27.5.2011 14:27

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Zufallsbekanntschaft

Ich mag keine Abschiede. Drum machen wir es kurz, aber immer noch zu lang: Danke, es war schön mit Ihnen, Sie haben mich gut unterhalten, angeregt, überrascht und amüsiert.

 

Zwar waren Sie recht still, aber ich hatte eine Vorstellung von Ihnen. Manchmal habe ich mir Sie als grossen, dicken, leicht schwermütigen Mann vorgestellt, der sich von mir partout nicht aufheitern lassen wollte. Manchmal waren Sie eine nölende Siebenjährige, die lieber draussen spielen gehen wollte, als mit mir zu plaudern. Ab und zu waren Sie eine gute Freundin, mit der man Intimitäten austauscht und es umgehend bereut, weil man ihre Tratschsucht allzugern verdrängt, in seltenen Momenten waren Sie eine Zufallsbekanntschaft, deren Einladung zu einem Drink man annimmt. So waren Sie. Und noch ganz anders. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, eine gute Reise, passen Sie auf sich auf, nehmen Sie den Schirm mit, es regnet, reden Sie ums Himmels Willen nicht mit Fremden, und steigen Sie nicht in Autos, nicht mal in bekannte, denn die neigen zu Unfällen. Lassen Sie wieder mal was von sich hören, und leben Sie verdammt nochmal Ihr Leben.

 

Alles Gute. Bye bye.



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25.5.2011 16:26

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Urtriebe

Vor einigen Tagen kam anlässlich eines Essens in trauter Freundesrunde und aufgrund der aktuellen Medienberichte rund um Berlusconi, Schwarzenegger und Kachelmann die Frage auf, ob der Mensch an und für sich denn überhaupt treu, sprich monogam sei. Natürlich war mit Mensch vor allem der Mann gemeint, und von da war es ein kleiner Schritt zur Küchen-Evolutionstheorie mit den Samen, die möglichst weit fliegen und sich verbreiten müssen und dem menschlichen Urtrieb, der durch die Zivilisation letztlich nur mehr schlecht als recht im Zaum gehalten werden könne.

 

Mich langweilt dieses Gefasel vom Urtrieb. Und zwar, weil sich mir folgende Fragen aufdrängen: Weshalb wird in solchen Gesprächen nur der sexuelle „Urtrieb" verhandelt und als moralresistente Zone heroisiert, obwohl es eine ganze Batterie von weiteren Urtrieben gibt, die - gemäss Evolutionsromantikern - letztlich nur das eigene Überleben sichern sollen? Oder anders gefragt: Sind Mörder, Totschläger, Betrüger und Räuber letztlich auch einfach etwas heissblütige, leidenschaftliche Lebemänner?



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19.5.2011 10:23

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Date mit der tollsten Person des Universums

Heute startet mein Film in den deutschschweizer Kinos, und ich fühle mich in etwa wie vor dem ersten Date mit der tollsten Person des Universums, wenn man, anstatt sich ordentlich zu freuen, dauernd alle Katastrophenszenarien durchspielt. Ich werde kleckern, dann umfallen oder erst umfallen und dann kleckern, ausserdem bin ich zu dick, und was, wenn er plötzlich anfängt, von Wittgenstein zu sprechen? Merkt er dann, wie ungebildet ich bin? So bin ich seit gestern überzeugt davon, dass kein Schwein meinen Film schauen wird. NIEMAND. Vielleicht sitzt einer drin, der eigentlich in "Pirates of the Caribbean" wollte, sich aber im Saal irrte. Oder jemand, der keine Freunde hat. Oder Johnny Depp, der einfach mal allein sein will. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Inzwischen habe ich so ziemlich jeden Alptraum durchgespielt. Darin wurde ich wahlweise an den Zuschauerpranger für Regisseurinnen mit besonders igitten Filmen gestellt, von meinen Produzenten gesteinigt oder schlicht ausgebürgert. An einen möglichen guten Ausgang des Dates wagt man in solch einem Moment einfach noch nicht zu denken. Weil man wirklich zu dick ist. Und zu ungebildet. Und unlustig...



