25.5.2011 16:26

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Urtriebe

Vor einigen Tagen kam anlässlich eines Essens in trauter Freundesrunde und aufgrund der aktuellen Medienberichte rund um Berlusconi, Schwarzenegger und Kachelmann die Frage auf, ob der Mensch an und für sich denn überhaupt treu, sprich monogam sei. Natürlich war mit Mensch vor allem der Mann gemeint, und von da war es ein kleiner Schritt zur Küchen-Evolutionstheorie mit den Samen, die möglichst weit fliegen und sich verbreiten müssen und dem menschlichen Urtrieb, der durch die Zivilisation letztlich nur mehr schlecht als recht im Zaum gehalten werden könne.

 

Mich langweilt dieses Gefasel vom Urtrieb. Und zwar, weil sich mir folgende Fragen aufdrängen: Weshalb wird in solchen Gesprächen nur der sexuelle „Urtrieb" verhandelt und als moralresistente Zone heroisiert, obwohl es eine ganze Batterie von weiteren Urtrieben gibt, die - gemäss Evolutionsromantikern - letztlich nur das eigene Überleben sichern sollen? Oder anders gefragt: Sind Mörder, Totschläger, Betrüger und Räuber letztlich auch einfach etwas heissblütige, leidenschaftliche Lebemänner?



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11.5.2011 12:44

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Erleben oder Erfinden?

Dem deutschen Journalisten René Pfister wurde vorige Woche der Henri- Nannen-Preis, einer der wichtigsten Preise für journalistische Leistungen, erst zugesprochen, dann aberkannt, weil er eine Schlüsselpassage seiner Reportage nicht selbst erlebt habe, was Pfister allerdings auch nie behauptete. Dazu ein sehr lesenswerter Artikel von Frank Schirrmacher in der FAZ.



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2.5.2011 14:40

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Diplomat, fremde Schönheit und Viagrazwischenhändler

Guten Tag. Wir kennen uns noch nicht, und Sie haben recht, mir gegenüber etwas verhalten zu sein. Denn normalerweise handelt es sich bei Personen mit ungewöhnlichen bis unaussprechlichen Namen, die man irgendwo im Internet antrifft, entweder a) um Diplomaten eines Landes mit einer vertrauenerweckenden Regierung, die einen um den Transfer eines Geldkoffers auf eine Schweizer Bank bitten oder b) um heiratswillige Schönheiten, die ganz sicher und zweifelsohne treu und romantisch und wirklich nur auf der Suche nach Liebe sind oder c) um Viagrazwischenhändler. Ich bin ein bisschen von allem. Auch ich verkaufe etwas. Ich verkaufe Geschichten. Mal zwischen zwei Buchdeckeln, mal auf einer Zeitungsseite, mal auf einer Leinwand.

 

Genau wie der Diplomat mit dem Geldkoffer, die fremde Schönheit und der Viagrahändler spiele auch ich auf die Sorgen und Sehnsüchte, auf die verborgenen und geheimen Wünsche eines Publikums an, das mir weder persönlich bekannt noch vertraut ist. Die Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen sind fast bei allen dieselben. Noch weiss ich nicht, welche Geschichten ich Ihnen in diesem Monat auftischen werde. Sicher ist, dass Sie sie umsonst bekommen. Bevor wir starten, würde ich Sie gerne mit einem „Willkommen auf diesem Blog" begrüssen, was aber unsinnig wäre, da ja ich der Neuling bin und Sie vermutlich Stammgast. Also sage ich: Heissen wir uns einfach alle gegenseitig Willkommen, am besten gleichzeitig und durcheinander, damit es schön laut wird. Ich freue mich auf Sie!



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30.3.2011 09:45

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Zweimal These ohne Pong

 Ping Pong

So, der Tischtennistisch ist aufgestellt. Und gespielt habe ich auch schon. Aber als ich so hin und her spielte, dachte ich die ganze Zeit an ein paar merkwürdige Zeilen im TagesAnzeiger vom Dienstag, die mich noch immer beschäftigen. Im Zusammenhang mit Kachelmann. (Also, der Prozess beschäftigt mich nicht). Nur die Zeilen eben. „Sie getrauen sich noch, anzurufen", bellt ein Schweizer Anwalt in den Hörer." So beginnt der Text über den Kachelmann-Prozess. „Was Sie da schreiben, ist so ein Scheiss", sagt der Anwalt weiter. Dann legt er den Hörer auf, und der Journalist analysiert: „Das einseitige Telefonat mag von der direkten Art des Rechtsvertreters zeugen. Oder von einer gewissen Nervosität im kachelmannschen Umfeld."

