19.12.2008 10:48

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Zweite Blitzumfrage, geführt unter Schweizern in Berlin

1. Vermisst du die Schweiz? Und wenn ja, was vermisst du daran?
2. Was fehlt dir gar nicht, beziehungsweise, worüber bist du sogar froh, dass du es nicht mehr um dich haben musst?


Die Wärme der Schweiz


Marten, Film-PR-Agent, 22 Jahre in Berlin
1. Vermissen:

Ich bin schon seit 22 Jahren in Berlin und was soll ich sagen ... natürlich vermisse ich die Schweiz. Immerhin ist es der Ort, an dem man sich zum ersten Mal verliebt und das ABC der kleinen Enttäuschungen von großen Gefühlen erlernt hat. Es ist aber auch das Land, in dem jedes Jahr das Märlitram durch die Stadt zieht und auch das Kerzenziehen auf dem Bürkliplatz keinerlei darwinistischer Selektion unterliegt. Es ist da, war da und wird immer da sein, egal ob sich Cindy Crawford liften lässt, der Dalai Lama beschließt, dass es doch alles keinen Sinn hat, und Sarkozy seinen Landsfrauen per Gesetz verbietet, hohe Absätze zu tragen. Es wird vermutlich auch immer die freundliche Verkäuferin hinter der Fleischtheke bei Migros geben, die mich anlächelt und fragt: "Dörfs es bizzeli meh sy?". Und es bizzeli meh isches immer: meh Skiwasser, meh Föhn, meh Schoggistängeli, meh Gwüssheit (ob jetzt ächti oder falschi), aber au immer es bizzeli langwilliger. Aber ddigge isch es scho! Und es isch ebä dihei.
2. Froh, es los zu sein:
Vielleicht die Gewissheiten, vielleicht die Rechtsimmanenz, vielleicht das Terrarium, das klare Grenzen hat. Und ganz bestimmt die Müllsäcke, die man um Gotteswillen keinen Augenblick zu früh vor die Tür stellen darf. Was in der Welt passiert, ist zwar Gegenstand, aber nie Subjekt. Es berührt nie wirklich. Das strengt an.


Christine, Philosophin, 7 Jahre in Berlin
1. Vermissen:

südliches Licht, südliche Vegetation (Palmen, Immergrüne)
Flughafen Zürich mit direkten Verbindungen in die ganze Welt
Poschis mit Horn
Sicht von den Weinbergen auf Genfersee
gepflegte alte Damen im Café
Französisch
kurze Distanzen
Migros
Rivella, Eglifilet, Croissants, Vermicelles, Schale, Panaché
2. Froh, es los zu sein:
Biotopisches Lebensgefühl
Grabesstille an Feiertagen
langsames Tempo
Käse


Olga, Primarschülerin, 9 Jahre in Berlin
1. Vermissen:

Alles finde ich toll da, ich vermisse alles. Das Land, die Kühe, die Luft. Snowboarden! Die Ur-Oma, die 90 wird. Nie, niemals will ich in Berlin wohnen, wenn ich groß bin!


Barbara, Bildredakteurin, 20 Jahre in Berlin
1. Vermissen:

Eindeutig das Brot! Das Schweizer Brot ist die perfekte Mischung zwischen dem deutschen und dem französischen Brot. Luftiger und knuspriger (knuspriges Brot kennt man ja in Berlin GAAAR nicht) als das Berliner Brot und nicht aus Sauerteig gebacken, aber auch nicht so trocken und salzlos wie das französische Baguette. Das deutsche Brot macht beim Schneiden keine Geräusche, es wird mehr gesägt als geschnitten. Keinesfalls könnte man, wie es meine Grossmutter immer getan hat, am Busen davon eine Scheibe abschneiden. Das deutsche Brot ist eine traurige Angelegenheit mit viel Körnern. Mit andern Worten: für äs Büürli könnt ich schon sentimental werden und ins Schwärmen geraten.
2. Froh, es los zu sein:
Das, was mich belästigt hatte, führte dazu, dass ich vor 20 Jahren weggegangen bin. Jetzt muss ich eher aufpassen, in meiner Vorstellung die reale Schweiz nicht zu verklären. Ich habe ja nie ein erwachsenes Leben in der Schweiz geführt, aber eine Kindheit, die sorgenlos war. Ich bin eher von dem "zu viel des Guten" weggegangen und habe das Schlechtere, das Unperfekte gesucht. Berlin in den 80ern war mit der abgepackten Aldi-Wurst der Gegenentwurf zu all dem Guten, was die Schweiz zu bieten hatte.


