den Gemeinderat einreichte, um eine Fortsetzung der Filmausbildung zu stoppen.
Wir nahmen der Politik die schwere Last ab: unter Protest - vor allem gegen den Rektor, der uns wie kleine Schüler halten wollte - verliessen viele von uns nach zwei Jahren die Kunstgewerbeschule und fingen einfach selber an, Filme zu drehen.
Ich drehte "Ormenis 199+69", einen Dokumentarfilm über die Kavallerie, wo ich selber eingeteilt war.
Eine Woche nach der Premiere ist dieser Film ebenfalls verboten worden. Ich konnte es "ihnen" einfach nicht Recht machen.
Fortsetzung folgt.
AND THE BEAT GOES ON (3)
Ja, nicht nur Sex und Musik, sondern auch die guten und schlechten Drogen hielten in der Kommune Himbeer in Zuchwil, wo ich eine Zeit lang wohnte, Einzug. Irgendwie gehörte das einfach zum neuen, experimentellen Leben. Damals unterschied noch niemand zwischen harten und weichen Drogen - Rauschgift war eh in den Augen der meisten des Teufels - Amen. Mein Problem: Beim Hasch rauchen schlief ich immer ein, oder hatte leicht paranoide Phasen.
Egal ob grün, ob schwarz, ob rot, ich liebte längst nicht jedes Dope! Trotz der schönen Wasserpfeifen, die dann auch später die Solothurner Polizei, Abteilung Rauschgift-Fahndung, bei einer Grossrazzia fand und meinte "Jetz hei mer euch aber", wandte ich mich relativ schnell vom Rauchen ab - war mir einfach zu fest ein Downer und nahm mir zuviel Energie.
Etwas anders war's dann mit LSD. Das ist nun weiss Gott alles andere als ne Party und Rummelplatzdroge. Nur wer's schon mal probiert hat, weiss, von was ich hier spreche. Die Menschen, die nicht drauf waren, kamen uns noch komischer vor als sie uns schon nüchtern vorkamen. Das war krass. Wir gingen in die Wälder und sahen die Bäume und Moose wachsen, trampten nach Sardinien, um da in den Höhlen am Meer die Himmels- und Wolkenschichten im biblischen Ausmass zu studieren und voll mitzuerleben. Kurz, wir fühlten uns wie ein Stück Natur und erfuhren die verrücktesten Dinge.
Man kann es ja gar nicht in Worte fassen - es ist ne andere Dimension - nicht die typische Zumachdroge wie Alkohol oder anderes. LSD öffnet - fast zuviel. Ich geb's zu: Heute hätte ich den Mumm nicht mehr, so ne farbige Pille einzuwerfen - zu tief geht das Ganze und es scheint mir auch nicht mehr nötig, da die Bewusstseinserweiterung ja bereits stattgefunden hat und ich heute andere, natürliche Mittel kenne, die mir mehr bringen und wohl auch gesünder sind .
Da nicht jeder Mensch gleich auf Acid reagiert, ist so ein LSD-Trip nur unter kompetenter Führung - wenn überhaupt - zu empfehlen, wenn eine klare Absicht dahinter steckt - wie es ja heute wieder vereinzelt in der Psychotherapie unter kompetenter Begleitung verwendet wird. LSD ist halt letzten Endes auch nur ein gefährliches Hilfsmittel, um in andere, tiefere Ebenen vorzudringen und zu erkennen, dass vieles nicht so ist wie wir es eigentlich im Alltag wahrnehmen, und vielleicht Blockaden aufzuweichen. Es gibt noch eine andere Welt und wir sind nur ein Staubkorn in diesem Kosmos.
Die teils völlig abgefahrenen Halluzinationen und Flashbacks muss man erst mal verkraften. Als Tondichter konnte dies höchstens im Textbereich was bringen, aber in nüchternem Zustand sah dann alles wieder anders aus. Die Sessions und Jams, die wir damals auf LSD machten, waren im Nachhinein meist unanhörbar. Zu abgefahren, zu jenseitig.
Wie gesagt: Heute hätte ich Bedenken, aber damals in dieser unbekümmerten Zeit fackelten wir nicht lange und mir persönlich hat's wirklich was gebracht - bless Albert Hofmann - nämlich in tiefere und ungeahnte Schichten von mir selbst ranzukommen, vieles anders zu sehen und zu werten und vor allem konsequent den Weg zu gehen, den andere nur selbstüberheblich und sauermienig belächelten, abqualifizierten und den ich nicht ständig mit Worten erklären und rechtfertigen mochte. Um diese "Hilfe" war ich damals froh, nebst all dem Hirnfutter und der Musik.

