Und eben, diese beiden Erklärungsversuche für das rüde Verhalten des Anwalts finde ich interessant. Weil die Erklärungsversuche etwas einseitig sind. Sie sind wie zweimal Ping ohne Pong dazwischen.

In einem Nebensatz könnte der Journalist zum Beispiel anmerken, als dritte Möglichkeit: „Vielleicht habe ich wirklich einen Scheiss geschrieben." Ich weiss nicht, ob er im Verlauf der vielen Monate seit Prozessbeginn einen Scheiss geschrieben hat oder nicht. Mir geht es nur um die Frage. Das heisst um die Nicht-Frage. Um diesen einen zusätzlich möglichen doch nicht gedachten Gedanken von Seite des Journalisten.

Das wollte ich kurz los werden. Jetzt gehe ich noch ein Bild machen, vom Tischtennistisch, und dann ist gut.



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23.3.2011 13:26

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Niemals das eine ohne das andere

Hallo, Leute, und sorry, bin etwas monothematisch im Moment. Wobei; das geht nun schon länger so. Seit November 09. Hallo! Glinglong! Minarett-Initiative!

Seither hab ich rumgehirnt. Wie macht man zu diesem Thema eine Theatersatire? Habs dann auf die Reihe gekriegt, halt erst mit der Zeit, aber immerhin. Und am 19. März war Uraufführung.

aus: biedermann.umgezogen - Luzerner Theater 

Zwar nur am Luzerner Theater. Aber auch in dem Fall finde ich: immerhin. Obwohl sich eine Kritikerin aus Zürich ganz furchtbar ganz genau darüber aufregte, über das Luzerner Theater, das heisst über das Publikum des Luzerner Theaters, über „die schenkelklopfende Begeisterung des lokalen Publikums". Ja, gopfi, ist man als Autorin jetzt auch noch für das Publikum verantwortlich, oder wie? Soll ich mich jetzt fremdschämen, oder was?

Apropos lokales Publikum: Es waren nicht nur Innerschweizer im Publikum. (Übrigens heisst diese Region hier nicht Innerschweiz, sondern Zentralschweiz, imfall. Aber Zentralschweiz klingt halt nicht so schön doof nach doofen Chnebu-Grinde und Buure-Buebe wie Innerschweiz). Wo war ich? Also, direkt neben der Kritikerin aus Zürich sass kein gigelndes Provinzhäschen aus Luzern, sondern eine waschechte Zürcherin aus Zürich. Eine 25jährige. Und sie kam nach der Vorstellung zu mir, eine blitzgescheite Frau, die gerade ihren Master macht, wie sich herausstellte, dieses Girl also, das halt eben während der Vorstellung etwas irritiert worden war durch die Strenge der Grosskritikerin im Nebenstuhl, fragte mich: „Wir durften doch lachen, oder?" Yes, dear, you even were supposed to laugh your head off, dear! Am nächsten Morgen kann man dann noch immer traurig sein darüber, dass man gelacht hat. Das ist nämlich Satire. Lachen, und dann traurig sein. Oder umgekehrt. Jedenfalls niemals das eine ohne das andere. Okay?

Übrigens, Leute! Dranbleiben. Es folgen bald weitere Infos betr. Grosskritikerin und so.



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1.1.2011 14:22

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Das Z-Wort

Wo beginnt man einen Blog, den man eigentlich am letzten Tag des vergangenen Jahres abgeben hätte müssen? Es mag die Leserin und den Leser überraschen, aber selbst bloggende Bluessänger haben vorgegebene Abgabetermine. Ich habe meinen Termin also verpasst und schiebe grad hurtig wieder Mal das Z-Wort vor. Genau diese Zeit ist es, die man immer und immer wieder für die eigenen short comings missbraucht. Wann haben Sie das letzte Mal einen Anlass auf die Beine gestellt, schöne Einladungen gedruckt und an fünfzig Ihrer besten Freunde, Verwandte, Bekannte und an einen VIP (in der Hoffnung, dass er dann wirklich auch kommt und Ihrem Fest etwas Gloria verleiht) versandt? Darauf haben sich 11 Personen angemeldet, 4 haben abgesagt und vom Rest des Packs haben Sie nie auch nur eine Reaktion erhalten. Drei Wochen nach dem Anlass (sagen wir, es war Ihr 50. Geburtstag) treffen Sie einen der guten Freunde in der Stadt und er steuert geradewegs mit der Frage auf Sie zu (Flucht nach vorne nennt sich das), wann den das Fest sei, er habe doch, glaube er, letzthin Mal so eine Einladung erhalten. Genüsslich aber voller Bitterkeit lassen Sie ihm rein, dass das Fest schon lange vorbei sei und während Sie auf Ihre eigenen Schuhspitzen starren, murmeln Sie etwas von "es hätte mich schon gefreut, wenn du dich wenigstens kurz gemeldet hättest!" Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wird er das Z-Wort gebrauchen. Wer in dieser Situation das Z-Wort braucht, ist, in meinen Augen, ein Loser. Do NOT, under any circumstances, use the Z-Wort! Ihr Freund hatte also keine Zeit, auch nur ein sms, eine E-mail, oder eine hübsche kleine Postkarte mit einem lieben Wort und entsprechender Abmeldung zu schicken? Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Doch sollte man der Person auch den Kredit geben, dass sie Sie nie darum gebeten hat, ihr eine Einladung für Ihren Anlass zu schicken.