Michael, Gehülfe, 19 Jahre in Berlin
1. Vermissen:

Den Jura
2. Froh, es los zu sein:
Die Alpen


Ester, Fotografin, 6 Jahre in Berlin
1. Vermissen:

Ehrlich gesagt nicht so viel. Sonst wäre ich bestimmt schon zurückgekehrt. Vermissen tu' ich die Surselva - die Fahrt mit der Rhätischen Bahn von Reichenau nach Castrisch (durch das Versamertobel) oder wenn ich höre, dass der erste Schnee fällt und hier ist alles nur grau und nass, dann wünscht ich mir, ich wäre jetzt in den Bergen. Da werde ich ganz nervös wie früher als Kind und denke, ich verpass' jetzt ganz viel. Aber sonst ... nix was es hier nicht auch gibt. Ach ja doch, das Rosenkranzbrot der Migros mit der Currybananensauce und Marronis im Winter. Ach, und die gelben Posteinzahlungs-Büächli. Die waren praktisch.
2. Froh, es los zu sein:
Was ich so gar nicht vermisse an der Schweiz, ist die Verniedlichung von allem und allen (nei, so lääääs! oder nei, soo häääärzig! das isch den äber lääs) und das Staunen. Über alles wird gestaunt in der Schweiz (nei würklii? ächt?). Aber sonst? ... eigentlich sind sie(/wir?) doch alle ganz nett.



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13.12.2008 13:09

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Auf dem Klausen sitzen Meisen

Berlin-Mariendorf, ein trüber Dezembermorgen am südlichsten Ende der Stadt. Erste Blitzumfrage unter Passanten. Standort: vor LIDL in der Säntisstraße.

Frage: "Wir befinden uns hier in der Säntisstraße; wissen Sie, was Säntis bedeutet?"
Antwort: "Ne, keene Ahnung." (9 Nennungen)

LIDL ist offensichtlich kein geeigneter Ort für eine Umfrage dieser Art.

Also direkt in den Titlisweg; eine ruhige Nebenstraße, Einfamilienhäuser, Gartenzäune, ein Stilpotpourri, weiter hinten Lagerhallen.

Titlisweg

Antworten: "Der Titlis ist ein Berg in den Berner Alpen. Ich kenne mich da aus, ich habe in Lörrach gewohnt." (Mann, Ende 60)
"Mein Sohn musste ein Referat darüber halten, ist ein Berg in der Schweiz, drum weiß ich das." (Frau, um die 40)

Gegenüber wäre der Glärnischweg, doch besser man biegt nach dem Tödiweg rechts ab in den Rätikonweg, dann weiter in die Säntisstraße; eine alte Frau steht am Straßenrand, den Stock seltsam unter den Arm geklemmt, sie weiß nicht, was Säntis bedeutet. Springt ungefragt ins Auto hinein, sie müsse schnell um ein paar Ecken gefahren werden, sonst komme sie zu spät zum Skat, los, es eile. Sie sei sehr gläubig, die Tochter sogar eine Ordensschwester, unten in Bayern. Aber sie habe eine Schwäche, und ja, sie gestehe es jetzt, in ängstlichen Stunden bete sie sogar zu Gott, dass er ihr Arme und Hände erhalten möge, damit sie weiterhin Skat spielen könne. Am Albulaweg steigt sie aus, gibt Gottes Segen und ruft: "Gut Blatt!" Mariendorf gewinnt zunehmend an Charme. Die Kontaktbereichsbeamtin (so nennt man hier Polizisten, die durch die Straßen gehen) kennt sich leider mit den Straßennamen gar nicht aus, lässt sich aber von drei Russinnen erklären, dass sie im so genannten Gebirgsviertel Streife läuft. Doch eine ältere Frau weiß, dass der Albulapass in Graubünden liegt, da sei sie hingefahren, mit ihrem Mann im Glacier Express, sie wollten gucken, wie der Berg, an welchem sie in Berlin wohnen, in Natura aussieht.   