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9.5.2011 14:11

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Voll schnüge!

Diese Woche war voll mit Presseterminen. Zwischenbilanz beim Lesen der Interviews mit mir und frei nach Bob Dylan: God, I'm glad I'm not me (Mein Gott, zum Glück bin ich nicht ich). Denn zu meinem grossen Erstaunen trage ich in Interviews gerne „geblümte" oder „adrette" Kleider, wirble durch Türen, sage etwas von „ich bin nicht eitel", während ich mir gleichzeitig die Lippen nachziehe, benutze sehr gerne das Wort „lässig" für „angenehm" oder „lustig". Ueberhaupt bin ich mir inzwischen sicher, dass ich bei meinen Kolumnen und Drehbüchern über einen Ghostwriter verfüge, so unbeholfen, wie ich in Interviews rede.

 

Heute Abend steht die Filmpremiere von „Fliegende Fische" an. Ich schmeisse mich jetzt mal in ein adrettes, geblümtes Kleid, wirble dort ein wenig herum und halte eine total lässige Rede. Hey, das wird voll schnüge!



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2.5.2011 14:40

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Diplomat, fremde Schönheit und Viagrazwischenhändler

Guten Tag. Wir kennen uns noch nicht, und Sie haben recht, mir gegenüber etwas verhalten zu sein. Denn normalerweise handelt es sich bei Personen mit ungewöhnlichen bis unaussprechlichen Namen, die man irgendwo im Internet antrifft, entweder a) um Diplomaten eines Landes mit einer vertrauenerweckenden Regierung, die einen um den Transfer eines Geldkoffers auf eine Schweizer Bank bitten oder b) um heiratswillige Schönheiten, die ganz sicher und zweifelsohne treu und romantisch und wirklich nur auf der Suche nach Liebe sind oder c) um Viagrazwischenhändler. Ich bin ein bisschen von allem. Auch ich verkaufe etwas. Ich verkaufe Geschichten. Mal zwischen zwei Buchdeckeln, mal auf einer Zeitungsseite, mal auf einer Leinwand.

 

Genau wie der Diplomat mit dem Geldkoffer, die fremde Schönheit und der Viagrahändler spiele auch ich auf die Sorgen und Sehnsüchte, auf die verborgenen und geheimen Wünsche eines Publikums an, das mir weder persönlich bekannt noch vertraut ist. Die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen sind fast bei allen dieselben. Noch weiss ich nicht, welche Geschichten ich Ihnen in diesem Monat auftischen werde. Sicher ist, dass Sie sie umsonst bekommen. Bevor wir starten, würde ich Sie gerne mit einem „Willkommen auf diesem Blog" begrüssen, was aber unsinnig wäre, da ja ich der Neuling bin und Sie vermutlich Stammgast. Also sage ich: Heissen wir uns einfach alle gegenseitig Willkommen, am besten gleichzeitig und durcheinander, damit es schön laut wird. Ich freue mich auf Sie!



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30.3.2011 09:45

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Zweimal These ohne Pong

 Ping Pong

So, der Tischtennistisch ist aufgestellt. Und gespielt habe ich auch schon. Aber als ich so hin und her spielte, dachte ich die ganze Zeit an ein paar merkwürdige Zeilen im TagesAnzeiger vom Dienstag, die mich noch immer beschäftigen. Im Zusammenhang mit Kachelmann. (Also, der Prozess beschäftigt mich nicht). Nur die Zeilen eben. „Sie getrauen sich noch, anzurufen", bellt ein Schweizer Anwalt in den Hörer." So beginnt der Text über den Kachelmann-Prozess. „Was Sie da schreiben, ist so ein Scheiss", sagt der Anwalt weiter. Dann legt er den Hörer auf, und der Journalist analysiert: „Das einseitige Telefonat mag von der direkten Art des Rechtsvertreters zeugen. Oder von einer gewissen Nervosität im kachelmannschen Umfeld."