 

Item, das sollte eigentlich nicht mein Blog werden. Ich sitze auf einem sonnendurchfluteten Balkon am Fusse des Matterhorns in Zermatt. Meine lieben Mitmusiker und ich wurden eingeladen, bzw. engagiert, für eine durchmischte und gut betuchte Kundschaft in einem sehr noblen Hotel ein Silvester-Konzert zu spielen. Um 23 Uhr war das bereits vorbei und um Mitternacht haben wir gemeinsam mit der Gästeschar bei Häppli und Champagner auf der abgesperrten Terrasse das offizielle Zermatter Feuerwerk bestaunt. Dann sind wir bis etwas fünf Uhr morgens durch die Bars gezogen und jetzt sitze ich eben auf dem Balkon der Matterhorn-Suite und geniesse. Es waren tatsächlich zwei sehr anstrengende Wochen seit "Try My Love" veröffentlicht wurde. Es waren auch zwei der schönsten Wochen seit ich Musik mache.

 

Die ehemals "grösste" Boulevardzeitung der Schweiz wollte von mir wissen, was ich denn für gute Vorsätze für das neue Jahr hätte. Ich habe zwei Tage überlegt und ihnen dann abgesagt. Ich habe keine Vorsätze: ich geniesse das Rauchen, fünf Kilo abnehmen ist quasi ein Dauervorsatz und hat mit dem neuen Jahr rein gar nichts zu tun, ein besserer Mensch zu werden ist das Lebensziel und "a work in progress" und alles Weitere wären allenfalls Wünsche, keine Vorsätze. Ich werde mir wieder mehr Zeit nehmen, mehr Freiräume schaffen. Und ich beantworte nach wie vor jede Einladung, mit Ab- oder Zusage, ganz egal, ob ich eingeladen werden wollte oder nicht. Und ich werde mich weiterhin masslos über respekt- und stillose Mitmenschen ärgern, die mir gegenüber das Z-Wort missbrauchen und damit meine Intelligenz unterschätzen.

 

Excusez, der Blog ist etwas lang geraten, aber ich hatte grad so schön Zeit. Ach ja, ich muss ja noch einen Grund für meine Verspätung angeben: ich hatte am Abgabetag rein gar keine Lust zu bloggen, es hat mir regelrecht gestunken. Heute, am ersten Tag des Jahres 2011, könnte ich grad ein Dutzend davon verfassen.

 

Feliz ano novo



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28.11.2010 14:11

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„Nur chaine Sörgeli, Herr Mörgeli"

Heute Morgen hatte ich wieder aine chlaine Chonfrontasion mit mainem Nachbarn, Herr Mörgeli. Du musch dir das mal Vorstelle, der hat mir gesacht ich sei ain Chrimineller, nur weil ich den Schnee vor mainem Haus nicht weggeschüfelet habe. „Aber Herr Mörgeli, ich bin diese Jahr der Samichlaus, wenn ich den Schnee wegschüfele dann chan ich mit mainem Schlitten nicht wegfahre" bin ich ihm entgegnet. Nichts hat er gesacht. Nur angeschaut hat er mich. Wie ein Pavian. Als wäre das was ungewöhliches wenn man zu Weihnachtlicher Zeit dem Samichlaus begegnet.

„Aber Herr Mörgeli, warum den all de Sörgeli" hab ich ihn chonfrontiert. Dann plözlich, wie aus heiterer Hölle, fängt der Mörgeli an su reden: „Wenn Dir näch nid a üsi gsetzt haltet, den wärdet si scho gli irä Kebap i öirä Heimat chönä gniessä!". Dann hat er noch hinzugefügt, dass nach diesem Sonntag für mich dann „ausgeschlittelet" sei. Wenn alles gut chomme. Ausgeschlittelet? Chomisch, was der Mörgeli wohl gemeint hat?