Weitere Versuche: "Es gibt hier die Säntisstraße, den Furkaweg, den Rätikonweg oder den Pilatusweg. Wissen Sie, was das ist?"
Antworten: "Der Furka ist ein Berg in Bayern." (Frau, Anfang 20)
"Ja klar, das sind alles Schweizer Persönlichkeiten. Politiker oder so." (Frau, Ende 20)
"Zentis ist eine Marmeladenmarke, die anderen kenne ich nicht." (Frau, Mitte 40)
"Pilatus war dieser Römer mit Jesus." (Mann, Ende 30)

Der Letzte war nicht schlecht, denn laut Lexikon ist Pilatus:
- der römische Statthalter Pontius Pilatus in der Provinz Judäa. Verurteilte laut Passionsgeschichte Jesus zum Tod am Kreuz.
- ein Bergmassiv in der Schweiz, höchster Gipfel ist mit 2128 Metern das Tomlishorn.
- ein Schweizer Flugzeughersteller namens Pilatus Aircraft, kritisiert für seine zu Kriegsmaschinen aufrüstbaren Flugzeuge, zuletzt erwiesenermaßen gegen Flüchtlingslager in Darfur eingesetzt.
- der byzantinische Scholar Leonitius Pilatus, erster Lehrstuhlinhaber für Griechisch im westlichen Europa, gestorben 1366.
- der Innerschweizer Radiosender Radio Pilatus.
- der an exzessivem Suchtmittelgebrauch gestorbene Sänger Rob Pilatus (das ist der von Milli Vanilli, jener Band, die 1990 des Playbacks überführt wurde).

Der Pilatus (das Bergmassiv) verdankt seinen Namen der Sage nach  tatsächlich dem Römer Pontius Pilatus. Weil der sich Jesus gegenüber so schändlich verhalten hatte, kam es zu Schwierigkeiten mit seiner letzten Ruhestätte. Überall, wo man Pilatus' Leichnam bestatten wollte, traten heftige Stürme auf. Deshalb wurde als Grabstelle ein Gebirgssee eines hohen Berges ausgewählt, auf dem ohnehin Unwetter tobten. An jedem Karfreitag soll der Statthalter von Judäa aus seinem nassen Grab steigen und zu Gericht sitzen. Bis ins 16. Jahrhundert hatte der Stadtrat von Luzern das Besteigen des Berges unter Androhung von Strafen verboten, zu gefährlich, all die Winde.

Umfragefazit: Wissen ist unendlich. Und man sollte sich über die fehlerhaften Antworten der Mariendorfer nicht mokieren: denn wer von uns kennt schon die Bedeutung der Mädelegabelstraße, des Hochvogelwegs, des Bockkarkopfsteigs oder der Funtenseetauernstraße (die drei ersten sind Berge im Allgäu, der letztgenannte liegt in den Berchtesgadener Alpen)? Zudem sind die Mariendorfer freundlich, spielsüchtig (zumindest eine) und künstlerisch begabt: Recht hübsch ist die Wandbemalung einer Brandmauer in einer Straße, die tatsächlich einfach nur Klausenpass heißt, ganz ohne Weg oder Stieg hintendran. Meisen auf dem Klausen also.

Meisen auf dem Klausenpass

Und der Rätikon ist übrigens eine Gebirgsgruppe der Ostalpen. Sage mir keiner, er hätte das gewusst.



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