Und eben, diese beiden Erklärungsversuche für das rüde Verhalten des Anwalts finde ich interessant. Weil die Erklärungsversuche etwas einseitig sind. Sie sind wie zweimal Ping ohne Pong dazwischen.

In einem Nebensatz könnte der Journalist zum Beispiel anmerken, als dritte Möglichkeit: „Vielleicht habe ich wirklich einen Scheiss geschrieben." Ich weiss nicht, ob er im Verlauf der vielen Monate seit Prozessbeginn einen Scheiss geschrieben hat oder nicht. Mir geht es nur um die Frage. Das heisst um die Nicht-Frage. Um diesen einen zusätzlich möglichen doch nicht gedachten Gedanken von Seite des Journalisten.

Das wollte ich kurz los werden. Jetzt gehe ich noch ein Bild machen, vom Tischtennistisch, und dann ist gut.



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1.1.2011 14:22

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Das Z-Wort

Wo beginnt man einen Blog, den man eigentlich am letzten Tag des vergangenen Jahres abgeben hätte müssen? Es mag die Leserin und den Leser überraschen, aber selbst bloggende Bluessänger haben vorgegebene Abgabetermine. Ich habe meinen Termin also verpasst und schiebe grad hurtig wieder Mal das Z-Wort vor. Genau diese Zeit ist es, die man immer und immer wieder für die eigenen short comings missbraucht. Wann haben Sie das letzte Mal einen Anlass auf die Beine gestellt, schöne Einladungen gedruckt und an fünfzig Ihrer besten Freunde, Verwandte, Bekannte und an einen VIP (in der Hoffnung, dass er dann wirklich auch kommt und Ihrem Fest etwas Gloria verleiht) versandt? Darauf haben sich 11 Personen angemeldet, 4 haben abgesagt und vom Rest des Packs haben Sie nie auch nur eine Reaktion erhalten. Drei Wochen nach dem Anlass (sagen wir, es war Ihr 50. Geburtstag) treffen Sie einen der guten Freunde in der Stadt und er steuert geradewegs mit der Frage auf Sie zu (Flucht nach vorne nennt sich das), wann den das Fest sei, er habe doch, glaube er, letzthin Mal so eine Einladung erhalten. Genüsslich aber voller Bitterkeit lassen Sie ihm rein, dass das Fest schon lange vorbei sei und während Sie auf Ihre eigenen Schuhspitzen starren, murmeln Sie etwas von "es hätte mich schon gefreut, wenn du dich wenigstens kurz gemeldet hättest!" Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wird er das Z-Wort gebrauchen. Wer in dieser Situation das Z-Wort braucht, ist, in meinen Augen, ein Loser. Do NOT, under any circumstances, use the Z-Wort! Ihr Freund hatte also keine Zeit, auch nur ein sms, eine E-mail, oder eine hübsche kleine Postkarte mit einem lieben Wort und entsprechender Abmeldung zu schicken? Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Doch sollte man der Person auch den Kredit geben, dass sie Sie nie darum gebeten hat, ihr eine Einladung für Ihren Anlass zu schicken.

 

Item, das sollte eigentlich nicht mein Blog werden. Ich sitze auf einem sonnendurchfluteten Balkon am Fusse des Matterhorns in Zermatt. Meine lieben Mitmusiker und ich wurden eingeladen, bzw. engagiert, für eine durchmischte und gut betuchte Kundschaft in einem sehr noblen Hotel ein Silvester-Konzert zu spielen. Um 23 Uhr war das bereits vorbei und um Mitternacht haben wir gemeinsam mit der Gästeschar bei Häppli und Champagner auf der abgesperrten Terrasse das offizielle Zermatter Feuerwerk bestaunt. Dann sind wir bis etwas fünf Uhr morgens durch die Bars gezogen und jetzt sitze ich eben auf dem Balkon der Matterhorn-Suite und geniesse. Es waren tatsächlich zwei sehr anstrengende Wochen seit "Try My Love" veröffentlicht wurde. Es waren auch zwei der schönsten Wochen seit ich Musik mache.