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16.3.2010 12:34

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Heraus mit der Sprache

"Bibi Balù" ist die Geschichte einer tapferen jungen Schweizerin, die ganz allein und aus eigener Kraft auf der einsamen, abgelegenen Südseeinsel Balù ein Lazarett für Eingeborene betreibt. Ohne Hilfe von außen aber droht nun das Lazarett unterzugehen, es fehlt an allem. So rührend die Geschichte ist, sie ist frei erfunden. Weder gibt es eine Bibi, noch eine Insel Balù. Ausgedacht hat sich dies der gescheiterte und mittellose Fritz Sturzenegger, der gerade von einer Weltreise, auf der er sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, nach Zürich zurückgekehrt ist. Es gelingt ihm, einen schmierigen PR-Berater und einen versoffenen Notar von der Idee zu begeistern, gemeinsam in der Schweizer Bevölkerung Spenden zu sammeln für Bibi Balù. Unterstützt werden sie dabei von einer älteren und etwas exaltierten Dame vom Züriberg. Sie hat sich seit Jahren der Wohltätigkeit verschrieben und bringt das nötige Know-how mit. Die Sache kommt ins Rollen und läuft immer besser - bis auf einmal eine junge Frau die Szene betritt und von sich behauptet, sie sei sie, die Bibi.

Gleich auf der Leseprobe macht uns die Dramaturgin darauf aufmerksam, dass wir uns unter Umständen Schwierigkeiten aufhalsen, wenn wir, wie's im Stück steht, die Eingeborenen permanent als Neger bezeichnen. Das Stück ist Anfang der 60er Jahre geschrieben, zu einer Zeit also, in der das Wort Neger in der Schweiz ganz geläufig war, d' Neger dies, d' Neger das. Damals war das nicht rassistisch, es hatte nicht mal einen Gout . Wir müssen es also dabei belassen.

Wann war denn das eigentlich, als das Wort Neger zum Unwort wurde, woher kam das, wer hat darüber entschieden? Ich frage. Angeblich soll Neger das Deutsche Wort für nigger sein. Aber stimmt denn das? Ist Neger nicht negro? Man soll es nicht mehr sagen, gut. Aber ich tue mich schwer damit. Weil ich die Worte schön finde. Neger, negro. Schöne Worte mit einem schönen Klang. Und ist nicht das „d" in d' Neger viel rassistischer, das kollektive Gleichmachen durch den Artikel? Ist am Ende das Wort Rasse heute schon rassistisch? Ich merke schon, es ist gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. Zudem hat sich die angeblich politisch korrekte Bezeichnung ja auch immer wieder geändert. Farbige, Afroamerikaner, Schwarze, weh dem, der da nicht Bescheid weiß, nicht auf dem aktuellen Stand ist. Weh mir.

Auf den Kontext kommt es an, sagt mein Mann. Und er meint, es waren die Putzfrauen, die eines Tages nicht mehr Putzfrauen genannt werden wollten. So hat man sich auf das Wort Reinigungskraft geeinigt, das hatte lange Gültigkeit. Seit einiger Zeit hört man - am Theater zumindest - nun den Begriff Raumpflegerin. Und neu jetzt, vor kurzem erst, das ist kein Witz, hatte Bühnenkosmetikerin Premiere. Mir reicht das jetzt. Ich putze gern, ich finde Frauen toll, ich sage Putzfrau.

Wär's nicht besser, jeder sagt so, wie er denkt und fühlt? Wenn einer zum Beispiel im Internet über mich schreibt „Dr Marti isch e Schwuchtle" ist mir das recht. Nur zu, heraus mit der Sprache, mir ist es lieber, ich weiß, woran ich bin. Ich kann mir dann immer noch überlegen, ob ich zustimmen, anderer Meinung sein, widersprechen oder drüberstehen will. In diesem Fall stimme ich zu. Ich habe doch selber schon vor einigen Jahren, allerdings in fortgeschritten alkoholisiertem Zustand auf der Tanzfläche einer Berliner Schwulendisco gestanden und „Bewegt Euch, ihr Schwuchteln!" gebrüllt. Hat keinen gestört, hat gar kein Aufsehen erregt. Wenn wir uns untereinander so nennen dürfen, darf es dann nicht auch der potentielle Schwulenhasser, der meint, mir nachts auf dunkler Strasse mit seinem Baseballschläger den Unterkiefer zertrümmern zu müssen? Vielleicht ja, wenn er merkt, dass er das eine darf, meint er nicht mehr, das andere zu müssen.



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20.2.2009 13:42

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Genauigkeit und Lebenslügen

Soll ich mich antizyklisch verhalten und das Thema, das heute alle Medien beschäftigt, links liegen lassen? Nein, ich nehme mir eine Stunde Zeit, um Hintergründe auszuleuchten, die mit meinem Beruf zusammenhängen.


Als Schriftsteller verbringe ich meine Tage damit, an der Genauigkeit der Sprache zu arbeiten und  den Dingen auf den Grund zu gehen. In Politik und Wirtschaft geschieht oft genug das Gegenteil: Sprache wird dazu benützt, Tatbestände zu verschleiern und zu verharmlosen. "Boni" suggerieren durch ihre Wortherkunft, dass Boni-Empfänger Geld "zugute" haben, das durch echte Arbeitsleistung verdient wurde. Auch grossherzig verkündeter "Kapitalschutz" kann, wenn er wie bei der CS im Kleingedruckten widerrufen wird, das Gegenteil von dem bedeuten, was das Wort eigentlich meint. Und englische Termini, von denen es in der Finanzwirtschaft wimmelt, dienen hauptsächlich dazu, von ihrer wahren Bedeutung abzulenken. Oder wissen Sie etwa, was Credit Default Swaps und Forward Rate Agreements sind?

Und nun also das Bankgeheimnis. Rund 1000 Milliarden Franken ausländisches Schwarzgeld - diese Zahl nannten gestern Bankexperten - soll auf Schweizer Bankkonten liegen. Um dies zu legalisieren und moralisch zu rechtfertigen, unterscheidet unser Steuerrecht bekanntlich zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Nur letzterer ist strafbar, muss aber, falls ein Land Kapitalien zurückfordert, mit grösstem Aufwand bewiesen werden. Mir geht es um die semantische Unterscheidung zwischen Hinterziehung und Betrug. Im Englischen wird "Hinterziehung" mit "defraudation" übersetzt, und das steht auch für "Betrug". Alle unsere Entscheidungsträger wissen genau, dass beide Begriffe letztlich ineinander fliessen. Die Mehrheit erhält jedoch die künstliche Unterscheidung mit dröhnender Kampfrhetorik aufrecht, denn so lässt sich tarnen, dass es darum geht, auch unrechtmässig gehortetes Geld nicht - oder möglichst lange nicht - anzutasten. Diese Unterscheidung, die nirgendwo sonst existiert, hat sich zu einer der grossen Lebenslügen der offiziellen Schweiz entwickelt. Lebenslügen werden, wenn sie lange genug als wahr gelten, zum Mythos, und ein Mythos, der in die Identität einer Nation hineinwächst, bricht nur unter stärkstem äusseren Druck zusammen. Man mag es, wie damals bei den Holocaust-Geldern, Erpressung nennen. Ich bin trotzdem erleichtert, dass es geschieht. Das Bankengesetz braucht eine Revision: Datenschutz ja, Betrügerschutz nein, auch wenn der Betrug vorläufig noch Hinterziehung heisst.


Vorletzte Woche wurde bekannt, dass der Mugabe-Clan, der ein ganzes Land zugrunde richtet, unter dem Schutz des Bankgeheimnisses Hunderte von Millionen Dollars auf Schweizer Konten deponiert hat. Können wir darauf etwa stolz sein?



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26.1.2009 13:25

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ein gespräch

23:00, badener bahnhof, er: unbekannt, mitte 20, ich: mit gitarre am rücken auf den den nachhausezug wartend.

er: spielst du mir etwas vor?
ich: nein.
er: musst nur deinen verstärker rausholen, schon kann's los gehen!
ich: eben den hab ich nicht.
er: ist das wirklich eine elektrische?
ich: eine halb elektrische.
er: was?
ich: eine halb akkustische.
er: hat die einen hohlkörper?
ich: einen halben.
er: warst du eben bei musicstars?
ich: ja, hier in baden.
er: in baden? das ist ja hier!
ich: ja, in baden.
er: oder bei einem indianerstamm? (bezieht sich auf meine wildlederstiefel)
ich: ja, im badener zentrum.
er: da würdest du nämlich hinpassen.

inzwischen im zug, setze ich mich irgendwo hin wo er sich nicht hingesetzt hat. murmelnd, dass er ja niemanden belästigen wolle, setzt er sich in ein anderes abteil, noch weiter weg von mir. ich schreibe das gespräch auf, damit ich es nicht vergesse. kaum zwei wörter geschrieben, steht er wieder vor mir.

er: ist hier noch frei?
ich: ja.
er: schreibst du für die öffentlichkeit?
ich: ja.
er: eine kolumne?
ich: nein.
er: aha! bist DU sara stutz?



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