 

Die ehemals "grösste" Boulevardzeitung der Schweiz wollte von mir wissen, was ich denn für gute Vorsätze für das neue Jahr hätte. Ich habe zwei Tage überlegt und ihnen dann abgesagt. Ich habe keine Vorsätze: ich geniesse das Rauchen, fünf Kilo abnehmen ist quasi ein Dauervorsatz und hat mit dem neuen Jahr rein gar nichts zu tun, ein besserer Mensch zu werden ist das Lebensziel und "a work in progress" und alles Weitere wären allenfalls Wünsche, keine Vorsätze. Ich werde mir wieder mehr Zeit nehmen, mehr Freiräume schaffen. Und ich beantworte nach wie vor jede Einladung, mit Ab- oder Zusage, ganz egal, ob ich eingeladen werden wollte oder nicht. Und ich werde mich weiterhin masslos über respekt- und stillose Mitmenschen ärgern, die mir gegenüber das Z-Wort missbrauchen und damit meine Intelligenz unterschätzen.

 

Excusez, der Blog ist etwas lang geraten, aber ich hatte grad so schön Zeit. Ach ja, ich muss ja noch einen Grund für meine Verspätung angeben: ich hatte am Abgabetag rein gar keine Lust zu bloggen, es hat mir regelrecht gestunken. Heute, am ersten Tag des Jahres 2011, könnte ich grad ein Dutzend davon verfassen.

 

Feliz ano novo



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15.6.2010 11:10

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Nach Tavanasa

Tavanasa erreicht man am besten mit dem Zug. In Graubünden wurde das Automobil erst im Jahre 1925 endgültig zugelassen*. Davor musste man der Überlieferung nach auf der Kantonsgrenze bei Maienfeld den Motor abschalten, die Pferde vorne her binden und sich durch den Kanton ziehen lassen.

Auf dem Weg ins Bündner Oberland fährt der Zug den Rhein entlang das Tal hinauf. Es kommen mir Baumstämme entgegen. In der Surselva bin ich aufgewachsen, in Tavanasa, das im Winter über Monate hinweg im Schatten liegt und wo jeder Jassspieler, der etwas auf sich hält, mal vorbei kommt in seinem Leben. In die "Ustria dalla staziun" gehen sie, die Canuns da jass, die Jasskanonen, ohne gross Worte zu verlieren, zum Duell gegen die Wirtin**. Und manch einer verlässt in der Dämmerung die Ustria mit schmerzenden Handgelenken, um nie mehr aufzutauchen.

Jan Matejko, Stanczyk (1862)

* endlich, nach 10 Abstimmungen (die halbe Welt fuhr bereits mit dem Automobil)

** Seit fünf Jahren, dass ich regelmässig mit meinem Cousin gegen die Wirtin und die Grossmutter antrete, und seit fünf Jahren, dass wir noch nie gewonnen haben. Man wird konsequent unter den Tisch gehauen. Fürs Schreiben ist das nur gut.



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18.11.2009 14:16

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6.11.2009 15:56

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FACES & PHRASES 1

Faces & Phrases sind Zeichnungen und Bilder, die ich sekundenschnell und beiläufig mit zufällig vorhandenem Mal- und Schreibwerkzeug auf das Papier werfe. So entstanden über Jahrzehnte Gesichter ohne jede Absicht, etwas Vorbestimmtes darzustellen oder abzubilden. Jeder Ausdruck, jede Stimmung ist so zufällig wie unser Leben selbst. Mit dem Verfahren der totalen Absichtslosigkeit wird also nichts umgesetzt, was irgendwie schon vorhanden ist. Die Gesichter passieren mir, überraschen mich und oft trete ich mit ihnen unmittelbar in einen Dialog. Der Ausdruck der zufälligen Befindlichkeit findet Worte und Bruchstücke von Aussagen, die ich in die Zeichnungen und Bilder hineinschreibe.


 


 
Die Faces and Phrases 1979 - 2009 sind zur Zeit in Zürich, in der Galerie Jamileh Weber zu sehen.



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